Ave virgo singularis, porta

Adamus a Sancto-Victore ( 1192)

Lateinisch:

Ave, virgo singularis,
Porta vitæ, stella maris,
Ave, decus virginum;
Tota virgo, sed fecunda,
Casta corde, carne munda
Gignens Christum Dominum.

Mater eius, qui creavit.
Qui distinxit et ornavit
Cælum, terram, maria,
Vivit, regnat, dominatur,
Cuius nullo terminatur
Fine regni gloria.

Cuius? Eius - quid dicemus?
Quibus verbis explicemus
Nomen tanti numinis?
Eius quippe magnitudo,
Virtus, honor, pulchritudo
Cor excedit hominis.

Res mutando dic, natura,
Dic, ubi sunt tua iura?
Virgo parit filium,
Quæ conceptu veritatis
Incorruptæ castitatis
Non amittit lilium.

Virgo fuit ante partum
Et, dum parit, et post partum,
Virgo mente, corpore;
Verbum patris sine matre
Facta mater sine patre
Genuit in tempore.

Virga florem, stella solem,
Coæternum patri prolem
Virgo mater genuit;
Sol et lumen et decorem,
Flos et fructum et odorem
Toti mundo præbuit.

Hic est enim ipso teste
Verum lumen et cæleste,
Cibus indeficiens,
Panis vivus, manducantis,
Sed credentis et amantis
Animam reficiens.

Eva mater per reatum
Stola vitæ spoliatum
Morti dedit hominem.
Culpa perit, mors recedit,
Datur salus, vita redit
Per Mariam virginem.

Virgo potens et benigna,
Angelorum laude digna,
Plena Dei gratia,
Laudes tuas decantamus
Corde tibi supplicamus,
Dele nostra vitia.

Pænitentes cofitemur
Mala, quibus promeremur
Iram Dei vindicem;
Tu miserta tui gregis,
O regina, mater regis,
Placa nobis iudicem.

Cara Deo, semper ora
Pro misellis et implora
Peccatorum veniam;
Servis tuis Iesu Christi,
Quem tu, virgo, genuisti,
Tu reforma gratiam.

O Maria, redemptoris
Creatura, creatoris
Genetrix magnifica,
Per te nobis reparatrix,
Per te fiat consolatrix
Tua proles unica.

Donet nobis rectam mentem,
In adversis patientem,
In secundis humilem;
Fidem param, spem securam,
Caritatem permansuram,
Qua nihil est melius;

Opus veræ pietatis
Et decorem castitatis
Intus et exterius:
Ut sit vita speciosa,
Sit mors nostra pretiosa
In conspectu Domini.

Deo patri filioque,
Procedenti ab utroque,
Sed non temporaliter,
Regnum, decus et potestas,
Honor, virtus et maiestas
Nunc et æternaliter.

deutsch:

Heil dir, Jungfrau voll der Ehre,
Tor des Lebens, Stern der Meere,
Aller Jungfraun hellster Schein:
Du, die Jungfrau, brachtest Leben.
Hast uns Christ, den Herrn gegeben,
Du, an Leib und Seele rein.

Mutter dessen, der vor Zeiten
Erd und Meer und Himmels Weiten
Schuf und schied in reichstem Prunk;
Dessen, der da lebt und waltet,
Dessen Glorie nicht veraltet
In der Zeiten jähem Schwung.

Dessen - wessen? Was wir stammeln,
Was an hohen Worten sammeln:
Keins erschöpft des Schöpfers Kraft;
Seine Größe, seine Hehre,
Seine Schönheit, Macht und Ehre
Sprengt des Herzens enge Haft.

Aber ihr, die Erdenmächte,
Sagt, wo bleiben eure Rechte?
Einen Sohn gebiert die Maid;
Die das Licht der Welt empfangen,
Wahrt in unversehrtem Prangen
Ihrer Keuschheit Lilienkleid.

Jungfrau, die sie stets gewesen,
Jungfrau blieb sie im Genesen,
Jungfrau, rein und keuschgesinnt;
Vaters Wort, das nie geborne,
Sie gebars, die Zeiterkorne,
Doch als keines Vaters Kind.

