Lux est orta gentibus

Adam von Sankt Viktor ( 1192)

Lateinisch:

Lux est orta gentibus
In umbra sedentibus
Et mortis caligine,

Gaudet miser polulus,
Quia mundo parvulus
Nascitur ex virgine.

Ut ascendat homo reus,
Condescendit homo-deus
Hominis miseriæ.

Quis non laudet et lætetur?
Quis non gaudet admiretur
Opus novæ gratiæ?

Quidnam iucundis,
Quidnam secretius
Tali mysterio?

O quam mirabilis,
O quam laudabilis
Dei dignatio!

Huius nodum sacramenti
Nos subtilis argumenti
Solvit inquisitio;

Modum nosse non est meum
Scio tamen posse Deum
Quod non capit ratio.

Quam subtile
Deum consilium!
Quam sublime
Rei mysterium!
Virga florem,
Vellus rorem,
Virgo profert filium.

Nec pudorem
Lædit conceptio,
Nec virorem
Floris emissio,
Concipiens
Et pariens
Comparatur lilio.

O Maria, stella maris,
Post Deum spes singularis
Naufragentis sæculi,

Vide, quam nos fraudulenter,
Quam nos vexent violenter
Tot et tales æmuli.

Per te nobis virtus detur,
Per te, mater, exturbetur
Dæmonis superbia;

Tuæ proli nos commenda,
Ne nos brevis et tremenda
Feriat sententia.

deutsch:

Licht ging auf der völkerschaft,
Die vom schatten war entrafft,
Zu des todes finsterm tross.

Freude ward der armen schar,
Da der welt geboren war
Einer jungfrau edler spross.

Dass die schuldigen menschen steigen,
Muss der Gottmensch niederneigen,
Sich zur erdenniedrigkeit:

Wer lobsinget nicht und freut sich,
Wer bewundert nicht und scheut sich
Neuer gnade herrlichkeit?

Denn was ist reiner noch,
Was ist geheimer noch
Als dies mysterium?

O welchen wunders voll,
O welchen jubels voll
Ist Gottes heiligtum!

Dieser knoten heiliger weihe
Wird nicht von der feinsten reihe
Der beweise aufgeknüpft:

Will sich mir das wie nicht gönnen,
Weiss ich, dass mein Gott wird können,
Was dem denken stets entschlüpft.

Welch ein feiner
Gottesbeschluss regiert,
Ungemeiner
Mystischer schmuck ihn ziert!
Stab die blume,
Tau die krume,
Jungfrau uns den sohn gebiert.

Nicht verletzte
Empfängnis scham in ihr
Nicht zerfetzte
Rinde der blume zier,
Dass gewährend
Und gebärend
Nichts die lilie verlier.

O Maria, stern der meere,
Nach Gott einzige hoffnung, wehre
Dieser zeiten untergang.

Sieh, wie viele widersacher
Schädigen mit listigem schacher,
Quälen uns mit bösem drang.

Durch dich sei uns tugend eigen,
Durch dich, teure mutter, neigen
Sich des dämons stolz und gift:

Deines sohnes huld vermehre,
Dass nicht der entsetzensschwere
Kurze urteilsspruch uns trifft.

Deutsch von Friedrich Wolters (1876 – 1930)

fontes

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung, S. 19
Friedrich Wolters, Hymnen und Sequenzen, S. 114f.

scholia / marginalia

In Nativitate Domini Sequentia.
Sequenz zur Geburt Christi.

Die Zuschreibung dieser Sequenz ist umstrittten. Henry Spitzmuller verweist sie in die Abteilung „Auteurs anonymes“.

„Car l’attribution de la plupart des Séquences d’Adam de Saint-Victor reste douteuese. (...) mais, en tout état de cause, on ne lui accorde pas la totalité des quarante-cinq pièces qui lui étaient généreusement encore assignées il y a trois quarts de siécle.“ (Henry Spitzmuller, S. 1633f.)

„Jedenfalls eine der schönsten Weihnachtssequenzen des Mittelalters, die durch Quellen des 13. und 14. Jahhunderts überliefert ist und in die Meßbücher von Arles, Bayeux, Coutances, Noyon, Vannes und anderer französischer Diözesen überging. In der ersten Auflage (I,29) von Léon Gautier dem Adam von St. Viktor zugeschrieben, in der zweiten und dritten Auflage expungiert, weil sie sich in den Gradualien und Meßbüchern der Abteien von Saint-Victor und Sainte-Geneviève nicht findet und als ‚Attribution douteuse’ bezeichnet. Jedenfalls wäre die Sequenz des großen Victoriners in jeder Hinsicht würdig und stammt, wenn nicht von ihm, dann jedenfalls von einem seiner glücklichsten Nachahmer.“

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Zweiter Teil, Hymnen unbekannter Verfasser. Leipzig 1909, S. 19f.

metrum

Text für Metrum