Romanische Kapitelle
Irritationen vor mittelalterlichen Kunstwerken
Dazu ein Bildersaal mit zahlreichen Photos von Kapitellen

Der Betrachter, der unvoreingenommen Werken mittelalterlicher Kunst begegnet, gibt sich selten Rechenschaft darüber, was er eigentlich sieht und welche Fragen und Probleme sich dabei ergeben. Was damit gemeint ist, soll an Beispielen aus der Kathedrale von Reims erörtert werden. Dass mittelalterliche Kunstwerke, insbesondere die Fassaden und der Fassadenschmuck von Kirchen, Witterungseinflüssen ausgesetzt sind, die im Laufe der Jahrhunderte Schäden anrichten, ist allgemeine Erfahrung. Dabei kann die Korrosion so weit fortgeschritten sein, dass jeder Versuch, diese Schäden zu beheben, scheitern muss.

Werden derart geschädigte Skulpturen, deren Erhaltungszustand kaum mehr erahnen lässt, was oder wen sie darstellten und bei denen in der Folge Renovation und Restauration unmöglich ist, ersetzt, kann man auch kaum von einer Kopie sprechen, selbst wenn im besten Fall alte fotografische Dokumente dabei behilflich sein können; in solchen Fällen handelt es sich um "Neuanfertigungen" um Annäherungsversuche.

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Solche Skulpturenfragmente, wie sie im Bild links zu sehen sind (2016/17), lassen sich nicht wieder herstellen; sie werden durch zur Gänze neugestaltete Figuren ersetzt (Bild rechts), aber man verzichtet, offenbar um ihnen den Anschein von Authentizität zu verleihen, auf die Wiederherstellung und Ergänzung der Gliedmaßen. Mit den ursprünglichen Gestalten haben diese Figuren jedoch nichts mehr gemeinsam.

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Diese "Illustration" war während der Renovationsarbeiten 2016/2017 an der Kathedrale in Reims zu sehen; sie sollte wohl zeigen, wie durch Restauration eines unansehnlichen verwitterten Fragments oder vielmehr durch Ersatz desselben eine "gelungene Wiederherstellung" geraten sein soll.

Es muss dem Betrachter überlassen sein, wie er mit derartigen Neuschöpfungen umgehen und ob er sich mit ihnen abfinden und zufrieden geben will.

Heiliger Thomas, Cathédrale Notre-Dame, Rouen -- König David, Cathédrale Notre-Dame, Rouen

Diese Skulpturen in Rouen, die mittlerweile im Kircheninnern in Sicherheit gebracht wurden, machen deutlich, wie weit Zerfall und Erosion fortgeschritten sein können, bis endlich Maßnahmen ergriffen werden.

Kunst- und Reiseführer geben leider kaum je verlässliche und erschöpfende Auskünfte über die Restauration oder den Ersatz von durch Witterungseinflüsse schwer geschädigten Kapitellen und Skulpturen. Selbst wenn in Archiven und Kultusministerien Aufzeichnungen über derartige Restaurationsmaßnahmen vorhanden sein sollten, gelangen diese kaum an die Öffentlichkeit. Seltene Ausnahmen sind Hinweise wie "Dieses Kapitell wurde restauriert" ("Die Vier Flüsse des Paradieses", Denis Grivot, Die Kathedrale von Autun, S. 30) oder "modernes Kapitell" ("Judith und Holophernes"), "Das Kapitell wurde erneuert, sein Original befindet sich im Laidarium (Steinmuseum)", Claude Jean-Nesmy, Vézelay, S. 83f. und S. 76) oder "Kopie", "das Kapitell wurde erneuert". Aber derart allgemein gehaltene Angaben sind wenig aufschlussreich. Und was bedeutet der folgende Hinweis: "1856. Réfection des sculptures sous la direction de Pascal. Le tympan extérieur sera sculpté par deux artistes en cinq mois." (François Vogade, Vézelay. 1974)

Aber auch die Anfertigung von Kopien, die den Namen verdienen, zeitigen häufig nicht die erwarteten Ergebnisse. Das zeigen etwa die im 19. Jahrhundert während Bauarbeiten in Autun hergestellten Kopien von Kapitellen. Dies ist der seltene, aufschlussreiche Fall, wo Kapitelle im Original und als Kopien erhalten sind.

