Christe, rex, mundi creator

Anonymus

Lateinisch:

Christe, rex, mundi creator
et redemptor inclite,
Vota plebis obsecrantis
tu benignus suscipe,
Supplici voce precamur,
postulatus adveni.

Mortis olim tu potenter
vinceres ut principem,
Tartara sæva petisti
dira claustra diruens,
Ferrea vincla resolvens
et retrusos eximens.

Hoc triumpho confidentes
mente prona quæsumus,
Mortuis ut des quietem
cum quiete gaudium
Dexteræ patris tropæo
cum beatis omnibus.

Non eos flamma perurat,
non catena vinciat,
Vermis illius pavendi
nemo pœnam sentiat,
Sed tuo dono beati
absque fine gaudeant.

Præstet hæc unitas semper
atque summa trinitas,
Cuius est perenne nomen
sempiterna claritas,
Qui Deus trinus et unus
regnat ante sæcula.

Deutsch:

Christe, König, Weltenschöpfer,
Heiland hehr und wunderbar,
Nimm in deiner großen Güte
Deines Volkes Bitten wahr,
Voller Inbrunst wir dich flehen,
Reich ein gnädig Ohr uns dar.

Als besiegt des Todes Fürsten
Du mit hoher Macht zuvor,
Fuhrest du zur Hölle nieder,
und zerbrachst ihr ehern' Tor,
Aus den Fesseln du von Eisen
lösest der Gefangnen Chor.

Deinen Siegesgang verehrend
wir in Demut zu dir flehn,
Laß die Toten ein zum Frieden,
laß sie ein zur Freude gehn,
Laß gekrönt sie mit den Heilgen
zu des Vaters Rechtn stehn.

Laß das Feuer sie nicht quälen,
nicht der Fessel herbes Leid,
Nicht den Wurm, den grausen, wühlen,
durch ihr brennend Eingeweid',
Nein, in deiner Wonne laß sie
sich erfreun in Ewigkeit.

Höchste Einheit, dies verleihe,
dies verleih, Dreifaltigkeit,
Deren ewgem Namen ewig
höchste Ehre sei geweiht,
Gott der einig und dreifaltig
du geherrscht vor aller Zeit.

Deutsch von Guido Maria Dreves (1854 – 1909)

fontes

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Zweiter Teil, S. 442f.
Guido Maria Dreves, Die Kirche der Lateiner in ihren Liedern. Kempten, München 1908, S. 150f. und S. 45f.

scholia / marginalia

Hymnus in Exsequiis Defunctorum
Hymnus bei der Totenmesse der Verstorbenen

Dieser eindrückliche "Grabgesang" entstammt der mozarabischen Hymnendichtung.

"Aus dem morzarabischen Ritus, in zwei Handschriften des 10. und 11. Jahrhunderts sowie in der Ausgabe des Breviarium Goticum von 1502 überliefert. Der Hymnus hat den ernsten, gemessenen Schritt der Gedanken und des Rhythmus, der uns an einer Reihe der mozarabischen Hymnen auffällt."

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Zweiter Teil, S. 443

Mozarabische Hymnodie

"Weit bedeutender als die altirische Lateinpoesie ist die mozarabische Hymnendichtung, d.h. die in der mozarabischen Liturgie vorfindlichen Hymnen. Diese Liturgie, die sich von der römischen kaum weniger weit entfernt als die ambrosianische, wird bald die alt-spanische, bald infolge der Gotenherrschaft die gotische, endlich nach der Eroberung Spaniens durch die Araber (711) die mozrarabische genannt, d.h. die Liturgie der unter den Arabern wohnenden Christen. Isidor von Sevilla steht zu derselben in einem ähnlichen Verhältnisse wie Gregor der Große zur römischen Liturgie; beide haben aller Überlieferung zufolge auf die Umgestaltung derselben entscheidenden Einfluß geübt, ohne daß wir uns Rechenschaft darüber zu geben vermöchten, welches im einzelnen und besondern ihr Anteil an dem vor ihnen, durch sie und nach ihnen Gewordenen sein mag.

Die beiläufig 200 Hymnen, die wir aus alten mozarabischen Brevieren noch zu sammeln in der Lage sind, sind keineswegs das Produkt einer Zeit; es finden sich vielmehr unter ihnen solche, die sich durch ihre klassische Metrik als Kinder der altchristlichen Muse ausweisen, wieder andere, in denen die allmähliche Überleitung von der metrischen zur rhythmischen Dichtung in die Erscheinung tritt, wieder andere endlich, in denen sich die ganze sprachliche Barbarei des zehnten Jahrhunderts offenbart. Bei einzelnen Lieder nennt das Akrostichon uns den Verfasser und weist so die Dichtung einer bestimmten Zeit zu; die übrigen könnte nur, mangels aller andern Nachrichten und Anhaltspunkte, ein eingehendes Studium der sprachlichen Eigentümlichkeiten in die vorerwähnten drei Gattungen aufteilen. Im Verhältnis zur römischen Liturgie muß die mozarabische als überaus reich an Hymnen gelten. Eigentümlich sind ihr eine ganze Reihe von Hymnen für besondere Ereignisse freudiger und unliebsamer Art, wie Hymnen zur Bischofsweihe, für den Geburtstag des Bischofes, für die Krönung des Königs, für seinen Geburtstag, für Hochzeiter, für den Ausmarsch des Heeres, für das Erntefest, für Trockenheit, für Wassersnot, für Kriegsläufte usw."

Guido Maria Dreves, Die Kirche der Lateiner in ihren Liedern. Kempten, München 1908, S. 43f.

Weitere mozarabische Hymnen:

metrum

Versmaß: trochäische Tetrameter; der erste, dritte und fünfte Vers sind akatalektisch, der zweite, vierte und sechste katalektisch.