Iacobus de Benedictis Tudertinus

Franziskanermönch (* 1228 – † 25. 12. 1306)

Iacobus de Benedictis Tudertinus, Jakob von Todi. Jacopo, genannt Jacopone (der lange Jakob) da Todi, stammte aus dem adeligen Geschlechte der Benedetti oder Benedettoni und ward 1240 zu Todi geboren. Er studierte zu Bologna und erwarb an dieser berühmten Hochschule den Doctor iuris utriusque. Der plötzliche Tod seiner Gattin, die bei einem Schauspiele unter den einstürzenden Sitzen der Zuschauer begraben wurde, machte derart Eindruck auf ihn, daß er sich von dem weltlichen Treiben abkehrte, ein härenes Bußkleid anlegte und in den dritten Orden des hl. Franziskus eintrat. Eine Stelle des 1. Korintherbriefes (1. Kor. 1, 20 – 29) in unerleuchteter Weise auslegend, markierte er zehn Jahre hindurch den Idioten und dies mit solchem Erfogle, daß er, als er 1278 um Aufnahme in den ersten Orden des Heiligen anhielt, zuerst seinen ungetrübten Verstand erweisen mußte. Er tat dies, indem er einen von ihm verfaßten Traktat, Libellum brevemque commentarium de mundi contemptur, einreichte. Er gehörte dem Orden als Laienbruder an, ohne die Weihen zu nehmen. Im Jahre 1297 war er in eine Verschwörung hineingezogen, die Bonifaz VIII. zu entthronen strebte. Die Verschwörer flüchteten, als ihre Pläne entdeckt wurden, nach Palästrina, wurden daselbst vom Papste belagert und nach Einnahme der Stadt eingekerkert. Auch Jacopones Los war die Gefangenschaft, aus welcher erst der Tod Bonifaz VIII. (1303) ihn erlöste. Am 23. Dezember dieses Jahres gab ihm Benedikt XI. die Freiheit wieder, deren er sich nur noch drei Jahre erfreuen sollte, die er im Kloster seines Ordens zu Collazone verlebte. Er starb daselbst zu Weihnachten des Jahres 1306 und ward in der Kirche des Clarissenklosters seiner Vaterstadt beigesetzt.

Die Bedeutung Jacopones da Todi für die Geschichte der Literatur liegt wesentlich und fast ausschließlich in seinen, in italienischer Sprache abgefaßten religiösen Dichtungen. Dieselben erschienen unter dem Titel „Laude di fratre Jacopone da Todi“ schon frühzeitig im Drucke, zu Florenz 1490, zu Brescia 1495, zu Venedig 1514, unter dem Titel „Cantici“ zu Rom 1558. Die vollständige Sammlung veröffentlichte Francesco Tresati 1617 in Venedig; sie umfaßt 19 Satiren, 32 Cantici morali, 30 Ode, 40 Inne penitentiali, 3 Cantici del divino amore, 45 Cantici amatori, 9 Cantici secreti sprirituali.

In der Geschichte der Hymnendichtung wird der Name Jacopones mit Ehren genannt als der mutmaßliche Verfasser der berühmten Sequenz von Mariä Mitleiden, des Stabat mater. Ich sage der mutmaßliche Verfasser, denn leider läßt sich seine Autorschaft nicht mit Sicherheit feststellen. Auch Tenneroni, Jacopone da Todi, lo „Stabat Mater“ e „Donna del Paradiso“, studio su nuovi codici, Todi 1887, ist dies nicht gelungen. Es spricht gegen Jacopone einmal der Umstand, daß keine ältere Tradition im Franziskanerorden ihn als Autor der berühmten Sequenz kennt, und daß die jüngere Überlieferung wesentlich auf dem Umstande zu beruhen scheint, daß das Stabat mater öfters in den Handschriften der „Laude“ vorkommt. Es kommen aber in diesen Hanschriften mit und neben dem Stabat noch andere lateinische Lieder vor, bald die einen, bald die anderen, so das Cur mundus militat sub vana gloria, das Weihnachtslied In hoc anni circulo, der Iubilus vom Namen Jesu Dulcis Iesu memoria u.a. Erstere beiden sind denn auch von Ozanam u.a. Jacopone zugeschrieben worden, sehr mit Unrecht, da sie schwerlich von demselben Verfasser herrühren. Bildet aber das Vorkommen in den Handschriften der „Laude“ einen Grund, ein Lied dem Iacopone zuzuschreiben, so spricht dieser Grund entweder für alle oder für keines. Dennoch mag, da ein anderer Verfasser für das Stabat mater nicht genannt wird, dies auch hier mit dem Namen Jacopones als des „mutmaßlichen“ Verfasser verknüpft bleiben.

Es verdient hinzugefügt zu werden, daß das Stabat mater ursprünglich keine Sequenz, überhaupt keine liturgische Dichtung, sondern ein sog. Reimgebet war. Demgemäß finden wir es handschriftlich vorwiegend in Gebetbüchern. Erst im fünfzehnten Jahrhundert kommt es spärlich genug als Sequenz vor, in Deutschland fast nie, wo in der Votivmesse de Compassione beatae Mariae in der Regel eine andere, verwandte Sequenz mit dem Anfang: Stabat in iuxta Iesu crucem (Anal. hymn. VIII, 55 und 56) üblich war. Bezüglich des Stabat mater sei außer auf Tenneroni noch verwiesen auf Mohnike, Kirchen- und Literarhistorische Studien, Stralsund 1825, I, 335ff.; Ozanam, Poètes Franciscains, 1852, 164 – 72; Lisco, Stabat mater, Hymnus auf die Sieben Schmerzen Mariae, Berlin 1843; Bäumker, Das Stabat mater, der Dichter, die Übersetzungen und die Melodien desselben, Caecilienkalender 1883.

Über das Lied des frommen Franziskaners in Perozoleses Vertonung schreibt Ludwig Tieck, Phantasus II (ed. 1812), 438: „Die Lieblichkeit der Wehmut in des Schmerzes Tiefe, dies Lächeln in Tränen, diese Kindlichkeit, die den höchsten Himmel anrührt, ist mir noch niemals so licht in der Seele aufgeganen. Ich habe mich abwenden müssen, um meine Tränen zu verbergen, vorzüglich bei der Stelle Vidit suum dulcem natum ... Das Gedicht selbst ist rührend und tief eindringlich; gewiß hat der Dichter diese Reimspiele: Quae maerebat et dolebat cum videbat mit beweglichem Gemüte gesungen.“

(Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 390f.)

Literatur

Jacopone da Todi. - Lexikon für Theologie und Kirche. Begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper u.a., Freiburg i.Br., Basel, Rom, Wien. Bd. 5. Hermeneutik bis Kirchengemeinschaft. - 3., völlig neu bearb. Aufl. 1996, Sp. 706