Im Fall etwa des Kapitells "Der Tod Kains " ist in der Kopie die Stellung der Beine des Mannes, der auf den Bogenschützen zugeht, eine völlig andere. Das untere Ende des Pfeilbogens wird durch den Kopf dieses Mannes verdeckt, was im Original nicht der Fall ist.

Beim Kapitell "Tugenden und Laster" sieht man, wenn man nur schon das Blattwerk im Original und in der Kopie miteinander vergleicht, dass die handwerklichen Fähigkeiten des Kopisten dem Anspruch des Originals nicht gewachsen waren und ihm nicht gerecht werden. Die Deutungen der Bildinhalte schließlich werfen weitere Fragen auf. Manche sind offensichtlich, andere dagegen problematisch. Und es ist nicht gerade selten, dass der Bildinhalt eines Kapitells verschieden gedeutet wird, wie die folgenden Beispiele zeigen. Das nachstehende Kapitell in der Salle capitulaire in Autun wird von verschiedenen Kommentatoren auch verschieden gedeutet.

Ist das, was Adam oder Kain in der Hand hält, nicht eher ein Garten- als ein Mordwerkzeug?

Christus begegnet Pilgern auf dem Weg nach Emmaus, sie erkennen ihn aber erst später, als er mit ihnen das Brot bricht. (Luk 24,13-35)
Oder doch eher:
Die Heilung des Blinden. (Lk 18, 35-43; Lk 19, 1-10) Sie entspricht detailgenau den Textstellen. Cathédrale Saint-Lazare, Autun

Auch dieses Kapitell erfährt eine andere plausiblere Deutung als die erste in der Bildlegende erwähnte, die auf Grund ihrer Detailgenauigkeit einiges für sich hat und überzeugt.

"Auf diesem Kapitell ist nicht die sicher eindrucksvolle Gestalt Jesu das Bemerkenswerteste, sondern der Blinde. Dieser Mensch ist ganz Zuversicht in Erwartung des Wunders. Hinter ihm steht ein Engel mit ausgebreiteten Armen. Wie im Evangelium folgt in der rechten Ecke auf dem Kapitell die Szene des Zachäus, dem Oberzöllner. Er, der 'klein von Gestalt war', steht hier vor seiner Tür, aber zugleich auf den Blättern des 'Maulbeerfeigenbaums'. Er nimmt dann Christus in sein Haus auf." (Lk 18, 35-43; Lk 19, 1-10) (Kyrilla Spiecker, Kapitelle. Künder des Glaubens. Mit einem kunsthistorischen Beitrag von Karl Kolb. Würzburg: Echter, 1984, S.52)

"Der um Heilung Bittende wird zum Mittelpunkt der Komposition. Mit fliegenden Rocksäumen steht er vor seinem Heiland. Weil er nur seinen Ohren gefolgt war, muß er seine Stellung korrigieren und den Oberkörper dem Rabbi zudrehen. Blind schaut er Jesus an. Um seine Bitte zu unterstreichen, berührt die Rechte sein Auge, während seine Linke voller Erwartung und Ehrfurcht erhoben ist.

Um Kopfeslänge überragt der Herr seinen Bittsteller. Aufmerksam beugt er sich dem Blinden entgegen. Während sein linker Zeigefinger auf das Auge weist, spricht er ihn an ... Die geschulterte Schriftrolle erinnert schon jetzt an das geschulterte Kreuz. Diesem Jesus wird Bartimäus nun nachfolgen ... Ringsum öffnen sich Fenster und Türen, erscheinen Gaffer und Zeugen. Ganz rechts scheint der kleinwüchsige Zachäus in der Baumkrone einen Zuschauerplatz gefunden zu haben." (Kyrilla Spiecker, a.a.O. S. 49f.)

Derartige Hinführungen und aufschlussreiche Deutungen zu vielen Kapitellen möchte man sich wünschen.

Auf den Basilisken, eines der vielen dargestellten Fabel- und Mischwesen, soll hier wenigstens kurz eingegangen werden. Antike Autoren wie Plinius d.Ä. (Naturalis historia, Buch VIII, Kap. 38) und Lukan (De bello civili / Pharsalia, 9,828) und mittelalterliche wie Albertus Magnus, Isidor von Sevilla und Hildegard von Bingen haben es beschrieben.

Die Kapitelle mit dem Basilisken (Autun, Vézelay) erfahren ähnliche Deutungen.

