Salve, caput cruentatum

Arnulph von Löwen (* ? – † 1150)

Lateinisch:

Salve, caput cruentatum,
totum spinis coronatum,
conquassatum, vulneratum,
arundine verberatum,
facie sputis illita.
salve, cujus dulcis vultus,
immutatus et incultus,
immutavit suum florem,
totus versus in pallorem
quem tremit coeli curia.

Omnis vigor atque viror
hinc recessit, non admiror,
mors apparet in aspectu
totus pendens in defectu,
attritus aegra macie.
sic affectus, sic despectus,
propter me sic interfectus,
peccatori tam indigno
cum amoris intersigno
appare clara facie.

In hac tua passione,
me agnosce, pastor bone,
cujus sumpsi mel ex ore,
haustum lactis cum dulcore,
prae omnibus deliciis.
non me reum asperneris,
nec indignum dedigneris,
morte tibi jam vicina,
tuum caput hic inclina,
in meis pausa brachiis.

Tuae sanctae passioni
me gauderem interponi,
in hac cruce tecum mori:
praesta crucis amatori,
sub cruce tua moriar.
morti tuae tam amarae
grates ago, Jesu chare;
qui es clemens, pie Deus,
fac quod petit tuus reus,
ut absque te non finiar.

Dum me mori est necesse,
noli mihi tunc deesse;
in tremenda mortis hora
veni, Jesu, absque mora,
tuere me et libera.
cum me jubes emigrare,
Jesu chare, tunc appare:
o amator amplectende,
temetipsum tunc ostende
in cruce salutifera.

Deutsch:

Sei gegrüßt, blutbeflecktes Haupt,
ganz mit Dornen bekrönt
zerschunden und verwundet,
mit dem Rohrstock geschlagen
das Gesicht von Spucke beschmutzt.
Sei gegrüßt, dessen süßes Gesicht
ganz verwandelt und ungestalt
seine Blüte ganz entstellt
hin zu einer Leichenblässe
die den himmlischen Hof erschüttert.

Alle Kraft und alle Stärke
sind verschwunden, nichts ist wohlgefällig,
der Tod zeigt sich in deinem Anblick,
wie Du ganz elend da hängst,
von grausiger Schwäche zermürbt.
So erschöpft und so verachtet -
für mich bist du so niedergemacht
und dem so unwürdigen Sünder
unter dem Siegel der Liebe
erscheine mit strahlendem Gesicht.

In diesem Deinem Leiden
erkenne mich, du guter Hirt,
aus dessen Mund ich Honig empfing
und von der Süßigkeit der Milch schlürfte,
vor allen anderen Köstlichkeiten.
Du mögest mich nicht als schuldig verwerfen
und nicht als unwürdig verschmähen
in deinem bereits nahenden Tode
neige Dein Haupt mir zu
und ruhe in meinen Armen.

Deines heiligen Leidens
lass mich mit Freuden teilhaftig werden
an diesem Kreuz mit Dir zu sterben -
gewähre mir als Verehrer des Kreuzes
daß ich unter deinem Kreuze stürbe.
Für deinen so bitteren Tod
sage ich dir Dank, lieber Jesus
der Du ein so gütiger und treuer Gott bist
gib, was dein Schuldner erbittet:
daß ich nicht fern von Dir enden möge.

Wenn ich dann sterben muss,
dann sei mir nicht fern
in der furchterregenden Stunde des Todes
komme, Jesus, ohne Verzug,
beschütze und erlöse mich.
Wenn Du mir befiehlst, (die Welt) zu verlassen,
Lieber Jesus, dann erscheine
als Liebender zur Umarmung
und zeige Dich mir dann
im heilbringenden Kreuz.

Deutsch von Michael Charlier

fontes

Oratio Rhytmica, pars V: Ad pectus
Zu den Details s. die Miszelle zur Oratio Rhythmica.

