Ambrosius von Mailand

Bischof von Mailand (* 339 – † 4.4.397)

Ambrosius, um 340 wahrscheinlich zu Trier geboren, woselbst sein Vater praefectus praetorio war, trat nach Vollendung seiner juristischen Ausbildung zu Rom in den Staatsdienst und wurde 373 Consular von Aemilien und Ligurien mit dem Amtssitze in Mailand. Als im folgenden Jahre der Bischof dieser Stadt, Auxentius, mit Tode abging, wurde Ambrosius, obschon erst Katechumene, durch Akklamation zu seinem Nachfolger erwählt. Am 30. November getauft und am 7. Dezember ordiniert, waltete er des bischöflichen Amtes in steter unnachgiebiger Festigkeit, beteiligte sich, indem er zweimal (383 und 386) als Legat zu Maximus nach Trier ging, in hervorragender Weise an den politischen Wirren der Zeit und entfaltete neben seiner Wirksamkeit als Seelsorger und Kanzelredner noch eine ausgebreitete literarische Tätikeit. Seinem ganzen Wesen nach erscheint Ambrosius als eine letzte Verkörperung des antiken Römertums. Er starb den 4. April 397.

Ambrosius im Initial einer BuchmalereiVon weittragendstem Einflusse auf die Gestaltung und Entwickelung der abendländischen Liturgien ward Ambrosius durch die Einführung der von ihm gedichteten Hymnen in die Mailändische Gottesdienstordnung. Dieselbe geschah spätestens 386, wahrscheinlich aber schon früher.

Die Frage, welches die echten, von Ambrosius verfaßten Hymnen seien, hat zuerst L. Biraghi, Inni sinceri e carmi di S. Ambrogio, Mailand 1862, der Lösung zugeführt. Ich muß hier betreffs derselben auf meine Monographie „Aurelius Ambrosius, der Vater des Kirchengesanges“, Freiburg i.B. 1893, verweisen.

Den Eindruck, welchen die Hymnen des Ambrosius in den Tagen ihrer Entstehung machten, schildert uns der Dichter selbst“ Hymnorum quoque meorum carminibus deceptum populum ferunt. Plane nec hoc abnuo. Grande carmen istud est, quo nihil potentius. Quid enim potentius quam confessio trinitatis, quae cotidie totius populi ore celebratur? Certatim omnes student fidem fateri; Patrem et Filium et Spiritum Sanctum norunt versibus praedicare. Facti sunt igitur omnes magistri, qui vix poterant esse discipuli.“ (Sermo contra Auxent. n. 34.) Ähnlich Augustin: „Quantum flevi in hymnis et canticis tuis suave sonantis ecclesiae tuae vocibus commotus acriter! Voces illae influebant auribus meis et eliquabatur veritas in cor meum et exaestuabat inde affectus pietatis, et currebant lacrimae, et bene mihi erat cum eis“ (Confess. IX, 6, 14). Ich füge dem nur noch das Urteil des feinsinnigen anglikanischen Erzbischofs von Dublin, Richard Chenevix Trench an, muß jedoch bemerken, daß dasselbe durch einzelne Lieder beeinflußt scheint, welche eine fortgeschrittene Kritik Ambrosius abzusprechen genötigt ist, wie es andererhand von Liedern des hl. Bernhard redet, die diesem nicht länger beigelegt werden können. „Ist man gewöhnt“, so schreibt er in seiner Sacred Latin Poetry (1874, S. 87 u.f.), „an die weicheren und reicheren Akzente der späteren christlichen Dichter, an den verzierten Stil eines Bernhard oder Adam von St. Viktor, an jenes liebende Sichselbstversenken in die großen Geheimnisse seiner Betrachtung, welches den ersten der beiden großen Sänger des Kreuzes kennzeichnet, an diese wechselvolle Fülle von Harmonie, diese blendende Schaustellung theologischen Wissens, das dem andern eigen ist: dann bedarf es seiner Zeit, ehe es dem Geiste gelingen will, mit innerem Beifall und voller Befriedigung zu der fast nackten Schmucklosigkeit zurückzukehren, welche die Hymnen des Ambrosius kennzeichnet. Man hat das Gefühl, als begegne man in ihnen einer gewissen Kälte, mit welcher der Dichter mehr über seinem Gegenstande schwebt, statt mit ihm zu verschmelzen. Auch das Fehlen des Reimes, für welchen ein schlechter Ersatz in der ständigen Wiederkehr eines Metrums liegt, das gewiß nicht zu den reicheren Formen der lateinischen Lyrik zählt, und bei dem für angenehme Brechung oder wechselnden Schluß der Zeilen so gut wie nicht gesorgt ist – das Fehlen des Reimes, sage ich, vermehrt noch unsere Mißstimmung, so daß Ohr und Herz sich gleicherweise unbefriedigt fühlen möchten. Allmählich indes lernt man die Größe dieses schmucklosen Metrums fühlen und die tiefe Weisheit des Dichters bewundern, der, wenn auch vielleicht mehr instinktiv als bewußt, dasselbe gewählt hat. Allmählich gewinnt man das richtig Verständnis für das unbegrenzte Vertrauen in die erhabene Größe seines Vorwurfs, welches den Dichter mit Zurückweisung jedes andern das einfachste und durchsichtigste Gewand des Gedanken wählen läßt. Es ist, als hätte ihm, indem er dem lebendigen Gotte einen Altar errichtet, das Gebot des Levitikus vorgeschwebt, ihn zu errichten aus unbehauenen Steinen, die niemals die Schärfe des Meißels berührt hat. Die großen Geheimnisse des Glaubens sind in seinen Augen auch in dem schmucklosesten Ausdrucke so mächtig, die tiefsten Gefühle der Seele zu wecken, daß jeder Versuch, sie auszustaffieren, sie in bewegliche Worte zu kleiden, ihm als ein höchst überflüssiges Bemühen erscheinen muß. Die Glut der Leidenschaften ist da, aber verborgen und wie zugedeckt, ein Feuer, das im Innern und nach innen brennt, die Flamme einer männlichen, ruhig-ernsten Begeisterung. Auch dürfen wir nicht übersehen, wie sehr diese Lieder der Zeit, den Umständen ihres Entstehens angepaßt sind, einen wie bezeichnenden Ausdruck der Glaube, der im Kampfe lag mit der Welt und im Begriffe war zu siegen über deren Mächte, in Hymnen fand wie diese, Hymnen, in denen nichts Weichliches, in denen vielleicht wenig Zartes zu finden, aber statt dessen eine felsenhafte Stärke, der alte römische Stoizismus, umgewandelt und verklärt zu jenem edleren christlichen Heldentume, das die Welt herausforderte und die Welt besiegte.“

(Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 6ff.)

 

Literatur

Ambrosius von Mailand. - Lexikon für Theologie und Kirche. Begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper u.a., Freiburg i.Br., Basel, Rom, Wien. Bd. 1. A bis Barcelona. - 3., völlig neu bearb. Aufl. 1993, Sp. 495ff.