Das Kapitell in Autun wird als 'Basilisk und Faun' gedeutet. Rechts im Bild ist ein Basilisk zu sehen. Dieser ist ein Mischwesen mit dem Oberkörper eines Vogels (Hahns) und dem Unterkörper einer Schlange, sein Blick tötet. Der Mann links (als Faun bezeichnet?) trägt einen Schild als Abwehrmittel gegen den bösen Blick. Denn der Basilisk kann nur besiegt werden, wenn ihm ein Schild (mit Metallspiegel) entgegengehalten wird, in dem sich der tödliche Blick gegen den Basilisken selbst kehrt (exitium ipse sui).

Auf einem stark beschädigten Kapitell ist ebenfalls ein Kampf mit dem Basilisken dargestellt. Oben links der Kämpfer, der sich mit einem Schild mit dem auffälligen Knauf schützt. Aber was soll der angebliche Faun?

Basilisk, Basilique Saint-Marie-Madeleine, Vézelay

"À gauche, le basilic, animal fabuleux à corps de coq et à queue de serpent, livre combat à un homme qu'on aperçoit debout derrière une sauterelle géante à corps de poisson et tête humaine. Pour se protéger de son regard mortel, l'homme s'abrite derrière un vase de verre (Spiegelung? Anm. d. Verf.). Selon saint Grégoire, la sauterelle symboliserait les nations converties, en lutte contre Satan représenté par le basilic."

(François Vogade, Vézelay. Introduction de Louis Hautecœr de l'institut. 1974 [Text zu Bild 84]) "The basilisk is a fabulous creature with the head and wings of a rooster and the body oft the serpent. It has a large head with a prominent beak and comb. At right, a humanoid figure stands behind a grasshopper-like creature. The human-like figure has a round head and holding a vase-like object (a crystal ball?) in front of him with both hands. (for protection? See below) The creature below him has scales like a fish, wings, lion-like feet, a mustache and horns. (…) The Basilisk's glance turns to stone all those who are not protected by a mirror or a crystal ball."

(Images of Medieval Art and Architecture. Vézelay, Benedictine Abbey Church Sainte-Marie-Madeleine. Historiated Capital The Basilisk) (https://www.medart.pitt.edu/menufrance/vezelay/capitals/vezcap74.html)

Auch dieses Kapitell ist nicht zweifelsfrei gedeutet. Es zeigt zwei Männer, die je eine Frucht (Trauben?) pflücken (Autun).

Vom "L'arbre de Jessé" ist die Rede, von "Gekrönte ernten die Früchte des Paradieses" und von "David und Salomo beim Pflücken der Früchte des Wissens".

In Vézelay ist ein ähnliches Kapitell zu sehen; dort werden die beiden Gestalten als "Traubenesser" bezeichnet.

"Interprétations: Symbole de l'Église militante qui se nourrit du sang du Christ (Terret) ou plus simpelment peut-êtere, scène de vendanges à Vézelay, dont le vignoble était au Moyen Age, aussi vaste que réputé."

(François Vogade, Vézelay. Introduction de Louis Hautecœr de l'Institut. 1974, S, 152) Ebenso lässt sich das folgende Kapitell (vorläufig) nicht befriedigend deuten.

'Die Ermordung der Unschuldigen Kinder oder die Wollust' (?) Cathédrale Saint-Lazare, Autun

In Kommentaren und Kunstführern werden Wollust (luxuria, rechts) und Tod der unschuldigen Kinder (links) angeboten.

Ferner: "Die Unzucht. Eine nackte Frau mit flammenden Haaren steht einem kleinen Mann gegenüber, den ein Teufel fest im Griff hat." (Denis Grivot, Die Kathedrale von Autun. Clamecy 1986, S. 30)

Weshalb allerdings die Wollust ein Messer oder Schwert (?) mit sich führt und wonach sie greift, bleibt rätselhaft. Beide Deutungen des Bildinhalts dieses Kapitells sind wenig überzeugend.

Dass für ein Kapitell, das wie das obige (Autun) derart viele signifikante Details zeigt, nicht eine entsprechende Quelle namhaft gemacht werden kann, ist erstaunlich. Vor allem wenn man in Betracht zieht, dass viele Darstellungen auf Kapitellen detailgenau mit Bibelstellen oder Beschreibungen in Heiligenlegenden übereinstimmen, was mit Beispielen leicht deutlich zu belegen ist.

Etwa das Kapitell mit der Heilung des Blinden in Autun: die Hinneigung Christi zum Blinden, der kleinwüchsige Zachäus im Feigenbaum, die Tür zu seinem Haus, in das er Christus aufnehmen wird (Lk 18, 35-43; Lk 19, 1-10).

