Sacrata libri dogmata

Hartmannus (* ? – † 925)

Lateinisch:

Sacrata libri dogmata
Portantur evangelici
Cunctis stupenda gentibus
Et præferenda laudibus.

Mundemus omnes corpora
Sensusque cordis simplici
Purgantes conscientia
Verba pensemus mystica.

Vultus declini pariter
Clausa tenentes stomata
Stemus intentis auribus,
Ut decet, ante Dominum.

Nec sat videtur sonitus
Auditu solo capere,
Ni cor purgatum teneat
Factisque iussa compleat.

Sic mandat ipse maximus
Magister, summi filius,
Sensus nostrorum pectorum
Arvis diversis comparans.

Sunt, ait, rura plurima,
Quis semen frugis spargitur,
Censu sed multum dispari
Reddunt accepta fœnora.

Quædam saxorum stramine
Replentur nimis pessimo,
Frugemque necat maximus
Ardor solaris luminis.

Quædam siccato germine
Replentur spinis horridis,
Viarum strata plurimis
Officiunt seminibus.

Ast qui felices fertili
Glebas fecundat germine,
Illum lætantem cumulat
Fructus laboris centuplex.

Sic voluntatis integræ
Perfecta nitent opera
Terraque cordis optimi
Centenum refert numerum.

Deutsch:

Der Bücher hehres Heiligtum
Man bringt, das Evangelium
Bewundernswert der Völker Schar,
Mit Lob zu feiern immerdar.

Drum seien unsre Leiber rein,
Der Sinn des Herzens lauter sein
In des Gewissens Einfalt soll,
Dem Wort es lausch' geheimnisvoll.

Das Haupt in Demut sei geneigt,
Indes der Mund verschlossen schweigt,
Das Ohr erschließt des Wortes Wehn,
So laßt uns vor dem Herren stehn!

Doch nicht genügt es, wenn dem Klang
Das Ohr zu treffen nur gelang,
Hat nicht das Herz des Wortes acht,
Wird nicht im Wort das Wort vollbracht.

So lehrte uns der Meister schon,
Des höchsten Vaters ewger Sohn,
Indem verschiednem Ackerland
Er unsre Herzen gleich erfand.

Wohl, spricht er, sind der Schollen viel,
Auf welche guter Same fiel,
Doch gar verschiedne Ernte schenkt
Das Saatkorn, das in sie gesenkt.

Der eine Boden, rauh und wild,
Ist ganz mit Felsgestein erfüllt,
Und sengend von dem Firmament
Das Sonnenlicht die Frucht verbrennt.

Ein andrer ist vom Dorn umstrickt,
Da wird der zarte Keim erstickt,
Auch all die Wege liegen brach,
Darauf kein Samen keimen mag.

Doch wer auf fruchtbar Ackerland
Streut edles Korn mit reicher Hand,
Dem wird in Fröhlichkeit beschert
Frucht, die sich hundertfältig mehr.

So sei denn unser Wille rein,
Vollkommen unsre Werke sei'n,
Damit des Herzens Erdenreich
Die hundertfältge Frucht erzeug'

Deutsch von Guido Maria Dreves (1854 – 1909)

fontes

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 111f.
Guido Maria Dreves, Die Kirche der Lateiner in ihren Liedern. Kempten, München 1908, S. 154f. und S. 57f.

scholia / marginalia

Versus ante Evangelium cantandi
Hymnus vor der Verkündigung des Evangeliums

"Wir besitzen von Hartmann ein Lied zum Evangelium, im Grunde ein Vorläufer der später üblich werdenden Kondukte, einen Hymnus und einen Prozessionshymnus auf das Fest der unschuldigen Kinder, eine metrische Litanei für die sonntäglichen Prozessionen, Hymnen zum Empfange des Königs und zur Einholung der Reliquien des hl. Magnus. Ich lasse den Hymnus zum Evangelium oder, wenn man will, zur Predigt, als Beispiel seiner poetischen Art hier folgen."
Guido Maria Dreves, Die Kirche der Lateiner in ihren Liedern. Kempten, München 1908, S. 57

metrum

Versmaß: ambrosianisch (metrum ambrosianum), katalektische iambische Dimeter, anstelle der Iamben können an erster und dritter Stelle auch Spondäen und Anapäste stehen (vgl. Aldalbert Schulte, Die Hymnen des Breviers, S. 9f.).