Te homo laudet

Alcuinus Flaccus (730/35 - 804)

Lateinisch:

Te homo laudet,
Alme creator,
Pectore, mente
Pacis amore,
Non modo parva
Pars quia mundi est.

Sed tibi, sancte,
Solus imago
Magna, creator,
Mentis in arce,
Pectore puro
Dum pie vivit.

O Deus et lux,
Laus tua semper
Pectora et ora
Compleat, ut te
Semper amemus,
Sanctus, ubique.

Deutsch:

Lobe der mensch dich,
Gütiger schöpfer,
Friedlichen herzens,
Liebenden geistes,
Weil kein geringer
Teil er der welt ist.

Denn er allein trägt,
Heiliger schöpfer,
Edel dein bildnis,
Wenn festen geistes,
Reinlichen herzens
Fromm er dahinlebt.

O Gott und leuchte,
Möge dein lob stets
Herzen und münder
Füllen, damit wir
Immer dich lieben,
Heiligallheiliger.

Deutsch von Friedrich Wolters (1876 – 1930)

fontes

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 65
Friedrich Wolters, Hymnen und Sequenzen, S. 64f.

scholia / marginalia

Hymnus ad Deum
Hymnus an Gott

In der geistlichen Bibelexegese wie in literarischen Zahlenkompositionen haben im Mittelalter Zahlen, insbesondere die vollkommene Zahl (numerus perfectus) eine wichtige Rolle gespielt. So etwa die Zahl sechs (ihre echten Teiler sind 1, 2 und 3, und ihre Summe ist 1 + 2 + 3 = 6).

Diese Zahl war für die Deutung des Sechstagewerk von grundlegender Bedeutung und Vorbild für die Deutung anderer Stellen der Bibel, wo die Sechszahl aufscheint und wo sie im Verlauf der Heilsgeschichte eine Rolle spielt.

"So unter anderem in der Deutung der aus den Schöpfungstagen abgeleiteten sechs Weltalter (Adam, Noah, Abraham, David, babylonische Gefangenschaft, Christus) - die ihrerseits als zwei 'vor dem Gesetz' (ante legem), als drei 'unter dem Gesetz' (sub lege) und als ein Zeitalter der Gnade (sub gratia) gedeutet wurden -, in der Deutung der sechs Lebensalter des Menschen" (infantia, pueritia, adolescentia, iuventus, senectus, decrepitas) "und in der Deutung der Karwoche - in der sich am sechsten Tag ab der sechsten Stunde die Passion Christi erfüllt - und vieler anderer biblischer und außerbiblischer Senare mehr." (S. auch Wikipedia zu Vollkommene Zahl.)

Dieses Zahlenverständnis zeigt sich auch in der mittelalterlichen Dichtung. Alkuins Gedicht Te homo laudet besteht aus sechs Strophen zu je sechs Versen (die ersten drei Strophen, die man als Gebet oder Hymne bezeichnen kann, finden sich im Textteil des Hymnariums). Die vierte bis sechste Strophe folgen hier.

IV
Haec pia verba,
virgo fidelis,
ore caneto,
ut tua mitis
tempora Christus
tota gubernet.

V
Qui tibi solus
sit, rogo, semper
lux, amor atque
forma salutis,
vita perennis,
gloria perpes.

VI
Te cui castum
corpore, mente
dirige templum,
dulcis amica,
et sine semper
fine valeto.

 

IV
Diese frommen Worte,
gläubige Jungfrau,
laß in deinem Munde erklingen,
auf daß der sanfte
Christus dein ganzes
Leben leite.

V
Er sei allein dir
bete ich, allzeit
Licht, Liebe und
Urbild des Heils,
ewiges Leben,
immerwährender Ruhm.

VI
Ihm weihe dich
als keuschen Tempel
in Leib und Geist,
süße Freundin,
und allzeit und ewig
lebe wohl!

(Übersetzung von Paul Klopsch. - Lateinische Lyrik des Mittelalters. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Paul Klopsch, Stuttgart 1985, S. 97ff.)

Dieses Gedicht, das für Gundrada, eine Verwandte Karls des Großen, bestimmt war, erhielt durch den Verfasser selbst eine kurze Prosaerörterung.

Hoc carmen tibi cecini senario numero nobili, qui numerus perfectus est ...

Alkuin legt dar, dass er die vollkommene Sechszahl (numerus perfectus in partibus suis) für die Strophen- und Verszahl seines Gedichts gewählt habe, weil er ihr eine verkvollkommnende Wirkung auf die Empfängerin zuschreibt:

Dieses Gedicht habe ich dir in der edlen Sechszahl gesungen, die vollkommen ist in ihren Teilen, weil ich wünsche, daß du vollkomen seiest in deinen Sinnen. Was es mit dieser wie auch mit anderen Zahlen auf sich hat, wird der allerweiseste Kaiser deinem lernbegierigen Verstande mit Leichtigkeit darlegen können.

(Übersetzung von Paul Klopsch, a.a.O. S. 99)

"In Hinsicht auf den Aufbau des Gedichts kann man nun fragen, ob sich dort ähnlich wie laut Augustinus im Ordo der sechs Schöpfungstage die arithmetische Vollkommenheit der Sechszahl durch eine signifikante Ordnungs–funktion der Teiler 1, 2 und 3 niedergeschlagen hat. An der rein formalen Gliederung in sechs Strophen zu je 6 adonischen Versen ist dies nicht zu erkennen. Aber berücksichtigt man auch die thematische Untergliederung, so scheint mir in der Tat eine arithmetische 'vollkommene' Gliederung vorzuliegen. Deutlich ist zunächst ein klarer Einschnitt in der Mitte des Gedichts, da die ersten drei Strophen Gott apostrophieren, während die letzten drei Strophen sich der Adressatin Gundrada zuwenden und hierbei auch die erste Gedichthälfte noch einmal zusammenfassend als 'haec pia verba' bezeichnen. Aber auch innerhalb der ersten Gedichthälfte ist eine Untergliederung erkennbar: die beiden ersten Strophen sind durch die Konstruktion 'non modo parva pars mundi, sed imago magna' zu einer zusammengehörigen Gruppe geordnet, von der sich die dritte Strophe absetzt durch die einleitende Apostrophe 'O deus et lux' und durch den Wechsel von der unpersönlichen Aussage über den Menschen zu einer 'wir'-Aussage der Menschen, in der der lyrische Sprecher sich selbst einschließt. Es scheint demnach, daß eine Untergliederung der 6 in (2 + 1)+3 Strophen beabsichtigt ist, die die arithmetische Vollkommenheit der Sechszahl auch in der Untergliederung des Liedes spiegelt."

(Otfried Lieberknecht, Vollkommene Zahlen in der Arithmetik, geistlichen Exegese und literarischen Zahlenkomposition des Mittelalters. Vortrag, 18. Februar 1998, Universität Kaiserslautern.)

Hrabanus Maurus, Alkuins Schüler, hat seinem dichterischen Hauptwerk die vollkommene Zahl 28 zu Grunde gelegt. Der Zyklus De laudibus Sanctae Crucis besteht aus 28 Figurengedichten.

metrum

Versmaß: Carmen Adonicum. Jede Zeile besteht aus einem adonischen Vers (Adoneus), dieser setzt sich aus einem Daktylus und einem Spondaeus zusammen, wobei die letzte Silbe auch kurz sein kann.