Adam von Sankt Viktor

Augustiner-Chorherr zu Paris (* um 1100 – † 1192)

Von der königlichen Abtei regulierter Chorherren zu St. Viktor in Paris, die sich in ihrer einstigen Herrlichkeit in der gleichnamigen Straße von der Ecke der Seinestrasse bis gegenüber der Bäckerstrasse hinzog, und deren Garten von der Bièvre durchschnitten ward, sind in der heutigen Weltstadt so gut wie keine Spuren erhalten. Dies Schicksal der Abtei ist ein getreues Bild des Loses, das ihren gefeiertsten Sänger getroffen hat, den Sänger, den Dom Guéranger als „den größten Dichter des Mittelalters“ schlechthin, Dr. J. Neale als „den größten lateinischen Dichter, nicht bloß des Mittelalters, sondern aller Zeiten“ bezeichnet. Denn die Nachrichten über Leben- und Lebensumstände desselben sind ebenso spärlich als unbestimmt. Wir erfahren nämlich, noch dazu von einem Gewährsmanne, der durch anderthalb Jahrhunderte von ihm getrennt ist, kaum mehr, als daß er „um die Zeit Hugos von St. Viktor“ blühte, daß er von Geburt ein Bretone war, daß er eine Erklärung der Einleitung des hl. Hieronymus in die Bücher des Alten und Neuen Testamentes, sowie ein weiteres biblisches Werk, eine Art exegetischen Nachschlagebuches, verfaßt hat, das den Titel „Summa de vocabulis bibliorum“ trug, gewöhnlich aber als die „Summe Britonis“ bezeichnet ward; daß er viele Sequenzen auf die Feste des Herrn und der Heiligen verfaßt, und daß sein Grab in der Abtei annoch zu sehen sei.

Aus den späteren Annalisten der Abtei können wir nur noch so viel entnehmen, daß Adem unter dem Probstabte Gilduin, also um 1130 blühte, daß er, ein Zeitgenosse Richards von St. Viktor, diesen um ein Beträchtliches überlebte. War er auch ein Zeitgenosse Hugos, und stand somit das leuchtende Sternbild der drei größten Viktoriner eine Zeitlang gleichzeitig am Himmel kirchlicher Kunst und Wissenschaft? Hugo selbst tritt hier als Zeuge ein, indem der die vierte seiner Predigten, gehalten auf das Fest Mariä Geburt, mit vier Strophen einer Sequenz Adams beschließt, sie mit den Worten einführend: „sicut egregius versificator testatus est dicens“ (Migne PP. LL. CLXXVII, 910 sq.). Nachdem er noch den Streit miterlebt, den Richard von St. Viktor an der Spitze der strengeren Brüder gegen die Milderungsversuche des Abtes Gruisius geführt, und der mit der Niederlage des letzteren und der Wahl des Guerinus endete, starb Adam, in jedem Falle hochbetagt, den 18. Juli zu Ende der siebziger oder wohl richtiger zu Anfang der neunziger Jahre des Jahrhunderts. Gewöhnlich findet man das Jahr 1192 als sein Todesjahr verzeichnet; fest steht indes nur das Wort der Antiquitates Sancti Victoris: „Praefixus extincti patris Adami non constat annus.“

Die Sequenzen Adams gingen ohne den Namen des Verfassers in die liturgischen Bücher zunächst der eigenen Abtei, dann der verschwisterten und benachbarten Abtei Sainte-Geneviève und der Diözese von Paris über. In diesen liturgischen Monumenten haben wir sie ausfindig zu machen, gerade wie wir die Hymnen des h. Ambrosius aus der Mailändischen Liturgie, die Sequenzen Notkers aus den St. Gallischen Chorbüchern zu sammeln und zu sichten haben. (...)

(Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 257f.)

 

Literatur

Adam v. St-Victor. - Lexikon für Theologie und Kirche. Begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper u.a., Freiburg i.Br., Basel, Rom, Wien. Bd. 1. A bis Barcelona. - 3., völlig neu bearb. Aufl. 1993, Sp. 140f.

Adam von St. Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch und Deutsch, eingeführt und übertragen von Franz Wellner, 2. Aufl. München 1955