Herimannus Contractus

Mönch von Reichenau (* 18.7.1013 – † 24.9.1054)

Herimann, mit dem Beinamen der Lahme (Contractus), ward den 18. Juli 1013 geboren (1013 Herimannus ego 15. Kal. Augusti natus sum). Sein Vater war Wolfenrad II., Graf von Vehringen auf Altschhausen (OA. Saulgau); die Mutter, Hiltrude mit Namen, wird uns vom Sohne als eine Frau von seltener Herzensgüte gerühmt. Sieben Jahre alt bezog Herimann unter Abt Bern die Klosterschule der Reichenau (1020 ego Herimannus litteris traditis sum 17. Kal. Octobris), um später in die Zahl der dortigen Mönche eingereiht zu werden, unter denen sich auch einer seine Brüder – er hatte im ganzen dreizehn Geschwister – Werinharius befand. Von Kindheit an gichtbrüchig und verkrümmten Oberleibes, so daß er außerstnde war, sich allein fortzubewegen, war er auch der Sprache halb beraubt, vermochte bloß im Flüstertone zu reden und konnte nur schwer verstanden werden.

All dies körperliche Elend hinderte ihn nicht, ein beliebter Lehrer und ein fruchtbarer und gefeierter Schriftseller zu werden. Außer seinem Hauptwerke, dem Chronicon Augiense, der ersten Weltchronik des Mittelalters, verfaßte er mathematische, astronomische und musikalische Schriften. Namentlich als Komponist erfreute er sich allgemeiner Bewunderung. Er starb den 21. September 1054 und ward in der Falmiliengruft zu Altschhausen beigesetzt. Vgl. über sein Leben das Elogium Herimanni seines Schülers und Freundes Bertholdus, Monum. Germ. SS. V, 267 sqq.; Hansjakob, Herimann der Lahme, Mainz 1875.

Photo der KlosterkircheVon den liturgischen Schöpfungen Herimanns ist uns nur wenig unter seinem Namen überliefert. Sein Schüler Bertholdus schreibt in dieser Hinsicht:"Cantus item historiales plenarios,utpote quo musicus peritior non erat, de sancto Gregorio, sanctis Gordiano et Epimacho, sancta Afra martyre, sancto Magno confessore et de sancto Wolfgango episcopo mira suavitate et elegantia euphonicos praeter alia huiusmodi perplura neumatizavit et composuit." Berthold redet hier von sogenannten Historien und Offizien. Eine dieser Historien ist uns bekannt, die der hl. Afra. Vgl. Brambach, Die verloren geglaubte Historie der hl. Afra und das Salve regina des Hermannus Contractus. Karlsruhe 1902. Dies Offizium trägt im Cod. Augien. LX zu Karlsruhe die Marginalnote: „Hanc histoiram composuit Hermannus Contractus"; es ist bis auf ein Responsorium in Prosa abgefaßt. Den in Augsburg zu diesem Offizium üblichen Hymnus Gaude, civitas Augusta werden wir Herimann nicht zuschreiben dürfen. (...)

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 153ff.

"War Bern, der Abt, als Schriftsteller in erster Linie Gelehrter, der auf dem Boden der Tradition stehend, doch auch schon manches Neue zu bieten wußte, so lebte in seinem Konvent zu seiner Zeit ein Mönch, der ihn an Gelehrsamkeit womöglich noch übertraf und dazu noch Dichter und Komponist gewesen ist: Hermann von Reichenau oder, nach seinem Gebrechen, Hermannus Contractus, Hermann der Lahme genannt. (...) Hermanns Ansehen bei den Zeitgenossen gründet sich zu einem nicht geringen Teil auf seine Kenntnisse in den Fächern des quadrivium und die Pflege, die er diesen Disziplinen zuteil werden ließ. Hier auch offenbart sich die Vielseitigkeit des gelehrten Mannes."

Franz Brunhölzl, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Band, Die Zwischenzeit vom Ausgang des karolingischen Zeitalters bis zur Mitte des elften Jahrhunderts. München 1992, S. 450 und 454

 

Literatur

Hermann der Lahme - Lexikon für Theologie und Kirche. Begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper u.a., Freiburg i.Br., Basel, Rom, Wien. Bd. 4. Franca bis Hermenegild. - 3., völlig neu bearb. Aufl. 1995, Sp. 1443

Hermann von Reichenau - Franz Brunhölzl, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Band, Die Zwischenzeit vom Ausgang des karolingischen Zeitalters bis zur Mitte des elften Jahrhunderts. München 1992, S. 450 - 460

Hermann der Lahme - Arno Borst, Mönche am Bodensee 610 - 1525. Zweite Auflage. Sigmaringen 1985, S. 102 - 118

Hermann von Reichenau - Max Manitius, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil. Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat. München 1923, S. 756 - 777