Ferner etwa die Episode mit dem geteilten Mantel des heiligen Martin (Moissac), den Engel über Jesus ausbreiten und den Martin in Traum mit seinem Mantel bekleidet sah, wodurch der Herr zu erkennen gab, dass er "in dem Armen bekleidet worden war" (Sulpicius Severus, Vita sancti Martini, 3,1-4).

Oder die Versuchung des heiligen Benedikt (Vézelay). Links neben der Hauptszene hat der Steinmetz den Vogel (Amsel) hingesetzt, der die Versuchung ankündigte, und rechts davon das Gestrüpp von Nesseln und Dornen, in das sich Benedikt warf, um die Versuchung loszuwerden (Gregor der Große, Vita benedicti. De vita et miraculis venerabilis Benedicti abbatis, II, 1-3). Da eine derartige Quelle für das vorerwähnte wie für manch andere Kapitelle, die einer schlüssigen Deutung warten, bisher nicht ausgemacht werden konnte, darf oder muss wohl davon ausgegangen werden, dass sie im Laufe der Jahrhunderte aus dem Bewusstsein verschwand oder verloren ging oder dass eine einschlägige Bildtradition verschüttet, bisher nicht erschlossen ist oder keine Beachtung gefunden hat.

Zur Deutung und Entschlüsselung von Bildinhalten

Erstaunlicherweise muss festgestellt werden, dass manche Deutungen romanischer Kapitelle sich als unzuverlässig, falsch, widersprüchlich oder beliebig erweisen So etwa spricht eine deutsche Kunsthistorikerin davon, im Kapitell von der ersten Versuchung Christi biete der Teufel Jesus eine "Weltkugel" an. Das ist aber keine Weltkugel, sondern ein Stein, den Christus in Brot verwandeln soll (Mt 4,1-3 – Lk 4, 1-3).

Selbst in Frankreich wird ein Kapitell mit der "Heilung des Blinden" immer wieder als Szene mit den "Emmauspilgern" gedeutet, obschon der Bildinhalt an sich klar ist (Lk 18, 35-43; Lk 19, 1-10).

Derartige "Schwierigkeiten", wie sie aus dem Vorhergehenden ersichtlich sind, bilden ein grundsätzliches Problem bei der Deutung und Entschlüsselung des Bildinhalts und der ikonologischen Deutung von Kapitellen. Wir wissen zwar etwa noch, dass Akanthus, Pinienzapfen und Weintraube auf Unsterblichkeit, Auferstehung, auf das ewige Leben und die Glückseligkeit des Paradieses verweisen. Die Kenntnis der mittelalterlichen Symbolsprache aber ist verkümmert, und das Wissen um die Bedeutung anderer Pflanzendarstellungen, zahlreicher Fabelwesen (Basilisk, Drache, Einhorn, Greif, Sirene, Kentaur, Phönix) und Tiere (Adler, Lamm, Fisch, Taube, Schlange, Hirsch, Löwe, Pelikan, Pfau) ist verlorengegangen. Eine weitere Schwierigkeit liegt überdies in der Tatsache, dass manche Symbole doppel- oder mehrdeutig sind.

Die auf Kapitellen dargestellten Themen sind vielfältig, vor allem solche aus dem Alten Testament (Adam und Eva, Arche Noah, Samson kämpft mit dem Löwen, Samson reißt die Säulen des Tempels ein, Der Tod Absaloms, Moses und das goldene Kalb, David und Goliath, Die Jünglinge im Feuerofen, Daniel in der Löwengrube, Der Tod Kains, Jakobs Kampf mit dem Engel, Isaaks Opfer) und aus dem Neuen Testament (Mariä Verkündigung, Verkündigung an Anna, Geburt Jesu, Anbetung der Heiligen Drei Könige, Verkündigung an die Hirten, Flucht nach Ägypten, Herodes und der Kindermord, Versuchung Christi, Hochzeit von Kana, der wundersame Fischzug, Jesus und die Samariterin, Tod des Judas, die Heilung des Blinden, Befreiung Petri, Christus erscheint Maria Magdalena, die Steinigung des Stephanus).

