Übersetzungsfragen

Auf die Frage nach klassischen deutschen Übersetzungen werden wohl zuerst die Übertragungen von Homers Ilias und Odyssee von Johann Heinrich Voß und jene von Shakespeares Dramen von August Wilhelm von Schlegel, Ludwig und Dorothea Tieck und Wolf Graf Baudissin genannt und vielleicht noch jene des „Don Quixote“ von Miguel de Cervantes durch Ludwig Tieck.

Nach etwas längerem Überlegen wird man sich an die Übersetzung der Sonette Shakespeares oder des „Gargantua und Pantagruel" von François Rabelais durch Gottlob Regis (1791 – 1854) oder an manche Gedichte aus dem „Italienischen Liederbuch", die Hugo Wolf in der Übertragung von Paul Heyse in Musik gesetzt hat, erinnern, ferner an die in hohen Auflagen verbreiteten Übersetzungen von Hans Bethge (1876 – 1946), auf die annähernd zweihundert Komponisten zurückgegriffen haben (Richard Strauss, Arnold Schönberg, Anton von Webern, Hans Eisler, Ernst Krenek, Gottfried von Einem u.a.); am berühmtesten sind wohl die aus der „Chinesischen Flöte" geworden, die Gustav Mahler in seinem „Lied von der Erde" vertont hat.

Im 20. Jahrhundert wird man Rainer Maria Rilkes Übertragungen der Sonette von Michelangelo oder jene Stefan Georges von Gedichten Charles Baudelaires nennen.

In jüngster Zeit ist mit Nachdruck auf Rilke-Übertragungen von Yvonne Goetzfried hinzuweisen. In seinen späteren Jahren hat RainerMaria Rilke französische Gedichte verfasst, die einhergehen mit solchen in deutscher Sprache (Das kleine Weinjahr). Die Übersetzerin vertieft sich derart in Rilkes Sprach- und Gedankenwelt, dass es ihr bei der Übertragung der französischen Zyklen (Vergers, Les Roses, Les Fenètres, Les Quatrains Valaisans) gelingt, für diese Gedichte einen ganz eigenen Sprachduktus oder Sprachgestus zu finden, in dem sie für sich bestehen und gleichwohl bisweilen an deutsche Walliser Gedichte des Dichters erinnern.

In den besten Übertragungen und Nachdichtungen finden sich Verse, die deutsche Verse geworden sind, die im Gedächtnis haften und die man jederzeit zu zitieren weiß:

„Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte",
„Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle".
Homer, Odyssee, deutsch von Johann Heinrich Voß.

Wie auch der Beginn des Epos selbst in der Fassung von Johann Heinrich Voß, die niemals von einem andern Übersetzer übertroffen worden ist:

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troia Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.
Aber die Freunde rettet' er nicht, wie eifrig er strebte;
Denn sie bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben:
Toren! welche die Rinder des hohen Sonnenbeherrschers
Schlachteten; siehe, der Gott nahm ihnen den Tag der Zurückkunft.
Sage hievon auch uns ein weniges, Tochter Kronions.
Homer, Odyssee, deutsch von Johann Heinrich Voß

„Wie süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft!"
(Der Kaufmann von Venedig, V,1, A.W.v. Schlegel)

„O schwöre nicht beim Mond, dem wandelbaren,
Der immerfort in seiner Scheibe wechselt,
Damit nicht wandelbar dein Lieben sei!"
(Romeo und Julia, II, 2, A.W.v. Schlegel)

Im „Gespräch über Formen" hebt Rudolf Borchardt (1877 - 1945), selbst ein großer Übersetzer, aus der Ilias-Übertragung von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg-Stolberg einen einzigen Vers hervor, der sich einem einpräge und den man nicht vergesse, wenn man ihn einmal gelesen habe:

„Duftig zittert ihr Strahlengewand an den Gliedern hinunter".

