Lux iucunda, lux insignis

Adamus a Sancto-Victore (* um 1100 - †1192)

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aus dem Graduale von Katharinental.

Lateinisch:

Lux iucunda, lux insignis,
Qua de throno missus ignis
In Christi discipulos
Corda replet, linguas ditat,
Ad concordes nos invitat
Cordis, linguæ modulos.

Christus misit, quem promisit
Pignus sponsæ, quam revisit
Die quinquagesima.
Post dulcorem melleum
Petra fudit oleum,
Petra iam firmissima.

In tabellis saxeis,
Non in linguis igneis,
Lex de monte populo,
Paucis cordis novitas
Et linguarum unitas
Datur in cenaculo.

O quam felix, quam festiva
Dies, in qua primitiva
Fundatur ecclesia!
Vivæ sunt primitiæ
Nascentis ecclesiæ
Tria primum milia.

Panes legis primitivi
Sub una sunt adoptivi
Fide duo populi;
Se duobus interiecit
Sicque duos unum fecit
Lapis, caput anguli.

Utres novi, non vetusti,
Sunt capaces novi musti;
Vasa parat vidua;
Dat liquorem Elisæus,
Nobis sacrum rorem Deus,
Si corda sint congrua.

Non hoc musto vel liquore,
Non hoc digni sumus rore,
Si discordes moribus;
In obscuris vel divisis
Non potest hæc paraclisis
Habitare cordibus.

Consolator alme, veni,
Linguas rege, corda leni:
Nihil fellis aut veneni
Sub tua præsentia;
Nil iucundumm, nil amœnum,
Nil salubre, nil serenum,
Nihil dulce, nihil plenum
Sine tua gratia.

Tu lumen es et unguentum,
Tu cæleste condimentum,
Aquæ ditans elementum
Virtute mysterii.
Novi facti creatura
Te laudamus mente pura,
Gratiæ nunc, sed natura
Prius iræ filii.

Tu, qui dator es et donum,
Tu, qui condis omne bonum,
Cor ad laudem redde pronum
Nostræ linguæ formans sonum
In tua præconia;
Tu purga nos a peccatis,
Auctor ipse puritatis,
Et in Christo renovatis
Da perfectæ novitatis
Plena nobis gaudia.

Deutsch:

Tag der Freude, Tag der Krone:
Feuer schwebt vom Himmelsthrone
Über Christi Jüngerschaft;
Herzen glühen, Stimmen schwellen:
Herz und Stimme zu gesellen,
Gibt der Tag uns neue Kraft.

Christus hat den Geist gesendet,
Den der Braut er einst verpfändet:
Fünfzig Tage sind erfüllt;
Nach des Honigs süßem Saft
Wirkt nun Öls geweihte Kraft,
Die aus festem Felsen quillt.

Leichte Feuerzungen nicht,
Nein, der Tafeln Steingewicht
Bot dem Volk die Satzung dar;
Reinen Herzens neues Kleid,
Frommer Rede Einigkeit
Wird beim Mahl der kleinen Schar.

Selges Licht der Festverkündung,
Freudge Sonne, die der Gründung
Der Gemeinde Christi scheint!
Seht der Kirche ersten Tag:
Als lebendger Lenzertrag
Sind Dreitausend ihr vereint.

Gleich der Satzung Weihebroten
War zwei Völkern einst entboten
Vaterglaubens hohe Kraft;
Einig sind sie heut erfunden,
Denn der Eckstein hält gebunden,
Was als Winkel einst geklafft.

Neuer Wein, er will gemäße
Neue Schläuche; Ölgefäße
Borgt die Witwe kluggesinnt;
Elisaeus mehrt die Gabe,
Gottes Tau wird heilge Labe,
Wo die Herzen einig sind.

Aber Öl und Wein versiegen,
Himmels Tau, er muß verfliegen,
Wo die Zwietracht sich erbost;
Nicht in Geistes wildem Streiten,
Nicht in Herzens Dunkelheiten
Kommt der Gast zum wahren Trost.

Tröster, komm und lab die Seelen,
Klär die Herzen, lenk die Kehlen:
Wenn wir dir uns ganz befehlen,
Wirken Gift und Galle nicht;
Aber nichts ist uns erfreulich,
Nichts ist heilsam, nichts getreulich,
Nichts ist süß und nichts gedeihlich.
Wenn uns deine Huld gebricht.

