Philippus de Grevia

Kanzler von Paris (* 1160/85 – † 10. 4. 1236)

Philippus Cancellarius de Parisiis (Philipp der Kanzler), Philippus de Grevia (Gravia). Philippe de Grève war nach Alberich von Troisfontaines in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts zu Paris geboren. Wir werden daher daher seinen noch ungedeuteten Beinamen vielleicht mit der Pfarre Saint-Jean en Grève (Sancti Johannis in Gravia) in Verbindung bringen dürfen, deren Kirche im Jahre 1800 niedergelegt ward, um dem Hôtel de Ville Platz zu machen. Über seine Jugend, seinen ersten Unterricht, seine weiteren Studien, die ihn wohl kaum aus seiner Vaterstadt geführt haben, sind wir völlig unterrichtet. Im Jahre 1217 (Alberich nennt das Jahr 1223) finden wir ihn als Kanzler der Pariser Kirche (nicht des Königs, auch nicht der Universität) an der Spitze aller vom Erzstuhle abhängigen Unterrichtsanstalten.“Eodem anno factus est canellarius Parisiensis Philippus, optimus theologus, de ipsa civitate oriundus, cuius patruus fuit Galtherius senior, camerariuis“ (Alberich, Mon. Germ. SS. XXIII, 913). Bald nach seiner Ernennung geriet der Kanzler in heftige Fehde mit der Universität, die er seiner Jurisdiktion botmäßig machen wollte; er ging so weit, die Lehrenden zu exkommunizieren, die Lernenden einzusperren. Die Sache kam nach Rom vor Honorius III. (1219), der Philipp vorlud, gegen ihn entschied, seinem Spruche indes keine weitern unliebsamen Folgen gab.

Um 1224 erhob dieser neuen Streit, jetzt gegen die Bettelmönche, denen er untersagte, andere Hörer als ihre eigenen Kleriker zuzulassen. Wieder entschied der Papst, diesmal Gregor IX., der große Gönner der Mendikanten, gegen den streitbaren Kanzler.

Abermals loderte der Streit 1229 auf, diesmal zwischen der Universität und dem Bettelorden. Daß der Kanzler auch an diesem Zwiste sich beteiligt habe, diesmal auf seiten der Universität, macht der Umstand wahrscheinlich, daß er sich 1230 aus Paris geflüchtet hatte, wo ihm vermutlich der Boden zu heiß geworden. Im folgenden Jahre war er indes wieder in Paris und waltete seines Amtes, „theologicae scholae gloriose praefuit“ (Henricus Gandaven. De Script. eccl. c. 50).

Einen letzten Streit, in dem nur Magister Arnoldus, später Bischof von Amiens, ihm zur Seite stand, focht der Kanzler mit gewohnter Schärfe zugunsten der Erlaubtheit der cumulatio beneficiorum. Er starb nach Alberich von Troisfontaines, der seine Grabschrift mitteilt, zu Weihnachten des Jahres 1237 (Mon. Germ. 1. c. 940), nach Henri d’Andeli, der wohl mehr Glauben verdient, am Stephanstage 1236:

Qui de sa mort vuet savoir terme,
M et CC et XXXVI
Ioigne ensemble, et tot issis
De sa mort saura verité
L’andemain de Nativité.

(Vgl. Paul Meyer, Henri d’Andeli et le chancelier Philippe, Romania I, 215). Thomas von Cantimpré erzählt uns eine Sage über den Tod des Kanzlers (De apibus I,6), Henri d’Andeli feiert ihn in Versen, welche uns die hohe Bedeutung des Gefeierten für die Kirchen- und Gelehrtengeschichte seiner Zeit nahebringen, da er ihn, ohne sich dem Gespötte preiszugeben, den Tüchtigsten und Weisesten nennen darf „qui fut en la crestienté“.

Der rastlose Kanzler war auch ein fruchtbarer Schriftsteller. Wir besitzen von ihm, noch ungedruckt, eine Summa theologica sowie drei Predigtwerke: Sermones festivales, Sermones super Psalterium, Sermones super Evangelia, die zum Teile gedruckt wurden. Daneben erübrigte er noch Zeit für Poesie und Musik; denn er ist einer der besten und produktivsten lyrischen Dichter des dreizehnten Jahrhunderts, der sich an der liturgischen wie an der nicht liturgischen, an der geistlichen wie an der weltlichen, an der lateinschen wie an der Poesie in der Volkssprache mit gleichem Eifer beteiligt. Wir besitzen leider kein vollständiges Verzeichnis der poetischen Werke des Kanzlers, sondern lernen einzelne hier, andere dort kennen. Eine Liste derselben mit der Angabe des Druckortes (in Anal. hymn. XX) findet man Anal. hymn. L, 529ff., auf welche hier Kürze halber verwiesen werden muß.

(Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 299f.)

In neuerer Zeit neigt man dazu, Philipp den Kanzler (Philippus Cancellarius de Parisiis, 1160/85 - 1236) und Philipp von Grevia (Philippus de Grevia, Philippe de Grève) nicht mehr als ein und dieselbe Person zu betrachten, und geht davon aus, dass es sich um zwei verschiedene Persönlichkeiten handelt. Es wird auch die Ansicht vertreten, Philipp von Grevia sei der Sohn Philipps des Kanzlers. Bereits Guido Maria Dreves hat vorsichtig vom noch "ungedeuteten Beinamen" Philipps von Grevia gesprochen.

"Plusieurs critiques, et non des moindres, estiment par surcroît qu'il s'agit de deux ou même de trois personnages différents, Philippe de Paris devant être distingué, selon eux, de Philippe de Grève et de Philippe le Chancelier, ou être assimilé soit à l'un, soit à l'autre. Mais en tout état de cause, il y a une personnalité qui a compté à son époque, n'en aurions-nous d'autres témoinages que le Dit du Chancelier Philippe en 266 octosyllables consacré à sa louange par Henri d'Andeli, où il est qualifié de 'meilleur maître, et le plus sage, qui fut en la crestienté'."

Henry Spitzmuller, Poésie latine chrétienne du Moyen Age IIIe - XVe siècle. Textes recueillis, traduits et commentés par Henry Spitzmuller. Bruges: Desclée de Brouwer, 1971, S. 1817f.

Wer immer der Verfasser dieser Hymnen und Sequenzen ist, die hier vorgelegten Dichtungen sind von hohem Rang.

"... il a écrit des hymnes, des séquences, des cantiques d'une grâce parfois charmante et empreintes d'une piété profonde sans parler de pièces en roman, toutes oeuvres qui font incontestablement de lui l'un des plus intéressants poètes du siècle." (Henry Spitzmuller, a.a.O. S. 1817)

Literatur

Philippe de Grève. - Lexikon für Theologie und Kirche. Begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper u.a., Freiburg i.Br., Basel, Rom, Wien. Bd. 8. Pearson bis Samuel. - 3., völlig neu bearb. Aufl. 1999, Sp. 233