Rudolf Borchardt zitiert aus einer Ilias-Übertragung von mehr als 15'000 Versen einen, den er hervorhebt und den er unvergesslich findet. Und in ähnlicher Lage befindet sich der anspruchsvolle Liebhaber, der nach Übertragungen lateinischer kirchlicher Hymnen sucht, denn er findet nur selten solche, denen es gelingt, Würde und Schönheit des Originals in angemessene und mehr als beliebige Sprache zu formen.

Und allzuoft wird sich der Sucher statt mit einem vollendeten Ganzen mit der Perle eines geglückten Verses, wie etwa jenem

„Tröste den, der trostlos weint ...“

von Heinrich Bone aus der Pfingstsequenz zufrieden geben müssen.

Ähnliches gilt für Zeilen aus dem Hymnus "Pange, lingua, gloriosi proelium certaminis" des Venantius Fortunatus zu Ehren des heiligen Kreuzes, von dem es in der Übersetzung des "Kleinen Stundenbuchs" heißt:

„du, die Planke, die uns rettet
aus dem Schiffbruch dieser Welt“

Vom anonymen Übersetzer, dem solche Verse gelingen, würde man gerne den Namen wissen wollen.

Aus der Frühzeit der lateinischen kirchlichen Dichtung sind die Hymnen in antiken Odenmaßen verfasst; die Verse sind quantitierend, das heißt, es werden Längen und Kürzen gemessen, im Deutschen dagegen sind die Verse akzentuierend, das heißt, das Metrum richtet sich nach dem natürlichen Wortakzent.

Hartnäckig hält sich das Vorurteil, die antiken Maße ließen sich im Deutschen nicht oder nur unzureichend nachbilden. Und mit diesem Argument wird oft gleichzeitig begründet, weshalb in deutschen Übersetzungen antiker Odenmaße, völlig sachwidrig, der Reim angewendet wird, den die Antike nicht kannte. Da ist der Übersetzer nach dem berühmten Wort „traduttore – traditore" tatsächlich ein Verfälscher oder Verräter am Original.

Wer jedoch zu hören bereit ist, wird leicht feststellen, dass den verschiedenen Odenmaßen jeweils eine ganz eigene Tonlage, ein besonderer Sprachduktus eigen ist.

Stets am Stoff klebt unsere Seele, Handlung
Ist der Welt allmächtiger Puls, und deshalb
Flötet oftmals tauberem Ohr der hohe
Lyrische Dichter.
August von Platen, Lob des Lyrikers (sapphische Strophe)

Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Dass williger mein Herz, vom süssen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
Friedrich Hölderlin, An die Parzen (alkäische Strophe)

Ach, den Göttern so nah, gehn uns die Großen fort,
wenn wir kommen und wolln, dass sie uns Gleiche sind;
uns, die nichts zu bestehn, nichts zu beharren zwingt
als der Tag und das kleine Glück.
Josef Weinheber, Ach, den Göttern (zweite asklepiadeische Strophe)

Wenn der silberne Mond durch die Gesträuche blickt
Und sein schlummerndes Licht über den Rasen geußt
Und die Nachtigall flötet,
Wandl' ich traurig von Busch zu Busch.
Ludwig Heinrich Christoph Hölty, Die Mainacht (dritte asklepiadeische Strophe)

Das geschulte oder zumindest aufmerksame Ohr wird diese Unterschiede leicht erkennen und feststellen.

Anders wiederum verhält es sich mit mittelalterlichen lateinischen Hymnen und Sequenzen, denn dort scheint der Reim häufig schon im Original auf.

Auch hier jedoch sind wirklich gelungene Übersetzungen selten, denn nicht immer unternimmt ein großer Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe, der das „Veni Creator" des Hrabanus Maurus, oder Gerard Manley Hopkins, der das „Adoro te devote" des Thomas von Aquin, in seine Sprache übertrug, die Anstrengung, dem Original mit Erfolg gerecht zu werden.

