Qui procedis ab utroque

Sequenzen

Adamus a Sancto-Victore ( 1192)

Lateinisch:

Qui procedis ab utroque,
Genitore genitoque,
Pariter, paraclite,
Redde linguas eloquentes,
Fac ferventes in te mentes
Flamma tua divite.

Amor patris filiique,
Par amborum et utrique
Compar et consimilis,
Cuncta reples, cuncta foves,
Astra regis, caelum moves
Permanens immobilis.

Lumen carum, lumen clarum,
Internarum tenebrarum
Effugans caligincm,
Per te mundi sunt mundati,
Tu peccatum et peccati
Destruis rubiginem.

Veritatem novam facis
Et ostendis viam pacis
Et iter iustitiae;
Perversorum corda vitas
Et bonorum corda ditas
Munere scientiae.

Te docente nil obscurum,
Te praesente nil impurum;
Sub tua praesentia
Gloriatur mens iucunda,
Per te laeta, per te munda
Gaudet conscientia.

Tu commutas elementa,
Per te suam sacramenta
Habent efficaciam;
Tu nocivam vim repellis,
Tu confutas et refellis
Hostium nequitiam.

Quando venis,
Corda lenis;
Quando subis,
Atrae nubis
Effugit obscuritas;
Sacer ignis,
Pectus ignis,
Non comburis,
Sed a curis
Purgas, quando visitas.

Mentes prius imperitas
Et sopitas
Et oblitas
Erudis et excitas;
Foves linguas, formas sonum;
Cor ad bonum
Facit pronum
A te data caritas.

O iuvamen oppressorum,
O solamen miserorum,
Pauperum refugium,
Da contemptum terrenorum,
Ad amorem supernorum
Trahe desiderium.

Consolator et fundator,
Habitator
Et amator
Cordium humilium,
Pelle mala, terge sordes
Et discordes
Fac concordes
Et affer praesidium.

Tu, qui quondam visitasti,
Docuisti, confortasti
Timentes discipulos,
Visitare nos digneris,
Nos, si placet, consoleris
Et credentes populos.

Par maiestas personarum,
Par potestas est earum
Et communis deitas.
Tu procedens a duobus
Coaequalis es ambobus,
In nullo disparitas.

Quia tantus es et talis,
Quantus pater est et qualis,
Servorum humilitas
Deo patri filioque
Redemptori, tibi quoque
Laudes reddit debitas.

deutsch:

Der von beiden du entsprossen,
Gleich vom Vater dich ergossen,
Wie vom Sohne, Tröster du:
Mach beredsam unsre Kehlen,
Laß entbrennen unsre Seelen
Deiner heilgen Flamme zu.

Sohns und Vaters Liebeswille,
Beiden gleich an Gnadenfülle,
Dem wie jenem wesensgleich:
Alles füllst du, alles hegst du,
Und als fester Pol bewegst du
Rings der Himmel Sternenreich.

Liebeshelle, Strahlenwelle,
Die des Herzens dunkle Zelle
Du vom bangen Dunst befreist:
Erdenmakel machst du schwinden,
Tilgst die Sünde, tilgst der Sünden
Trüben Rost aus unserm Geist.

Wahrheit machst du neu erstehen,
Läßt uns Friedens Wege gehen,
Führst zur Tugend uns den Pfad;
Von den Schlechten bleibst du ferne,
Den Gerechten leihst du gerne
Deines Wissens hohen Rat.

Dein Belehren kennt nur Reines,
Dein Gewähren nichts Gemeines,
Ruhm ist deine Gegenwart:
Froher wird des Geists Bewegung,
Lautrer des Gewissens Regung,
Das beglückt in dir verharrt.

Du gebeutst den Elementen,
Du verleihst den Sakramenten
Ihres Wirkens Wundermacht;
Du entkräftest das Verhängnis,
Du bewahrst uns in Bedrängnis
Vor der Feinde Niedertracht.

Deine Milde
Zähmt das Wilde,
Dein Erstrahlen
Löst die Qualen,
Und die finstre Wolke flieht;
Heilges Sprühen,
Tiefstes Glühen,
Nicht versehrst du,
Nahend klärst du,
Was an Sorgen uns umzieht.

Unsrer Geister altes Bangen,
Schlafumfangen,
Blind verhangen,
Weckst du auf zu neuem Mut;
Sprache läßt du reiner tönen,
Lenkst zum Schönen
Unser Sehnen
Durch der Liebe hohes Gut.

Mild begabst du die Bedrängten,
Tröstend labst du die Gekränkten,
Du, der Armut treuer Hort;
Lehr die Erde uns verachten,
Lenk nach oben unser Trachten,
Zu der Liebe selgem Ort.

