Thomas von Celano

Franziskaner (* um 1190 – † um 1260)

Thomas von Celano war einer der ersten zwölf Gefährten des hl. Franziskus. Sein Geburtsjahr, das ungewiß ist, haben wir jedenfalls im ausgehenden zwölften Jahrhundert zu suchen. Seine Heimat war Celano, ein süditalienisches Städtchen, in der Nähe des Fuciner Sees im Lande der Marser gelegen. Schon vo dem Jahre 1209 schoß er sich dem Ordensstifter von Assisi an, kam 1221 mit Caesarius von Speier nach Deutschland, wurde 1223 Kustos der Klöster zu Worms, Speier, Mainz und Köln und, als Caesarius über die Alpen zurückkehrte, dessen Stellvertreter. Wann Thomas Deutschland verlassen, ist ungewiß, gewiß nur, daß er schon 1225 wieder in Assisi war. Über Auftrag des Papstes Gregor IX. schrieb er 1229 seine Vita prima sancti Francisci. 1244 begann er, aufgefordert vom Ordenskapitel zu Genua, nach den Aufzeichnungen anderer Augenzeugen seine zweite Legende, der später auf Befehl Alexanders IV. die dritte, die der hl. Clara von Assisi, folgte. Wie das Jahr seiner Geburt ist das seines Todes ungewiß.

Thomas von Celano kommt für die Geschichte der Hymnendichtung vowiegend als der mutmaßliche Verfasser der berühmten Sequenz des letzten Gerichtes in Betracht. Ich sage der „mutmaßliche“ Verfasser, da sein Name als Dichter dieser Sequenz zuerst von Bartholomaeus Pisanus (+ 1401) in seinem Lieber conformitatum (I [Mediol. 1513], fol. 110b) genannt wird, während die älteren Schriftsteller von seiner Autorschaft schweigen, auch solche, bei denen ein solches Schweigen höchst aufffällig ist, wie z. B. bei Salimbene, der den Dichtern und Tondichtern seines Ordens ein so großes Interessse entgegenbringt. Ja selbst Bartholomaeus von Pisa scheint dessen, was er behauptet, nicht völlig vergewissert zu sein, da er schreibt: „prosam de mortuis, quae cantatur in missa, Dies irae, dies illa etc. dicitur fecisse.“ Nicht gewisser ist seine Autorschaft rücksichtlich der Sequenz auf den hl. Franziskus Sanctitatis nova signa; dennoch mag auch diese Dichtung hier mit seinem Namen verbunden bleiben, mit dem sie eine unwiderlegte, wenngleich nicht sichere Überlieferung verbunden hat. Dagegen wird schwerlich jemand das Konto des Sängers des Dies irae mit der Sequenz „Fregit victor virtualis“ belasten wollen, wenigstens nicht in ihrer jetzigen Gestalt.

Bezüglich der unübertroffenen Sequenz vom Weltgerichte, deren „dreifache Reime wie mit drei Hammerschlägen die tiefste Seele erzittern macht“ (Guericke, Kirchengesch. 5. Aufl. I, 534), von der Daniel Thes. hymnol. II, 103 meint, sie sei „uno omnium consensu sacrae poeseos summum decus et ecclesiae latinae keimelion (dieses Wort in der Vorlage in griech. Lettern) pretiosissimum“, erübrigt es sich, nach weiteren Lobsprüchen Umschau zu halten. Es verdient aber hervorgehoben zu werden, daß die Dichtung des Thomas von Celano nicht ursprünglich als Sequenz gedacht war – dieTotenmesse, die des Allelujas enträt, läßt eigentlich eine Sequenz gar nicht zu –, sondern vielmehr als eine Poesie für den frommen Privatgebrauch des einzelnen.

Die sechs, jedenfalls die zwei letzten Verse, welche auch Metrum und Reimstellung durchbrechen, sind spätere, höchst ungeschickte Zutat, da sie auf einmal für Abgestorbene beten, von denen im ganzen Verlaufe niemals die Rede war. Sie wurden beigefügt, als man das für die private Andacht gedichtete Lied als Sequenz in die Totenmesse eingliederte. Dies geschah schon im dreizehnten Jahrhundert, welchem die älteste Quelle, die uns das Dies irae überliefert, ein Franziskanermeßbuch auf der Nationalbibliothek zu Neapel, Cod. VI G. 38, angehört. Dann lebt die Sequenz nur in einzelnen Missalien weiter, um erst im fünfzehnten Jahrhundert an zahlreichen Orten aufzutauchen, erst spärlich und sporadisch, mehr jenseits als diesseits der Alpen, bis sie mit dem sonst so sequenzenarmen Meßbuche der Curia Romana sich die Welt erobert.. Bezüglich des Dies irae sei vor allem verwiesen auf Mohnike, Hymnologische Forschungen, Stralsund 1824, I, 33ff.; Lisco, Dies irae, Hymnus auf das Weltgericht, Berlin, 1840; Dreves, Dies irae, Stimmen aus Maria Laach XLII, 512ff.

(Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 323f.)

Literatur

Thomas v. Celano. - Lexikon für Theologie und Kirche. Begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper u.a., Freiburg i.Br., Basel, Rom, Wien. Bd. 9. San bis Thomas. - 3., völlig neu bearb. Aufl. 2000, Sp. 1526f.