Zur Frage eines ikonographischen Programms

Eher seltener sind andere Sujets wie Szenen aus Heiligenlegenden und Kapitelle wie Der vierte Ton, Die mystische Mühle, Die Winde, Jahreszeiten, Tugenden und Laster, häufiger dagegen Kapitelle mit Pflanzen und Flechtwerk, Tieren (Löwen, Bären, Adler), Fabelwesen, Monstern. Damit stellt sich nun ferner die Frage, wie diese Bilder- und Themenfülle in romanischen Kirchen und Kreuzgängen "organisiert" und angeordnet ist.

"Da eine Kirche meist in allen ihren Teilen von einer Bauhütte geschaffen wurde, bleiben zwei Tatsachen bemerkenswert: Ein durchgehendes ikonographisches Programm entwickelte man für alle Kapitelle einer Kirche so gut wie nirgends, ferner wechseln überall rein dekorative und figürliche Kapitelle sich ab. Man kann also Pflanzen, Tiere, das Alte und Neue Testament sowie griechische Mythologie in ein und demselben Bauwerk finden." (Karl Kolb, Die erzählenden Kapitelle. In: Kyrilla Spiecker, Kapitelle. Künder des Glaubens, Würzburg 1884, S. 89)

Die Frage eines vorhandenen oder nicht vorhandenen ikonographischen Programms wird durchaus kontrovers diskutiert.

Gilt, was für Kirchen gelten soll, zwangsläufig auch für Kreuzgänge? Sollen da ausgerechnet im Kreuzgang, der "auf eine Ordnung des Kosmos im Ganzen" hinweist, der "geistigen Heimstätte der Mönche", wo das klösterliche Leben seinen Höhepunkt findet, dem "Ort, der den paradiesischen Garten Eden, die heile Welt, repräsentierte", in Bezug auf das ikonographische Programm Beliebigkeit, Durcheinander und Chaos herrschen?

Gemäß den Ausführungen von Ingeborg Tetzlaff "wissen wir heute, daß nichts, aber auch gar nichts, in dieser Bilderwelt zufällig ist, sondern daß alles, auch das scheinbar unwichtigste Detail, seine Bedeutung hat und in ein geistiges Programm eingegliedert ist, das von Wand zu Wand oder von Säule zu Säule abgewickelt wurde."

(Ingeborg Tetzlaff, Romanische Kapitelle in Frankreich. Köln 1983, S. 31) Und Rainer Straub stellt in Bezug auf den Kreuzgang von Moissac fest: "Doch das Erstaunlichste ist, dass sich die Einzelbilder im Laufe des Rundgangs in zusammenhängenden Programmen lesen lassen."

(Rainer Straub, Die singenden Steine von Moissac. Salzburg 2009, S. 19) Darauf, dass Anlage und Bedeutung des Kreuzgangs in ihrer Komplexität noch immer nicht gänzlich verstanden werden, deutet möglichweise eine Inschrift über dem Kreuzgang in der Cathédrale Notre-Dame-de-Nazareth von Vaison la Romaine hin und die fortdauernde Auseinandersetzung mit ihr.

Obsecro vos fratres aquilonis vincite partes
Sectantes claustrum quia sic venietis ad austrum
Trifida quadrifidum memoret succendere nidum
Ignea bissenis lapidum sit ut addita venis
Pax huic domui

Ich beschwöre euch Brüder: Überwindet die Bereiche des Aquilus (des Nordens), weil ihr, den Kreuzgang durchschreitend, so zum Austrum (Süden) gelangen werdet. Das Dreifache (Dreifaltigkeit) möge daran denken, das vierteilige Nest (den Kreuzgang) zu entzünden, auf dass das Feurige den zwölf (zwei Mal je sechs) Venen der Steine beigefügt sei. Friede diesem Hause.

Die Übersetzungen dieser vier leoninischen Hexameter sind unterschiedlich und widersprüchlich wie auch ihre Deutung.

"Il serait trop long de dénombrer les traductions, les interprétations et les commentaires qu'a provoqués des quartrain mystique." (Michel Rambaud, Le quatrain mystique de Vaison-la-Romaine. In: Bulletin Monumental, tome 109, no 2, 1951, S. 157-174)

Das teilweise auffällige Vokabular geht auf die von mittelalterlichen Autoren geschätzten klassischen römischen Dichter zurück, etwa trifidus (Ovid), quadrifidus (Vergil). Die Wörter der Feuersymbolik wie igneus und succendere stehen für die Gegenwart Gottes im Feuer, weisen auf eine spirituelle, geistige Durchdringung hin. Aquilo ist der Nordwind, der Norden, woher das Übel kommt, Auster der warme Südwind, der symbolisch auch für den Heiligen Geist steht, für spirituellen Eifer. Nidus, das Nest, steht für den Kreuzgang, Rückzugsort, Ort der Geborgenheit für Leib und Seele, der Ruhe in der Kontemplation.