Trostentzünder, Heilsbegründer,
Gastlich linder
Liebe-Künder,
Wo ein Herz in Demut bangt:
Lös vom Übel das Entweihte,
Lös vom Streite
Das Entzweite,
Sei uns Schutz, wenn alles wankt.

Der du lehrend dich erschlossen
Und bekräftend dich ergossen
Ob der Jünger bangem Haupt:
Komm, auch uns dich zu erschließen,
Laß in Gnaden Trost erfließen
Allem Volk, das an dich glaubt.

Herrlich thronen, hoch erhaben,
Die Personen, gleich an Gaben,
Eins in ihrer Göttlichkeit:
Du, den Zwei'n von je entsprossen,
Bist vom gleichen Sein umschlossen,
Nie von ihrer Art entzweit.

Du, im Wesen und im Werke
Gleich des Vaters hoher Stärke,
Hör auf deiner Knechte Chor:
Wie zum Vater und zum Sohne
Senden wir zu Deinem Throne
Unermeßnes Lob empor.

Deutsch von Franz Wellner

fontes

Adam von St. Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch und Deutsch, eingeführt und übertragen von Franz Wellner, 2. Aufl. München 1955, S. 160 - 165.

Die Erstauflage des Werkes erschien 1937 in Wien. Die Lebensdaten des Übersetzers waren nicht zu eruieren. Nach Auskunft des Verlages verfügt Kösel nicht mehr über die Rechte an dem genannten Buch und kennt auch keinen Rechtsnachfolger. Wir gehen daher davon aus, daß unserer Wiedergabe hier nichts entgegensteht.

scholia / marginalia

Zur Einleitung der Sequenz schreibt der Übersetzer: Ähnlich wie zu Ostern wurden in St. Viktor auch an allen Tagen der Woche vom Pfingstsonntag bis einschließ­lich Dreifaltigkeits-Sonntag Sequenzen gesungen; von diesen gehören drei Pfingst-Sequenzen und die Dreifal­tigkeits-Sequenz unserem Dichter an. In der vorliegenden zweiten Pfingst-Sequenz verherrlicht Adam von St. Vik­tor den Hl. Geist als den leuchtenden Geist der Wahrheit [Joh. 14, 17; 16, 13], als die dritte göttliche Person, die aus Vater und Sohn, gleichwie deren einsgewordene Liebe, von Ewigkeit her erflossen ist.

metrum

Die Verse der Strophe dieser Sequenz entstehen aus dem trochäischen Septenarius; der Septenarius wird nach der Cäsur aufgeteilt, und zudem wird der erste Halbvers wiederholt. So entsteht eine dreizeilige (Teil)Strophe, der drei gleich gebaute Verse als Gegenstrophe beigefügt werden; damit ist die Strophe nun sechszeilig. - Reimschema: aabccb

Zwischen diese Strophen fügt der Dichter andere, schlankere Strophenformen ein (7, 8, 10).

"Bei Adam von St. Viktor waltet nun aber in diesem Rahmen eine wahrhaft schöpferische Gabe künstlerischen Aufbaues, die Inhalt und Form zu einer fast mystisch anmutenden Vereinigung und Wechselwirkung gelangen läßt. Das eigentliche gedankliche und erzählende Fortschreiten ist meist den regelmäßigen Strophen des Sequenzenschemas vorbehalten; ihre Reihe wird aber an Stellen lyrisch-subjektiver Gefühlsäußerung (...) oder sich an der Schilderung entflammender Erregung (...) durch bewegtere, ja stürmische Versformen unterbrochen. Vollends gegen das Ende zu scheint das Sequenzenschema dem überströmenden Gefühl des Dichters zu eng zu werden; darum erweitert er es zu acht- und zehnzeiligen Strophen und läßt deren Reimschmuck immer reicher und reicher werden (...), bis schließlich jene ganz in Wohllaut gelösten Strophengebilde entstehen, die Misset (...) so schön mit schlanken gotischen, immer höher und höher zum Himmel emporstrebenden Pfeilern verglichen hat." Adam von Sankt-Viktor, Sämtliche Sequenzen. Lateinisch- deutsche Ausgabe. Einführung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner. Wien 1937, S. 368f.

Franz Wellner, der Übersetzer und Herausgeber der Sequenzen von Adam von Sankt-Viktor, behandelt in seiner Ausgabe Versbau, Versformen, Reim, Strophenbau, Strophenformen und Sequenzenaufbau des Dichters eingehend; hier sind zahlreiche weiterführende und aufschlussreiche Hinweise zu finden.