Magnentius Rabanus Maurus

Erzbischof von Mainz (* um 780 – † 4.2.856)

Raban wurde zu Maiz, glaublich um das Jahr 776 geboren und ward unter Abt Baugulf von Fuld (780 – 802) in die dortige Klosterschule aufgenommen. Schon 801 zum Diakon ordiniert, wurde er von Baugulfs Nachfolger Ratgar nach Tours zu Alkuin gesandt, dessen exegetischen, moralphilosophischen und humanistischen Vorlesungen er folgte. Alkuin, mit dem ihn eine bleibende Freundschaft und später ein reger brieflicher Verkehr verband, gab ihm den Beinamen Maurus; das Prädikat Magnentius scheint er selbst sich begelegt zu haben. Nach Fuld zurückgekehrt, lehrte Raben an der dortigen Schule, bis er 822 nach dem Tode Eigils, der 817, kurz nach Rabans Priesterweihe, Ratgar im Amte gefolgt war, zum Abte des Klosters gekürt ward. Auch als solcher entsagte er nicht völlig der gewohnten Lehrtätigkeit, da in dieser Zeit Lupus, Walahfrid, Otfrid seine Schüler wurden. Aber schon 842 legte Raban die ihm lästige Würde nieder und zog sich auf den Petersberg bei Fuld zurück, um daselbst ausschließlich der Muße und den Musen zu leben, als ihn 847 die Wahl von Klerus und Volk auf den durch Otgars Tod erledigten Stuhl von Mainz berief. Noch im ersten Jahre seiner Amtsführung berief er nach Mainz eine Synode, auf der u.a. Gottschalk von Orbais, einst in Fuld sein Schüler, seiner namentlich die Prädestianionslehre berührenden Irrtümer wegen verurteilt wurde. Ein Achtziger, starb Raban den 4. Februar 856.

BuchilluminationAuf die ausgebreitete literarische Tätigkeit Rabans einzugehen, die ihm den Beinamen „Magister Germaniae“ eintrug, die sich indes nach der Art Isidors oder Bedas mehr in enzyklopädischer Verarbeitung des Gegebenen als in selbsteigenem Forschen gefiel, ist nicht dieses Ortes. Wir haben uns auf seine Dichtungen und unter diesen wieder auf seine Hymnen zu beschränken.

Rabans Gedichte sind zuerst von Chr. Browerus als Anhang der zweiten Auflage seiner Fortunatus-Ausgabe aus einer alten Fuldaer Handschrift veröffentlicht worden unter dem Titel: Hrabani Mauri, ex Magistro et Fuldensi Abbate Archiepiscopi Moguntini, poemata de diversis. Moguntiae 1617. Die Handschrift, der Browerus diese Gedichte entnahm, ist heute in Verlust geraten bis auf ein wenig umfangreiches Bruchstück, das jetzt einen Teil des Einsiedler Miscellan-Codex 206 ausmacht und uns zeigt, daß Browerus’ Quelle im zehnten Jahrhundert geschrieben war. Da die Handschrift verloren, muß uns der Abdruck die Quelle ersetzen.

Die Hymnen Rabans stehen mit Ausnahme von dreien, die im ersten Teile der Carmina sich befinden, bei Browerus auf S. 66ff. unter der Aufschrift: „Hymni Hrabano in eodem msc. Attributi.“ Der Herausgeber bemerkt dann S. 144: „Porro hymnos nonnullos hic reperiri, qui scriptoribus aliis vindicare possint, haud diffitear; sed quia vetustae membranae manu non antiquissima nonnullos insertos observavimus, eos ad discrimen faciendam astericis insignivimus; reliquos plerosque, quia eodem charactere et titulo versuum Hrabani praescripti sunt, eidem seu prolis legitimae parenti transscribere nil veremus.“ Diesem Schlusse pflichtet zwar Dümmler, Neues Archiv IV, 290, mit den Worten bei: „Im allgemeinen wird man diese Annahme gelten lassen können, insoweit nicht ein Gegenbeweis geführt werden wird.“ Der Gegenbeweis ist nicht geführt; dennoch hat Dümmler in seiner Ausgabe der Gedichte Rabans (Poetae Aevi Carolini II, 159ff.) alle diese Hymn en als Carmina dubia bezeichnet, mit Ausnahme von zweien (Browerus Nr. 20 und 23), die er, ohne seine Handlungsweise irgendwie zu rechtfertigen oder zu erläutern, stillschweigend unter die Genuina versetzt.