Reis wird Blume, Stern wird Sonne,
Jungfrau trägt in Mutterwonne
Ewgen Vaters ewgen Sohn;
Sonne prangt in reinstem Lichte,
Blume fördert Duft und Früchte
Aller Welt zu selgem Lohn.

Christus ist, wie ers verkündet,
Wahres Licht, das göttlich zündet,
Wahres Brot, das nie vergeht;
Brot des Lebens, süß dem Guten,
Der in gläubgen Liebesgluten
Seine Seele dran erhöht.

Mutter Eva, freveln Strebens,
Nahm von uns das Kleid des Lebens,
Bannte uns in Todes Haft;
Schuld wird leichter, Tod gelinder,
Heil und Leben kehrt dem Sünder
Durch Marias Mutterschaft.

Reine Jungfrau, gütig hehre,
Wert des Lobs der Engelchöre,
Voll von Gottes Gnadenlicht,
Hör uns dir zum Preise singen,
Dir des Herzens Flehn erbringen:
Mach auch unsre Schuld zunicht.

Reuig beichten wir die Sünden,
Die der Pein uns unterwinden
Nach des Rächers strengem Sinn;
Du erbarm dich deiner Herde,
Mildre Richters Zorngebärde,
Mutter du und Königin.

Gottgeliebte, durch dein Flehen
Laß uns Ärmsten Heil geschehen
Und Vergebung unsrer Schuld;
Die wir dienend dich umscharen,
Laß durch dich uns neu erfahren
Christi, deines Sohnes, Huld.

O Maria, ruhmerlesen,
Die des Schöpfers du genesen,
Heilands, der einst dich erschuf:
Laß uns deinen Sohn, den Einen,
Retter sein aus Sündenpeinen,
Tröster unserm bangen Ruf.

Laß ihn treulich uns belehren,
Daß im Leid wir Mut bewähren
Und im Glück bescheidnen Sinn;
Glaubens Weihe, Hoffens Treue,
Liebe, die uns stets erneue,
Sei'n uns seligster Gewinn.

Wahre Demut, fromm am Werke,
Keuschheit, voller Licht und Stärke,
Mach' uns drin und draußen schön:
Wie das Leben rein und festlich,
Sei einst unser Sterben köstlich,
Wenn wir Gottes Antzlitz sehn.

Sohn und Vater, lichtumfangen,
Geist von Beiden ausgegangen
Vor dem Anbeginn der Zeit:
Ehr und Preis sei euerm Throne,
Macht und Herrschaft, Ruhm und Krone,
Heut und alle Ewigkeit.

fontes

Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einfüh-rung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 244 - 251
Adam von St. Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch und Deutsch, eingeführt und übertragen von Franz Wellner, 2. Aufl. München 1955

scholia / marginalia

Sequentia in assumptione Beatae M.V.
Sequenz auf Mariä Himmelfahrt (15. August)

"Das Fest Mariä Himmelfahrt wurde in St. Viktor, wie die großen Feste des Herrn, an mehreren Tagen durch Sequenzen gefeiert, nämlich außer am eigentlichen Festtag noch am nächstfolgenden Samstag und Sonntag und in der Oktave. Drei von den hiebei gesungenen Sequenzen stammen von unserem Dichter; allerdings enthält die vorliegende keine auf die Himmelfahrt Mariä im besondern bezügliche Anspielung, konnte also auch an anderen Marienfesten verwendet werden."

Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einfüh-rung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 244f.

Adam von St. Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch und Deutsch, eingeführt und übertragen von Franz Wellner, 2. Aufl. München 1955

metrum

Versmaß: Die Verse der Strophe dieser Sequenz entstehen aus dem trochäischen Septenarius; der Septenarius wird nach der Cäsur aufgeteilt, und zudem wird der erste Halbvers wiederholt. So entsteht eine dreizeilige (Teil)Strophe, der drei gleich gebaute Verse als Gegenstrophe beigefügt werden; damit ist die Strophe nun sechszeilig. - Reimschema: aabccb.