Die Metaphern von Feuer und Stein stehen für die Einheit von Geist und Materie, von Körper und Seele, für die Gegenwart des Schöpfers in der Schöpfung (Michel Rambaud, a.a.O. S. 167). Neben den metaphorisch gebrauchten Wörtern ist vor allem die Verwendung von Zahlen von Bedeutung.

Drei (trifidus), die Drei steht für die menschliche Seele, für die Dreifaltigkeit, für die spirituelle Welt.

Vier (quadrifidus), die Vier erinnert an die vier Kardinaltugenden, die vier Elemente, die vier Flüsse des Paradieses, die materielle Welt.

Die Zahl zwölf ist Produkt aus drei und vier, sie steht für Vollständigkeit, Vollendung, Heiligkeit, göttliche Ordnung, ist wohl auch ein Hinweis auf die zwölf Kanoniker des Kapitels und erinnert symbolisch an die zwölf Apostel.

Diese arithmetischen Zahlenspiele weisen nach mittelalterlicher Auffassung hin auf die Gegenwart des Schöpfers in der Schöpfung, auf die allgegenwärtige divina sapientia. Michel Rambaud weist zudem, durchaus überzeugend, auf die Bedeutung dieser Zahlensymbolik für die Architektur hin bei der Konstruktion dieses Kreuzgangs (a.a.O. S. 172ff.).

"Zur Deutung des Kreuzgangs als spezifisch mittelalterlichen Bautypus besitzt diese Inschrift folglich unschätzbaren Wert. So wie in der Bildersprache der romanischen Portale wird erkennbar, daß auch ganze Bauzusammenhänge in ihrer konkreten Dinglichkeit als Spiegel einer transzendenten Jenseitswirklichkeit verstanden wurden."

(Thorsten Droste, Dauphiné und Haute-Provence. Entdeckungsfahrten zwischen Rhône und Alpen, von Lyon bis zur Verdon-Schlucht. Köln, DuMont Buchverlag, 1992, S. 224f.)

Abgesehen von pauschalen Urteilen erfahren die einzelnen Kapitelle kaum je eine eingehende Würdigung.

Beiläufige Bemerkungen wie "Dieses hübsche Kapitell zeigt das Abenteuer des Noah auf eine idyllische Art", "eine vertraute und reizende Szene" oder "cette sculpture, l'une des plus célèbres de Vézelay" wird man als solche ebenso wenig gelten lassen wie apodiktische Urteile in Kurzfassung, wie etwa die Versuchung Christi sei "auf einem der künstlerisch stärksten Kapitelle der Zeit in Saulieu in Burgund dargestellt", oder "l'un des chefs-d'oeuvre de la cathédrale" (Traum der heiligen drei Könige, Autun).

Nach Erwin Panofsky "ist es auch die höchste Aufgabe der Interpretation, in jene letzte Schicht des 'Wesenssinnes' einzudringen. Sie hat erst dann ihr eigentliches Ziel erreicht, wenn sie die Gesamtheit der Wirkungsmomente (also nicht nur das Gegenständliche und Ikonographische, sondern auch die rein 'formalen' Faktoren der Licht- und Schattenverteilung, der Flächengliederung, ja selbst der Pinsel-, Meißel- oder Stichelführung) als 'Dokumente' eines einheitlichen Weltanchauungssinns erfaßt und aufgewiesen hat".
(Erwin Panofsky, Zum Problem der Beschreibung und Inhaltsdeutung von Werken der bildenden Kunst, S. 93f.)

Vereinfacht gesagt, müsste es das Ziel sein, nach genauem Sehen und Beschreiben zu einer "Analyse der formalen Erscheinung" oder "Analyse der anschaulichen Form" zu gelangen und diese schließlich in eine "Deutung des geistigen Gehalts" münden zu lassen, wobei gerade im Fall romanischer Kapitelle der "ikonographischen Deutungsarbeit" eine entscheidende Rolle zukäme. In der Romanik sind Kapitelle, abgesehen von Tympana, der einzige figürliche Schmuck, der zum Baukörper gehört, wie in der Gotik Glasfenster und Fassadenskulpturen.