Du die Salbe, du die Leuchte,
Du die würzge Himmelsfeuchte:
Wasser, das uns irdisch däuchte,
Machst du tiefster Kräfte reich;
Neu erschaffen und erkoren,
Sind getreu wir dir verschworen:
Wir, die eins der Zorn geboren,
Werden Kinder Gottes gleich.

Du, der Spender und die Spende,
Ohne den kein Heil bestände,
Führ das Herz zu frommer Wende,
Daß es laut dein Lob entsende
Im vereinten Jubelchor.
Wasch uns rein von allem Bösen,
Du, der Reinheit wahrstes Wesen,
Laß in Christo uns genesen,
Heb, zu neuem Sein erlesen,
Uns ins reichste Glück empor.

Deutsch von Franz Wellner

fontes

Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einführung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 154 - 159
Adam von St. Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch und Deutsch, eingeführt und übertragen von Franz Wellner, 2. Aufl. München 1955

Die Erstauflage des Werkes erschien 1937 in Wien. Die Lebensdaten des Übersetzers waren nicht zu eruieren. Nach Auskunft des Verlages verfügt Kösel nicht mehr über die Rechte an dem genannten Buch und kennt auch keinen Rechtsnachfolger. Wir gehen daher davon aus, daß unserer Wiedergabe hier nichts entgegensteht.

scholia / marginalia

Sequentia in Pentecoste
Sequenz auf das Pfingstfest

"Am fünfzigsten Tag nach Ostern sendet Christus seiner Braut der Kirche, das verheißene Feuer des Hl. Geistes (Luk. 12, 49; Joh. 14, 26). Nun strömt dem Volke des Herrn nach Moses' Weissagung (V. Mos. 32, 13) Öl aus dem harten Gestein, wie es früher Honig aus dem Felsen sog: Honig war die Süße der Reden Jesu, da er noch auf Erden weilte, Öl ist die Gnade des von ihm gesendeten Hl. Geistes. Auf schweren Steintafeln ward dem jüdischen Volk das Gesetz gegeben (II. Mos. 31, 18; 32, 15); in feurigen Zungen schwebt auf die kleine Schar der Erwählten, da sie beim Mahle versammelt sind, die Kundschaft der neuen Gnade (Ap. Gesch. 2, 1 - 4).

Das Pfingstfest war im Alten Bunde ein Fest der Ernte, und es wurden zwei Weihebrote als Erstlinge der Weizenernte dem Herrn dargebracht (II. Mos. 34, 22; III. Mos. 23, 15 - 17); so sind die dreitausend Seelen, die sich am Pfingsttag bekehren (Ap. Gesch. 2, 41), die Erstlingsfrüchte der neuen Kirche; während aber die Zweizahl der Brote die Teilung der Völker in Juden und Heiden versinnlichte, gibt es jetzt nur ein Volk und eine Kirche, die der Eckstein Christus geeint hat (...).

Wie man nicht neuen Wein in alte Schläuche füllt (Matth. 9, 17), so wird auch die Gnade des Hl. Geistes nur reinen und friedfertigen Herzen zuteil; diesen aber in Fülle, wie einst die Gefäße der Witwe nicht ausreichten, das von Elisäus wunderbar vermehrte Öl zu fassen (IV. Kön. 4, 1 - 7). Die Gnade des Hl. Geistes ist es vollends, die dem (allgemein auch am Pfingstsamstag geweihten) Taufwasser wunderwirkende Kraft verleiht."

Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einführung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 154f.

 

metrum

Die Verse der Strophe dieser Sequenz entstehen aus dem trochäischen Septenarius; der Septenarius wird nach der Cäsur aufgeteilt, und zudem wird der erste Halbvers wiederholt. So entsteht eine dreizeilige (Teil)Strophe, der drei gleich gebaute Verse als Gegenstrophe beigefügt werden; damit ist die Strophe nun sechszeilig. - Reimschema: aabccb.
Wird die erste Hälfte des Septenarius verdoppelt oder vervielfacht, ergeben sich achtzeilige oder zehnzeilige Strophen, und das Reimschema ist dann entsprechend aaabcccb oder aaaabccccb.

Franz Wellner, der Übersetzer und Herausgeber der Sequenzen von Adam von Sankt-Viktor, behandelt in seiner Ausgabe Versbau, Versformen, Reim, Strophenbau, Strophenformen und Sequenzenaufbau des Dichters eingehend; hier sind zahlreiche weiterführende und aufschlussreiche Hinweise zu finden.