Nicht, dass es an Versuchen gefehlt hätte, diese frühchristlichen und mittelalterlichen Dichter zu übertragen. Die Liste der Übersetzer ist lang; sie beginnt mit unbekannten Übersetzern in althochdeutscher Zeit und führt etwa über Johann Christoph von Zabuesnig, Johann Friedrich Heinrich Schlosser, Melchior von Diepenbrock, August Wilhelm von Schlegel, Karl Simrock, Lebrecht Dreves, G.M. Pachtler zu Richard Zoozmann, Hans Rosenberg, Franz Wellner und Walter Naumann. Sie alle verdienen schon allein deshalb genannt zu werden, weil sie es unternahmen, Lesern diese vergessene und entschwindende Welt zu erhalten und gegenwärtig zu machen, auch wenn man das Ergebnis der gesammelten Bemühungen oft mit einem gewissen Unbehagen zur Kenntnis nehmen muss. Wer in der Lage ist, die lateinische Vorlage mit der deutschen Übersetzung zu vergleichen, wird diesen Eindruck gelegentlich noch verstärkt empfinden.

Mit Absicht wurden hier bisher immer die überzeugenden Übersetzungsleistungen hervorgehoben. Da wäre es denn nun vielleicht angebracht, ein problematischeres Beispiel vorzustellen. Der Übersetzer Richard Zoozmann (1863 - 1934) hat einen mehrhundertseitigen Band mit Übertragungen kirchlicher Dichtungen vorgelegt, und das ist eine beachtliche, rühmenswerte Leistung. Wenn hier nun ein weniger geglücktes Beispiel aus seinen Übertragungen angeführt wird, wird damit seine Leistung keineswegs geschmälert, es soll vielmehr die Anforderungen und Schwierigkeiten verdeutlichen, denen sich ein Übersetzer gegenüber sieht.

Die erste Strophe des Adventshymnus

Conditor alme siderum,
Aeterne lux credentium,
Christe, Redemptor omnium,
Exaudi preces supplicium.

übersetzt er so:

Du Sternenstreuer, hoheitsvoll,
Der Gläubigen unauslöschbar Licht,
Christus, du Welterneuerungsfürst,
Demütigen Betern neige dich.

Natürlich ist es möglich, sich den Schöpfer des Weltenraums vorzustellen, wie er als Sämann Sterne im All verstreut; aber davon steht nichts im Text. Der Ausdruck „Sternenstreuer" kann aber auch andere Assoziationen wecken, etwa jene an den Milchstrahl der Hera, aus dem die Milchstraße entstand oder, ziemlich trivial, an den Salzstreuer auf dem Tisch. Das Bild jedenfalls vom mächtigen Schöpfer als dem Erschaffer der Sterne und des Alls bleibt auf der Strecke. Auch der „Welterneuerungsfürst" ist keine glückliche Fügung.

Es ist mit der religiösen Sprache so wie mit der erotischen, um Entgleisungen zu vermeiden und den guten Geschmack zu wahren, ist Sprachgefühl und Delikatesse vonnöten.

Dieser Missgriff ist umso erstaunlicher, als Richard Zoozman selbst eine ungleich bessere Übersetzungsvariante vorlegt:

Allmächtiger Sternenschöpfer du,
Allewiges Licht der Glaubenden,
Jesu, Heilbringer aller Welt,
Hör unser demutvoll Gebet.

Dass eine Übersetzung gelegentlich einmal in Wortschatz oder Wendung etwas altmodisch oder auch kühn und avantgardistisch klingt, darf nicht stören. Von Übel aber sind die ständigen Versuche, religiöse Texte sprachlich „modern" klingen zu lassen oder sie in ein Strassendeutsch zu übertragen, die letztlich zur Zerstörung der liturgischen Sakralsprache führen.

Gelungene Übertragungen finden sich bisweilen in der Form von Kirchenliedern, allerdings wird gelegentlich der sprachlich-künstlerische Gewinn um den Preis größerer Entfernung vom Original bezahlt.