Die romanischen Kapitelle sind in einer Zeit tiefer Religiosität entstanden, und vor diesem Hintergrund wollen sie gewürdigt werden. Es ist zwar möglich, die Kapitelle rein ästhetisch zu genießen, ohne weitere Kenntnis ihres Bedeutungsgehalts. Dabei aber erfassen wir nichts vom Gedankenreichtum, den die Steinmetze ihren Werken einverleibt haben, verfehlen wir die symbolische, religiöse, theologische Botschaft, den tieferen Sinn des Abgebildeten überhaupt und damit letztlich auch den Zugang zu diesen großartigen Schöpfungen, die wir heute als Zeugnisse einer großen abendländischen Kunstepoche bewundern.

* * *

In der Kathedrale von Autun gibt es mehr als sechzig figürliche Kapitelle und mehr als doppelt so viele mit pflanzlichen und ornamentalen Dekors, in der Basilika von Vézelay über hundert figürliche Kapitelle und im Kreuzgang der Abtei Saint-Pierre in Moissac rund siebzig figürliche Kapitelle.

Um den Lesern einen Eindruck von der immensen Fülle und Vielfalt dieses Kosmos mittelalterlicher Bilderwelt zu vermitteln, wurde hier ein Bildersaal mit Werken aus drei Kirchen und zwei Kreuzgängen eingerichtet (kann von Interessierten als PDF heruntergeladen werden), der zum Besuch einlädt.

Literatur

Athanasius, Das Leben des heiligen Antonius. In: Ausgewählte Schriften des heiligen Athanasius. Erster und zweiter Band. Bibliothek der Kirchenväter. Kempten: Verlag der Jos. Kösel'schen Buchhandlung, 1875, Zweiter Band, S. 226 - 330

Frank Büttner, Andrea Gottdang, Einführung in die Ikonographie. Wege zur Deutung von Bildinhalten. München: Verlag C.H. Beck, 2006

Hans Biedermann, Knaurs Lexikon de Symbole. München: Droemer Knaur, 1989

Wolfgang Braunfels, Abendländische Baukunst. Köln: Verlag M. DuMont Schauberg, 1969 Donat de Chapeaurouge, Einführung in die Geschichte der christlichen Symbole. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1987

Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Bern, München: Francke Verlag, 19634

Marie-Madeleine Davy, Initiation à la symbolique roman. Paris: Flammarion, 1977 Thorsten Droste, Dauphiné und Haute-Provence. Entdeckungsfahrten zwischen Rhône und Alpen, von Lyon bis zur Verdon-Schlucht. Köln: DuMont Buchverlag, 1992

Thorsten Droste, Die Skulpturen von Moissac. Gestalt und Funktion romanischer Bauplastik. München: Hirmer, 1996

Thorsten Droste, Die Pyrenäen. München: Hirmer Verlag, 2001

Georges Duby, Saint Bernard. L'art cistercien. Paris: Flammarion, 1979

Georges Duby, Die Kunst der Zisterzienser. Stuttgart: Klett-Cotta, 1993

Jacques Duchaussoy, Le bestiaire divin ou la symbolique des animaux. Paris: Le courier du livre, 1972

Umberto Eco, Kunst und Schönheit im Mittelalter. München, Wien: Hanser, 1991

Jacques Le Goff, Reims. Krönungsstadt. Berlin: Klaus Wagenbach, 1997

Gregor der Große, Vita Benedicti. Das Leben und die Wunder des verehrungswürdigen Abtes Benedikt. Lateinisch / Deutsch. Nach der Ausgabe von Adalbert Vogüé übersetzt und kommentiert von Gisela Vollmann-Profe. Stuttgart: Reclam, 2015

Denis Grivot, Die Kathedrale von Autun. Clamecy 1986

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Gerd Heinz-Mohr, Lexikon der Symbole. Bilder und Zeichen der christlichen Kunst. Köln: Eugen Diederichs Verlag, 1971, 1984

Hieronymus: Leben des Heiligen Paulus, des ersten Einsiedlers. In: Des Heiligen Kirchenvaters Eusebius Hieronymus ausgewählte historische, homiletische und dogmatische Schriften, aus dem Lateinischen übersetzt von Ludwig Schade. Bibliothek der Kirchenväter. Kempten / München: Kösel, 1914, 1. Band, S. 28f.

