Notkerus Balbulus

Mönch von Sankt Gallen (um 840 - 912)

Notker der Stammler (Balbulus) genannt, war zu Elgg (im Kanton Zürich), dem früheren Heiligau (Helicgove), nach andern (Meyer von Knonau) zu Joswil (im Kanton St. Gallen), wo sein Bruder Othere Schulteiß gewesen sei, von adeligen und begüterten Eltern geboren. Frühzeitig kam der Knabe in die Klosterschule nach St. Gallen, das er nicht wieder verlassen hat. Unter seinen Lehrern waren von weitgehendstem Einflusse auf ihn Iso und der Ire Möngal, mit latinisiertem Namen Marcellus genannt. Sein Leben verlief in der Stille von Zelle und Bücherei. Er starb den 6. April 912; im Jahre 1513 sprach ihn Bischof Hugo von Konstanz im Auftrage von Julius II. selig.

Trotz seiner klösterlichen Zurückgezogenheit ist Notker von weitgehendstem Einfluß nicht nur auf die Liturgie und die liturgische Dichtung, sondern mittelbar auch auf die deutsche Nationalliteratur geworden. Er war es durch die sog. Sequenzen, deren Erfinder er ist. Das kam so. Es gab bekanntlich zu Zeiten Notkers keine bestimmte und eindeutige Notenschrift, sondern die Neumenzeichen jener Tage, wie wir sie noch in den alten liturgischen Monumenten St. Gallens sehen, gaben wohl die Notengruppen sowie im allgemeinen das Steigen und Fallen der Melodie, nicht aber die genauen Intervalle zwischen den einzelnen Noten an. Sie waren eine Gedächtnisstütze, nicht mehr, und entzogen den Sänger nicht der harten Notwendigkeit, seine Singweise auswendig zu lernen. Besonders schwierig mußte es begreiflicherweise sein, solche Stellen dem Gedächtnisse einzuprägen, an denen auf eine Textsilbe nicht eine oder zwei Noten, sondern ganze, nicht selten zeilenlange Notenreihen (Melismen oder Jubilationen genannt) trafen. Dies war namentlich der Fall bei dem Alleluja am Schlusse des sog. Graduale.

Schon oft hatte Notker darüber nachgedacht, wie diesem Übelstande abzuhelfen sei. Da erschien in St. Gallen ein Mönch aus dem nordfranzösischen Kloster Jumièges (Gimedia), das von den Normannen niedergebrannt war. In den Chorbüchern, welche der Flüchtling mit sich führte, sah Notker, wie einzelnen solchen Notenreihen Texte sillabisch unterlegt waren. Dies gab ihm Anregung, ähnliches zu versuchen. Er schob in gleicher Weise den textlosen Melismen von ihm verfaßte Worte unter, so daß jeder Note je eine Silbe des Textes zufiel und jeder Melodiephrase nicht ein, sondern zwei Textsätze (clausulae) entsprachen, die, wenn wir von späterer Übung auf frühere Gewohnheit schließen dürfen, abwechselnd vom Knaben- und vom Männerchore vorgetragen wurden.

Damit war Notker der Schöpfer einer neuen liturgischen Dichtungsart geworden. Nachdem er mit Hilfe seiner Lehrer Iso und Marcellus die ersten Schwierigkeiten überwunden hatte, dichtete Notker Sequenzen für fast alle Feste des Kirchenjahres, sammelte sie später und widmet sie, in zwei Bücher gegliedert und mit einem Vorworte in Briefform versehen, dem Gönner seines Stiftes, dem Kanzlerbischofe Luitward von Vercelli. In den ältesten St. Gallischen und einzelnen nicht-St.-Gallischen Troparien erscheinen die Sequenzen Noterks stets in dieser Gliederung und mit diesem Vorworte; später verloren sich beide. Dennoch finden wir auch in den ältesten St. Gallischen Monumenten Notkers Prosen bereits mit anderen späterer Autoren versetzt, z.B.Sequenzen des ältesten Ekkehart, so daß es trotz aller einschlägigen Untersuchungen auch heute noch nicht jedem Zweifel entrückt ist, wie viele und welche Sequenzen Notker verfaßt habe. Doch erstreckt sich der Zweifel nur auf bestimmte Prosen; die große Menge derselben ist bekannt und als authentisch erwiesen. Auch in anderer Rücksicht geben uns die Sequenzen des Stammlers noch mehr als ein Rätsel auf, so bezüglich der Namen der Melodien, des poetischen Rhythmus und der musikalischen Abhängigkeit von den Jubilationen. Diese Fragen hier aufzurollen, verbietet schon der Rahmen, in dem wir uns halten müssen.

Bezüglich der Lebensumstände Notkers sei außer auf die Biographie Ekkerharts V. vor allem verwiesen auf Meyer von Knonau, Lebensbild des hl. Notker von St. Gallen (Mitteil. d. antiquar. Gesellsch. in Zürich XLI) 1877; bezüglich seiner dichterischen Tätigkeit und über seine Sequenzen vgl. man vor allem Schubiger, Die Sängerschule von Sankt Gallen, Einsiedeln 1858, S. 40ff.; Gautier, L., Histoire de la poésie liturgique I, 19 –20; Wilmanns, W., Welche Sequenzen hat Notker verfaßt? (Zeitschr. f. deutsches Altertum XV, 267ff.); Werner, J., Notkers Sequenzen, Aarau 1901. Notker hat auch Hymnen geschrieben. Wir kennen vier Hymnen von ihm auf den hl. Stepahnus, Bischof Ruodbert von Metz zugeeignet. Vgl. Mon. Germ. Poetae Medii aevi IV, 337ff.; Anal. hymn. LI, 229 sqq.

(Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 102f.)

 

Literatur

Notker der Stammler. - Lexikon für Theologie und Kirche. Begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper u.a., Freiburg i.Br., Basel, Rom, Wien. Bd. 7. Maximilian bis Pazzi. - 3., völlig neu bearb. Aufl. 1998, Sp. 926