Hier die weiteren Teile:

Pars I: ad pedes: Salve, mundi salutare

Pars II: ad genua: Salve Jesu, rex santorum

Pars III: ad manus: Salve Jesu, pastor bone

Pars IV: ad latus: Salve Jesu, summe bonus

Pars V: ad pectus: Salve, salus mea Deus

Pars VI: ad cor: Summi regis cor, aveto

Pars VII: ad faciem: Salve, caput cruentatum

scholia / marginalia

Weitere Informationen s. Miszelle zur Oratio Rhythmica.

Die Nachdichtung von Paul Gerhardt:

Die Nachdichtung Paul Gerhardts unterscheidet sich in diesem Fall formal besonders stark von der Vorlage: Aus fünf Doppelstrophen zu zehn Zeilen werden jetzt zehn Strophen zu je acht Zeilen - die Gesamtzahl der Zeilen steigt also auf 80. Inhaltlich entsprechen die Strophen Gerhardts jedoch weiterhin den (Halb-)Strophen der Vorlage. Ein kurzer Blick auf verschiedene Ausgaben der Lieder Gerhardts  zeigt, daß es zumindest für das weit verbreitete „O Haupt voll Blut und Wunden“ kleinere Abweichungen in der Textgestalt gibt. Das Hymnarium bleibt für sämtliche Lieder des Zyklus bei der Ausgabe von Gerok (1878), auch wenn es Hinweise darauf gibt, die auf kleinere Glättungen gegenüber dem Original hindeuten.

An das Angesicht des Herrn Jesu
(Melodie: Herzlich thut mich verlangen)

O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn!
O Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron!
O Haupt, sonst schön geschmücket
mit höchster Ehr’ und Zier,
doch nun von Schmach gedrücket
gegrüßet seist du mir!

Du edles Angesichte,
davor das Reich der Welt
erschrickt und wird zunichte
wie bist du so entstellt
Wie bist du so erbleichet!
wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht mehr gleichet,
solch dunkel zugericht.

Die Farbe deiner Wangen,
der roten Lippen Pracht
ist hin und ganz vergangen;
des blassen Todes Macht
Hat alles hingenommen,
hat alles hingerafft,
und daher bist du kommen
von deines Leibes Kraft.

Nun, was du, Herr, erduldet,
ist alles meine Last;
ich hab es selbst verschuldet,
was du getragen hast.
Schau her, hier steh ich Armer,
der Zorn verdienet hat;
gib mir, o mein Erbarmer,
den Anblick deiner Gnad!

Erkenne mich, mein Hüter,
mein Hirte, nimm mich an!
von dir, Quell aller Güter,
ist mir viel Guts getan.
Dein Mund hat mich gelabet
mit Milch und süßer Kost;
dein Geist hat mich begabet
mit mancher Himmelslust.

Ich will hier bei dir stehen,
verachte mich doch nicht!
Von dir will ich nicht gehen,
wann dir dein Herze bricht;
Wann dein Haupt wird erblassen
im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen
in meinen Arm und Schoß.

Es dient zu meinen Freuden
und kommt mir herzlich wohl,
wenn ich in deinem Leiden,
mein Heil, mich finden soll.
Ach! möcht ich, o mein Leben,
an deinem Kreuze hier
mein Leben von mir geben,
wie wohl geschähe mir!

Ich danke dir von Herzen,
o Jesu, liebster Freund,
für deines Todes Schmerzen,
da du’s so gut gemeint.
Ach! gib, daß ich mich halte
zu dir und deiner Treu,
und, wenn ich nun erkalte,
in dir mein Ende sei.

Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir;
wann ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür.
Wann mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.

Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde
in deiner Kreuzesnoth.
Da will ich nach dir blicken,
da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken.
wer so stirbt, der stirbt wohl.

metrum

Migne gibt den „Rhythmus“ in der Gestalt von fünf Doppelstrophen wieder. Die Teilstrophen bestehen aus je vier trochäischen und einem jambischen Dimeter. Das Reimschema ist bei den Trochäen variabel und schwankt zwischen aaaac - bbbbc und aabbc - ddeec