In diesem Zusammenhang wären Lieder von Thomas Müntzer (um 1489 – 1525) zu nennen, vielleicht das eine oder andere von Franz Xaver Riedel (1738 – 1773), dann „Christi Mutter stand mit Schmerzen" von Heinrich Bone (1813 – 1893) oder „O Haupt voll Blut und Wunden" von Paul Gerhardt (1607 – 1676), wohl eines der schönsten deutschen Kirchenlieder überhaupt.

Eine noch heute ansprechende Übersetzung ist Lebrecht Dreves (1816 – 1870) von „Dormi, fili, dormi" (Schlaf, mein Kind) gelungen, in der man Anklänge an deutsche Schlaf- und Wiegenlieder zu hören vermeint.

Eine hervorragende Verständnishilfe sind die genauen und kommentierten Prosaübersetzungen von Adalbert Schulte; sein Werk enthält allerdings nur die Hymnen des Breviers und die Sequenzen des Missales.

Eine Übersetzungsleistung, die einem einzelnen Autor gilt, nämlich Adam von Sankt Viktor, einem der größten Dichter des Mittelalters, ist von Franz Wellner 1937 vorgelegt worden; er versucht eine formgetreue Übertragung sämtlicher Sequenzen des Dichters.

Eine einzigartige, grandiose Leisung ist die mehr als zweitausend Seiten umfassende Anthologie von Henry Spitzmuller (Carmina sacra medii aevi. Poésie latine chrétienne du Moyen Age IIIe - XVe siècle. Textes recueillis, traduits et commentés par Henry Spitzmuller. Bruges: Desclée de Brouwer, 1971), die erschien, als der postkonziliare Niedergang und die liturgische Zerstörung einsetzten. Alle in dieses Werk aufgenommenen Hymnen werden in französischer Übersetzung präsentiert, dazu eine immense Fülle von Kommentaren, Hinweisen und Erläuterungen.

In neuerer Zeit ferner besonders zu würdigen sind die Übertragungen von Friedrich Wolters. Eine Zeile wie „Nach des nordwinds wildem fauchen" von Friedrich Wolters (1876 – 1930) bleibt im Gedächtnis haften und ist jedenfalls ein geglückter sprachlicher Auftakt, der einlädt, in die Welt dieser Sequenz (Aquilone pulso veni) einzutauchen; und in der Übertragung mozarabischer Dichtungen, um nur zwei Beispiele zu nennen, gelingt es ihm, eindrücklich die Nöte und Beschwernis der Menschen durch Wassernot und Wassermangel in anspruchsvollen deutschen Versen zu vermitteln, wovon die Eingangsstrophen zweier Hymnen Zeugnis geben:

Das gefilde erstickt unter dem staube,
Dürre äcker sind fahl, bröckelnd der boden,
Nirgends zierden der flur, nirgends ist anmut,
Da kein Winkel mehr grünt freundlicher blumen.
(Hymnus zur Zeit der Dürre)

Wolken zogen herauf über den himmel,
Den verdunkelten tag meidet die sonne,
Längst geniessen wir nur, leer von gestirnen
Und vom monde entblösst, endlose nächte.
(Hymnus zur Zeit der Überschwemmung)

Die Übertragungen von Friedrich Wolters, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienen sind (1914, 1922), verraten feines Gespür und sichere Hand bei der Auswahl der Texte. Seine Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche sind eine bedeutende künstlerische Leistung: "Einziges Werk dieser Art von dichterischem Rang." (Wolfram von den Steinen)

Dies ist der vorläufig letzte große Beitrag im Bestreben, die altehrwürdigen Gesänge auch in der Muttersprache zur Geltung zu bringen und zu erschließen, und im Ringen, ihnen das angemessene Sprachgewand zu verleihen, in althochdeutscher Zeit begonnen - Jacob Grimm hat eindrückliche Beispiele veröffentlicht -, im Laufe der Zeiten immer wieder erneut unternommen und bis in die Gegenwart nicht abgeschlossen, wird dieses Bemühen hoffentlich fortleben und Früchte zeitigen, solange diese unvergänglichen Hymnen gebetet und gesungen werden.

René Strasser