Johan Huizinga, Herbst des Mittelalters. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 1965 (neunte Auflage) Claude Jean-Nesmy (d.i. Claude Surchamp), Vézelay, ein Höhepunkt der Romanik. Würzburg: Echter Verlag, 1983

Rolf Legler, Kreuzgänge. Orte der Meditation. Köln: DuMont Buchverlag, 1995 Rolf Legler, Mittelalterliche Kreuzgänge in Europa. Petersberg: Michael Imhof Verlag, 2007 Emile Mâle, Die kirchliche Kunst des XIII. Jahrhunderts in Frankreich. Studie über die Ikonographie des Mittelalters und ihre Quellen. Deutsch von L. Zuckermandel. Strassburg: J.H.Ed. Heitz, 1907

Friedrich Ohly, Vom geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter. Sonderausgabe. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1966 (unveränderter reprografischer Nachdruck aus: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. 89 (1958/1959, S. 1 - 23)

Friedrich Ohly, Probleme der mittelalterlichen Bedeutungsforschung und das Taubenbild des Hugo de Folieto. In: Friedrich Ohly, Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1977, S. 32 - 92

Erwin Panofsky, Gotische Architektur und Scholastik. Zur Analogie von Kunst, Philosophie und Theologie im Mittelalter. Köln: DuMont Buchverlag, 1989

Erwin Panofsky, Zum Problem der Beschreibung und Inhaltsdeutung von Werken der bildenden Kunst (1932). In: Logos XXI, 1932, 103-119
Auch in: Erwin Panofsky, Aufsätze zu Grundfragen der Kunstwissenschaft, hg. von Hariolf Oberer und Egon Verheyen. Berlin: Wissenschaftsverlag Volker Spiess, 19982

Fernand Pouillon, Singende Steine. Die Aufzeichnungen des Wilhelm Balz, Baumeister des Zisterzienserklosters Le Thoronet. München: dtv, 1999

Michel Rambaud, Le quatrain mystique de Vaison-la-Romaine. In: Bulletin Monumental, tome 109, no 2, 1951, S. 157 174

Meyer Schapiro, Romanische Kunst. Ausgewählte Schriften. Köln: DuMont Buchverlag, 1987 Heinrich und Margarethe Schmidt, Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst. München: C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung 1984

Marius Schneider, Singende Steine. Rhythmus-Studien zu drei romanischen Kreuzgängen. München: Heimeran, 1978

Julius Schwietering, Die deutsche Dichtung des Mittelalters. 2. Unveränderte Auflage. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1975

Kyrilla Spiecker, Kapitelle. Künder des Glaubens. Mit einem kunsthistorischen Beitrag von Karl Kolb. Würzburg: Echter, 1984

André Strasberg, Michaël Vottero, Cathédrale Saint-Lazare, Autun: Éditions du Patrimoine Rainer Straub, Die singenden Steine von Moissac. Entschlüsselung der geheimnisvollen Programme in einem der schönsten Kreuzgänge Europas. Salzburg: Anton Pustet, 2009

Josef Sudbrack, Kreuzgänge. Ordnungen des Lebens. Mit einem kunsthistorischen Beitrag von Karl Kolb. Würzburg: Echter Verlag, 1983

Sulpicius Severus, Vita sancti Martini. Das Leben des heiligen Martin. Lateinisch/Deutsch. Übersetzung, Anmerkung und Nachwort von Gerlinde Huber-Rebenich. Stuttgart, Reclam, 2010 Victor Terret, La sculpture bourguignonne aux XIIième et XIIIième siècles. Ses origines, ses sources d'inspiration. Autun 1925 ?

Ingeborg Tetzlaff, Romanische Kapitelle in Frankreich. Köln: DuMont, 1983

Alain Theuret, Saint-Andoche von Saulieu. St-Priest: Éditions Lescuyer, 2010

François Vogade, Vézelay. Introduction de Louis Hautecœr de l'institut. 1974

Dom Melchior de Vogüé, Dom Jean Neufville, Glossaire des termes techniques (zodiaque). 3e édition, o.J.

Max Wehrli, Geschichte er deutschen Literatur vom frühen Mittelalter bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Stuttgart: Reclam, 1980

Heinrich Wölfflin, Wie man Skulpturen aufnehmen soll? Zeitschrift für Bildende Kunst 50. Jg. (Neue Folge, 26. Jg.), Leipzig: Verlag E.A. Seemann, 1915, S. 237 - 244
https://de.wikipedia.org/wiki/Ste-Eulalie-Ste-Julie_(Elne)
https://www.medart.pitt.edu/menufrance/vezelay/capitals/vezcap74.html

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