In natale salvatoris

Adam von Sankt Viktor ( 1192)

Lateinisch:

In natale salvatoris
Angelorum nostra choris
Succinat condicio;
Harmonia diversorum,
Sed in unum redactorum,
Dulcis est connectio.

Felix dies hodiernus,
In qua patri coæternus
Nascitur ex virgine;
Felix dies et iucundus,
Illustrari gaudet mundus
Veri solis lumine.

Ne periret homo reus,
Redemptorem misit Deus,
Pater unigenitum;
Visitavit, quos amavit,
Nosque vitæ revocavit
Gratia, non meritum.

Infinitus et immensus,
Quem non capit ullus sensus,
Nec locorum spatia,
Ex æterno temporalis,
Ex immenso fit localis,
Ut restauret omnia.

Non peccatum, sed peccati
Formam sumens vetustati
Nostræ se contemperat,
Immortalis se mortali,
Spiritalis corporali
Ut natura conferat.

Sic concurrunt in personæ
Singularis unione
Verbum, caro, spiritus,
Ut persona non mutetur
Nec persona geminetur,
Sed sit una penitus.

Tantæ rei sacramentum
Latet hostem fraudulentum,
Fallitur malitia;
Cæcus hostis non præsagit,
Quod sub nube carnis agit
Dei sapientia.

Huius nodum sacramenti
Non subtilis argumenti
Solvit inquisitio;
Modum nosse non est meum,
Scio tamen posse Deum,
Quod non capit ratio.

Iesu, noster salutaris,
Quid prudenter operaris
Salutis mysterium,
His, qui colunt hunc natalem,
Da salutem temporalem,
Da perenne gaudium.

Deutsch:

Die Geburt des Herrn zu preisen,
Fügt auch eure Jubelweisen
In der Engel Lobgesang;
Stimmen aus verschiednen Grenzen,
Die vereinigt sich ergänzen,
Binden sich zu süßem Klang.

Selig strahlt des Tages Zeichen,
Da den Ewig-Vatergleichen
Uns die Maid als Kind gebiert;
Selig strahlt des Tages Wonne,
Da im Licht der wahren Sonne
Froher sich die Erde ziert.

Daß wir nicht in Sünden sterben,
Sandte Gott, uns Heil zu werben,
Seinen eingebornen Sohn;
Uns das Leben neu zu geben,
Hieß ihn Liebe niederschweben,
Nur als Gnade, nicht als Lohn.

Unermeßlich und unendlich,
Keinem Sinne je verständlich,
Keinem Maße unterstellt,
Fügt der Ewge sich in Zeiten,
Himmels Herr in Erdenbreiten,
Und erneuert so die Welt.

Nicht der Schuld verfällt der Reine,
Doch der Schuld vererbtem Scheine
Und des Alterns müder Last;
Geistes Schweben wird gewichtig,
Ewges Leben todespflichtig,
Neuer Artung angepaßt.

Zur Person zuhöchst erlesen,
Eint sich so verschiednes Wesen:
Wort als Fleisch und reiner Geist;
Niemals ändert doch ihr Walten
Die Person, die ungespalten
Immer nur die eine heißt.

Solchen Wunders Heilsgeschehen,
Nicht vermags der Feind zu sehen,
List und Tücke sind verwirkt;
Nicht erahnt des Feindes Blindheit,
Daß im Dunkel schwacher Kindheit
Sich die Weisheit Gottes birgt.

Solchen Knotens heilge Bindung
Löst kein Tasten der Ergründung,
Alles Forschen ist gebannt;
Mag das Wie sich mir verhüllen:
Gott, das weiß ich, kann erfüllen,
Was unfaßbar dem Verstand.

Jesus, uns zum Heil geboren,
Uns zum Helfer auserkoren,
Tiefst geheimem Werk bereit:
Allen, die dich froh begrüßen,
Laß hienieden Heil ersprießen,
Drüben einst die Seligkeit.

Deutsch von Franz Wellner

fontes

Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einfüh-rung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 38 - 41
Adam von St. Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch und Deutsch, eingeführt und übertragen von Franz Wellner, 2. Aufl. München 1955

scholia / marginalia

Sequentia in nativitate Domini
Sequenz auf die Geburt des Herrn

"Nicht mehr Maria, sondern der Heiland selbst steht im Mittelpunkte dieser dritten Weihnachts-Sequenz Adams von Sankt Viktor; in ihr wird die geheimnisvolle, dem Teufel verborgene Menschwerdung Gottes verherrlicht. Christus nimmt die Schwach-heit, nicht aber die Sündhaftigkeit des Menschenwesens an (Hebr. 4, 15) und verbindet in seiner einen Person die göttliche und menschliche Natur."
Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einfüh-rung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 38f.

Genauere Angaben und Hinweise zur Textegestalt dieser Sequenz finden sich bei Franz Wellner (Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einführung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 379).

metrum

Die Verse der Strophe dieser Sequenz entstehen aus dem trochäischen Septenarius; der Septenarius wird nach der Cäsur aufgeteilt, und zudem wird der erste Halbvers wiederholt. So entsteht eine dreizeilige (Teil)Strophe, der drei gleich gebaute Verse als Gegenstrophe beigefügt werden; damit ist die Strophe nun sechszeilig. - Reimschema: aabccb

Franz Wellner, der Übersetzer und Herausgeber der Sequenzen von Adam von Sankt-Viktor, behandelt in seiner Ausgabe Versbau, Versformen, Reim, Strophenbau, Strophenformen und Sequenzenaufbau des Dichters eingehend; hier sind zahlreiche weiterführende und aufschlussreiche Hinweise zu finden.