Mit einem Stern hat Browerus nur fünf Hymnen als von späterer Hand geschrieben gekennzeichnet. Die Anfänge derselben sind:

Quod chorus vatum.
Fit porta Christi pervia.
Gloria Deo in excelsis hodie.
Tibi, Christe, splendor patris.
Aurea luce et decore reseo.

Von diesen habe ich in meiner Ausgabe der Hymnen Rabans, Anal. hymn. L, 180 – 209, drei, den 2., 3. und 5. als außer Frage stehend fortgelassen, zwei (den 1. und 4.) als zweifelhaft an den Schluß gestellt.

Von Browerus’ Nr. 24 an, die aus mehreren, nicht zueinander gehörigen Stücken zusammengesetzt ist, beginnen aber ersichtlich zwei neue Nachträge, wenn sie auch von erster Hand geschrieben waren, da sich unter denselben auch Stücke anderer, mit Namen genannter Verfasser, wie Columbans oder eines Deudofredus finden. Aus diesem Wirrwarr habe ich a.a.O. zwei Stücke: Deus, orbis reparator und Sophia patris als möglicherweise von Raban herrrührend unter den Dubia beibehalten. Die weiteren Dinge bei Browerus haben mit ihm zweifellos nichts zu schaffen. Dagegen habe ich ihm zwei Hymnen, die bei Browerus sich nicht finden, den Hymnus Sanctorum meriti und den andern Fratres un animes, als Raban zugehörig eingeschoben. Für diese so gewonnene Reihe von Hymnen läßt sich meines Erachtens nach auch aus inneren Grüden die Überzeugung gewinnen, daß sie „legitime Kinder“ der Muse Rabans sind, und daß Browerus recht hatte, seiner Quelle mit der nötigen Vorsicht zu trauen. Den Beweis hierfür sehe man nach in meiner Schrift „Hymnologische Studien zu Venantius Fortunatus und Rabanus Maurus“, München 1908.

(Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 76f.)

 

"Sein erstes Werk, noch in der Zeit Ratgars entstanden, widmete Hraban dem Kreuz de Herrn: De laudibus sanctae crucis. Von den zwei Büchern enthält das erste die Hauptsache: einen Zyklus von 28 Figurengedichten, denen ein ebensolches als Widmung an Ludwig den Frommen und ein weiteres als praefatio vorausgeht. (...) Hraban geht zum Teil über seine Vorgänger hinaus, die sich in der Regel damit begnügten, die Versreihen mit gleicher Buchstabenzahl so zu gestalten, daß bestimmte Buchstaben, die ihrerseits, nacheinander gelesen, wiederum Verse ergaben, relativ einfache geometrische Figuren bildeten. Bei Hraban erfordert ein Teil der durch Buchstaben gebildeten Figuren die Zeichnung; sie füllen die Flächen gelegentlich recht komplizierter Gestalten: das Bild des Gekreuzigten, Engel, den Kaiser mit Krone und Nimbus, Schild und Kreuz. Die Verbindung von Vers und Bild ist vollkommen. Die Verse sind dadurch so schwierig geworden, daß Hraban es für geraten hielt, die einzelnen Bilder bzw. Figurengedichte in Prosa paraphrasierend zu erläutern, wodurch eine regelrechte Zweitfassung zustande kam."

Franz Brunhölzl, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Band. Von Cassiodor bis zum Ausklang der karolingischen Erneuerung. München 1975, S. 326f.

Literatur

Hrabanus Maurus - Lexikon für Theologie und Kirche. Begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper u.a., Freiburg i.Br., Basel, Rom, Wien. Bd. 5. Hermeneutik bis Kirchengemeinschaft. - 3., völlig neu bearb. Aufl. 1996, Sp. 292f.

Hrabanus Maurus - Franz Brunhölzl, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Band. Von Cassiodor bis zum Ausklang der karolingischen Erneuerung. München 1975, S. 325 - 340

Hrabanus Maurus, Hraban von Fulda - Max Manitius, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Band. Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts. München 1965 (unveränderter Nachdruck der 1911 erschienenen ersten Auflage), S. 288 - 302