Anselm von Canterbury

Erzbischof von Canterbury (* 1033/34 – † 1100)

Anselm von Canterbury war 1033 (oder 34) zu Aosta im nördlichen Piemont, wo sein Vater Gundulphus, ein lombardischer Edelmann, sich niedergelassen hatte, geboren; seine Mutter, Ermenberga, stammte aus Aosta selbst. Frühzeitig willens sich dem monastischen Berufe hinzugeben, von seinem Vater indes verhindert, verließ er die Heimat, wandte sich nach Frankreich und kam nach längeren Wanderungen bis Le Bec in die Normandie, wo er sich unter Lanfranc den philosophischen Studien hingab und 1060, 27 Jahre alt, selbst in die Abtei aufgenommen wurde. Als drei Jahre später Lanfanc zum Abte von Caën erwählt wurde, folgte ihm Anselm als Prior und nach dem Tode Herluins (20. August 1078) diesem als Abt von Le Bec. im Jahre 1093, vier Jahre nach Lanfrancs Tode, zu dessen Nachfolger auf dem erzbischöflichen Stuhle von Canterbury berufen, wurde er bald in Zwistigkeiten mit den Trägern der Krone verwickelt, zuerst mit Wilhelm II. (von 1097 - 1100) und bald auch mit dessen Nachfolger Heinrich I. (von 1100 - 1106). Der Streit, der sich vorwiegend um das Recht der Investitur drehte, wurde 1106 auf dem Wege des Kompromisses geschlichtet. Die letzten Jahre seines Lebens genoß der Erzbischof das unbedingte Vertrauen seines Königs. Er starb den 21. April 1109.

Darstellung in einer BuchmalereiAußer zahlreichen und bedeutenden Schriften, asketischen und theologisch-philosophischen Inhalts, welch letztere ihn zum Ausgangspunkte der sog. Scholastik machen, hat Anselm auch einige religiöse Dichtungen hinterlassen, so namentlich zwei ryhthmische Orationen zu Gott und Maria (Oratio XL und LXI), die schon Gerbéron, der letzte Herausgeber von Anselms Werken (Abdruck bei Migne PP.LL. 158), zwischen den prosaischen Gebeten desselben fand. Eine der beiden von ihm benutzten Handschriften, diejenige, welche er als Victorinus KK. 16 bezeichnet, ist der heutige Parisinus 18111, der für den Neudruck der Gedichte Anal. XLVIII, 94 - 104, wieder verglichen wurde. Auch in der Hs. 260 zu Zwettl fanden sich diese beiden Rhythmen unmittelbar hinter Anselms Orationes, in einer Handschrift zu Arras, Nr. 1021, unmittelbar hinter dem Proslogion desselben.

Was die Hymnen und sonstigen Rhythmen betrifft, die bei Gerbéron S. 303ff., bei Migne l.c. 1055. folgen, so ruhen diese augenscheinlich auf Parisin. 18111. Sie folgen dort unmittelbar auf Werke Anselms, doch von anderer Hand geschrieben und ohne Nennung des Verfassers. Es bleibt also die Attribution auf Grund bloß dieser Handschrift eine unsichere. Für Anselm spricht, daß die Hymnen zu den Tageszeiten der allerseligsten Jungfrau auch sonst handschriftlich Anselm beigelegt werden und nach Chevalier, Repert. hymnol. 10869 sich in dem 1515 gedruckten Breviere von Le Bec befinden. Wir stehen hier also wenigstens einer älteren Tradition gegenüber. Für diese Hymnen sowie für das Anselm zugeschriebene Psalterium Marianum (vgl. Anal. hymn. XXXV, 254ff., Migne l.c. 1057ff.) spricht wenigstens der Umstand, daß sie dieselbe Handhabung von Rhythmus und Reim aufweisen wie die beiden Orationes. Bezüglich anderer Anselm zu Unrecht beigelegter Hymnen vgl. Anal. hymn. XLVIII, 95 und 103 sq.

(Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 195f.)