Iubilemus salvatori

Adamus a Sancto-Victore (* um 1100 – † 1192)

Lateinisch:

Iubilemus salvatori,
Quem cælestes laudant chori,
Concordi lætitia;
Pax de cælo nuntiatur,
Terra cælo fœderatur,
Angelis ecclesia.

Verbum carni counitum,
Sicut erat præfinitum,
Sine carnis copula;
Virgo parit, Dei templum,
Nec exemplar nec exemplum
Per tot habens sæcula.

Res est nova, res insignis,
Quod in rubo rubet ignis,
Nec rubum attaminat;
Cæli rorant, nubes pluunt,
Montes stillant, colles fluunt,
Radix Jesse germinat.

De radice flos ascendit,
Quem prophetæ præostendit
Evidens oraculum;
Radix Jesse regem David,
Virga matrem præsignavit
Virginum, flos parvulum.

Mira floris pulchritudo,
Quem commendat plenitudo
Septiformis gratiæ.
Recreemur in hoc flore,
Qui nos gustu, nos odore,
Nos invitat specie.

Jesu, puer immortalis,
Tuus nobis hic natalis
Pacem det et gaudia;
Flos et fructus virginalis,
Cuius odor est vitalis,
Tibi laus et gloria.

deutsch:

Laßt dem Heiland uns lobsingen,
Dessen Ruhm die Himmel klingen:
Kommt und jubelt mit empor;
Friede schallt vom Himmel nieder,
Friede hallt auf Erden wieder,
Engelsang im Kirchenchor.

Wie's bestimmt der ewge Wille,
Nahm das Wort des Fleisches Hülle,
Aber nicht durch Fleisches Bund;
Kindleins ist die Magd genesen,
Die zum Tempel Gott erlesen:
Niemals ward ein Gleiches kund.

Seltsam ists und nicht geheuer,
Daß der Dornbusch wird zu Feuer,
Ohne daß er drin verglüht;
Himmel tauen, Wolken gießen,
Berge träufeln, Hügel fließen,
Und die Wurzel Jesse blüht.

Ja, die Blume ist entsprungen,
Die der Seher einst besungen,
Nicht mehr ist die Deutung blind:
David gleicht dem Wurzelschafte
Und dem Reis die jungfraunhafte
Mutter mit der Blume Kind.

In der Blume schöner Hülle
Wirkt beglückend alle Fülle
Siebenhafter Gnadenmacht.
Kommt, der Blume euch zu laben,
Freundlich bietet sie die Gaben:
Honig, Duft und Farbenpracht.

Kindlein, dessen Reich nicht endet,
Jesus, heut uns zugewendet,
Bring uns Frieden, bring uns Heil;
Frucht und Blume, keusch entsendet,
Deren Duft uns Leben spendet,
Lob und Preis sei dir zuteil.

Deutsch von Franz Wellner

fontes

Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einfüh-rung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 34 - 37
Adam von St. Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch und Deutsch, eingeführt und übertragen von Franz Wellner, 2. Aufl. München 1955

 

scholia / marginalia

Sequentia in nativitate Domini
Sequenz auf die Geburt des Herrn

"Der Advent war die Zeit sehnsüchtiger Erwartung; mit der Geburt des Heilands bricht die Zeit der Erfüllung an: die Himmel tauen, die Wolken regnen den Gerechten (Isaias 45, 8), die Berge träufeln Süßigkeit, und die Hügel erfließen von Milch (Joel 3, 18). Maria hat als Jungfrau empfangen, wie Moses einst dem Dornbusch brennen und doch nicht verbrenen sah (II. Moses 3,2). Die Wurzel Jesse hat das Reis und die Blume hervorgebracht, auf der die sieben Gnaden des Hl. Geistes ruhen (Isaias II, 1-3)."

Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einfüh-rung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 34f.
Adam von St. Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch und Deutsch, eingeführt und übertragen von Franz Wellner, 2. Aufl. München 1955

metrum

Versmaß: Die Verse der Strophe dieser Sequenz entstehen aus dem trochäischen Septenarius; der Septenarius wird nach der Cäsur aufgeteilt, und zudem wird der erste Halbvers wiederholt. So entsteht eine dreizeilige (Teil)Strophe, der drei gleich gebaute Verse als Gegenstrophe beigefügt werden; damit ist die Strophe nun sechszeilig. - Reimschema: aabccb.