Supernae matris gaudia

Adamus a Sancto-Victore (* um 1100 – † 1192)

Lateinisch:

Supernæ matris gaudia
Repræsentet ecclesia;
Dum festa colit annua,
Suspiret ad perpetua.

In hac valle miseriæ
Mater succurrat filiæ;
Hic cælestes excubiæ
Nobiscum stent in acie.

Mundus, caro, dæmonia
Diversa movent prœlia;
Incursu tot phantasmatum
Turbator cordis sabbatum.

Dies festos cognatio
Simul hæc habet odio
Certatque pari fœdere
Pacem de terra tollere.

Confusa sunt hic omnia:
Spes metus, mæror gaudium;
Vix hora vel dimidia
Fit in cælo silentium.

Quam felix illa civitas,
In qua iugis sollemnitas,
Et quam iucunda curia,
Quæ curæ prorsus nescia.

Nec languor hic, nec senium,
Nec fraus, nec terror hostium,
Sed una vox lætantium
Et unus ardor cordium.

Illic cives angelici
Sub ierachia triplici
Trinæ gaudent et simplici
Se monarchiæ subici.

Mirantur nec deficiunt
In illum, quem prospiciunt;
Fruuntur nec fastidiunt,
Quo frui magis sitiunt.

Illic patres dispositi
Pro dignitate meriti
Semota iam caligine
Lumen vident in lumine.

Hi sancti, quorum hodie
Celebrantur solemnia,
Iam revelata facie
Regem cernunt in gloria.

Illic regina virginum,
Transcendens culmen ordinum,
Excuset apud Dominum
Nostrorum lapsus criminum.

Nos ad sanctorum gloriam
Per ipsorum suffragia
Post præsentem miserian
Christi perducat gratia.

deutsch:

Der hohen Mutter Himmelslust
Sei unsrer Kirche treu bewußt;
Aus flüchtger Feste Jahreslauf
Streb' sie zur ewgen Freude auf.

Der Tochter, tief in Elends Nacht,
Sei Mutters Hilfe zugebracht;
Erhabnen Himmels starke Wacht
Steh uns zur Seite in der Schlacht.

Denn Welt und Fleisch und Teufels Neid
Verstricken uns in Kampf und Streit;
Gespenster stürmen auf uns ein
Und trüben Sabbats lichten Schein.

Der bösen Mächte Bruderschaft
Haßt allen Festtags Freudenkraft;
Sie streitet in geschloßner Reih,
Daß nicht auf Erden Friede sei.

Drum ist die Welt dem Zwist geneigt:
Vertraun wird irre, Lust wird bang;
Doch Himmels lauter Jubel schweigt
Kaum eine halbe Stunde lang.

Wie selig ist die heilge Stadt,
Die ewgen Festtags Freuden hat;
Wie glücklich ist der hohe Kreis,
Der nicht von Leid und Sorge weiß.

Da ist nicht Alters Müdigkeit,
Nicht Feindes Drohn und falscher Neid;
Nur einig tönt der frohe Mut
Und einig brennt der Herzen Glut.

Seht an: die Engel ziehn empor
Im heilig dreigestuften Chor,
Sie, thronender Dreifaltigkeit
Zu fromm beglücktem Dienst geweiht.

Bewundernd schaun sie unverwandt,
Wo Gottes Antlitz sie erkannt;
Sie trinken unerschöpftes Licht
Und dürsten stets nach neuer Sicht.

Seht an: die Väter stehn gereiht
Nach ihrer Werke Würdigkeit;
Zerstoben ist des Nebels Nacht,
Licht strahlt aus Licht in reinster Pracht.

Die Heilgen, denen feiernd wir
Des heutgen Fests Gedenken weihn,
Sie sehn des Königs Ruhmeszier
Von allen Schleiers Trübe rein.

Seht an: der Jungfraun Königin
Schwebt ob den höchsten Rängen hin;
Sie mög uns Gottes Huld erflehn,
Wenn wir in Sünden uns vergehn.

Aus dieses Lebens Elendsnacht
Führ' Christi Gnade uns befreit
Kraft aller Heilgen treuer Wacht
Empor zu ewger Herrlichkeit.

Deutsch von Franz Wellner

fontes

Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einfüh-rung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 306 - 311
Adam von St. Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch und Deutsch, eingeführt und übertragen von Franz Wellner, 2. Aufl. München 1955

Die Erstauflage des Werkes erschien 1937 in Wien. Die Lebensdaten des Übersetzers waren nicht zu eruieren. Nach Auskunft des Verlages verfügt Kösel nicht mehr über die Rechte an dem genannten Buch und kennt auch keinen Rechtsnachfolger. Wir gehen daher davon aus, daß unserer Wiedergabe hier nichts entgegensteht.

scholia / marginalia

Sequentia de omnibus Sanctis
Sequenz auf das Allerheiligenfest

"Die himmlische (triuimphierende) Kirche ist die Mutter der irdischen (kämpfenden) und steht dieser hilfreich zur Seite, wenn die bösen Mächte den Frieden heiliger Fest-freude zu stören versuchen. Im Himmel aber ist immerwährender Lobgesang (Offenb. 7, 15); nur wenn das siebente Siegel geöffnet wird, tritt eine halbe Stunde lang Stille ein (Offenb. 8, 1).

Die Heiligen, allem Schmerz und aller Sorge entrückt (Offenb. 21,4), sind je nach dem Grade ihrer Würdigkeit erhöht (I. Kor. 15, 41 - 42); sie sehen Gott von Angesicht zu Angesicht (I. Kor. 13, 12). Ebenso genießen die drei Hierarchien der Engel (...) ewige Freude im Anschauen des Herrn (Matth. 18, 10); über alle Chöre der Engel und Heiligen aber schwebt die seligste Jungfrau ins Licht empor (Offenb. 12, 1).

Diese Sequenz wurde in St. Viktor nicht am Allerheiligenfeste gesungen, sondern an den Festen verschiedener Heiliger ("De quolibet Sancto") verwendet, wobei nötigenfalls die 8. Strophe entsprechend verändert wurde."

Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einfüh-rung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 306f.

metrum

Versmaß: ambrosianisch (metrum ambrosianum), akatalektische iambische Dimeter, anstelle der Iamben können an erster und dritter Stelle auch Spondäen und Anapäste stehen (vgl. Aldalbert Schulte, Die Hymnen des Breviers, S. 9f.).