Heri mundus exaltavit

Adam von Sankt Viktor ( 1192)

Lateinisch:

Heri mundus exsultavit
Et exsultans clebravit
Christi natalitia;
Heri chorus angelorum
Prosecutus est cælorum
Regem cum lætitia.

Protomartyr et levita,
Clarus fide, clarus vita,
Clarus et miraculis,
Sub hac luce triumphavit
Et triumphans insultavit
Stephanus incredulis.

Fremunt ergo tamquam feræ,
Quia victi defecere
Lucis adversaii;
Falsos teste statuunt
Et lingua exacuunt
Viperarum filii.

Agoniza, nulli crede,
Certa, certus de mercede,
Persevera, Stephane,
Insta flais testibus,
Confuta sermonibus
Synagogam satanæ.

Testis tuus est in cælis,
Testis verax et fidelis,
Testis innocentiæ;
Nomen habes coronati,
Te tormenta decet pati
Pro corona gloriæ.

Pro corona non marcenti
Perfer brevis vim tormenti,
Te manet victoria;
Tibi fiet mors natalis,
Tibi pœna terminalis
Dat vitæ promordia.

Plenus sancto spiritu
Penetrat intuitu
Stephanus cælestia;
Videns Dei gloriam
Crescit ad victoriam
Suspirat ad præmia.

En, a dextris Dei stantem
Iesum pro te dimicantem,
Stephane, considera;
Tibi cælos reserari,
Tibi Christum revelari
Clama voce libera.

Se commendat salvatori,
Pro quo dulce ducit mori
Sub ipsis lapidibus.
Saulus servat omnium
Vestes lapidantium
Lapidans in omnibus.

Ne peccatum statuatur
His, a quibus lapidatur,
Genu ponit et precatur
Condolens insaniæ.
In Chriso sic obdormivit,
Qui cum Christo sic obœdivit,
Et cum Christo semper vivit,
Martyrum primitiæ.

Solo fugat hic odore
Morbos et dæmonia
Laude dignus et honore
Iugique memoria.
Martyr, cuius est iucundulum
Nomen in ecclesia,
Languescentem fove mundum
Cælesti fragrantia

Deutsch:

Gestern pries die Weltenrunde
Jubelnd die beglückte Stunde,
Die den Heiland uns gebracht;
Gestern sangen Engelchöre
Himmelskönigs hohe Ehre,
Freudge Boten seiner Macht.

Heut entschwebt, triumpherlesen,
Klar im Glauben, klar im Wesen,
Stephanus, an Wundern klar,
Auf ins Licht, der Erstmärtyrer,
Der Levit, der Fahnenenführer,
Siegreich ob der Zweifler Schar.

Wie die wilden Tiere knurren,
So des Lichtes Feinde murren
In der Niedrlage Wut;
Falsche Zeugen melden sich,
Und es schärft den giftgen Stich
Die gereizte Natternbrut.

Kämpfer, laß den Mut nicht sinken,
Sieh den sichern Lohn dir winken,
Stephanus, zeig deine Kraft;
Treib die Zeugen in die Flucht,
Stürz durch deiner Rede Wucht
Satans ganze Bruderschaft.

Denn in Himmels hoher Klarheit
Wohnt dein Zeuge, treu der Wahrheit,
Edler Unschuld hilfsbereit.
Stammt dein Name nicht vom Kranze?
Deine Marter lohnt im Glanze
Einst der Kranz der Seligkeit.

Flüchtig sind der Marter Mühen,
Doch der Kranz wird nie verblühen;
Denn der ewge Sieg ist dein.
Tod ist dir des Lebens Schwelle,
Ja, zu wahren Lebens Quelle
Wird dir deine kurze Pein.

Stephanus, vom Geist erfüllt,
Schaut vor seinem Blick enthüllt
Aller Himmel lichten Kreis;
Schaut des Vaters reinen Glanz,
Langt empor zum Siegeskranz,
Schmachtet nach dem höchsten Preis.

Sieh, zu Gottes rechter Seite
Steht dein Jesus, dir im Streite,
Stephanus, getreu gesellt;
Himmels Helle strahlt dir freier,
Christus löst den letzten Schleier:
Ruf es laut in alle Welt!

Christ empfiehlt er seine Seele,
Grüßt als Wonne, was ihn quäle,
Will für Christ gesteinigt sein.
Saulus, der die Kleider hegt,
Die die Wüter abgelegt,
Hat so teil an jedem Stein.

Seht, der Dulder kniet zur Erde,
Betend, daß Verzeihung werde
Jenen, die in Wahns Gebärde
Wider ihn den Stein gerafft;
So entschläft, in Christ ergeben,
Der nur Christ geweiht sein Streben,
Und er weilt mit Christ im Leben,
Erstling blutger Zeugenschaft.

Duft entströmt dem edeln Leibe,
Scheucht Gebrest und Dämons Neid;
Daß Erinnrung dran verbleibe,
Menschen, hörts und benedeit!
Dulder, desssen Namensfeste
Freudig sich die Kirche weiht,
Scheuch der ganzen Welt Gebreste
Durch den Duft der Ewigkeit.

Deutsch von Franz Wellner

fontes

Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einfüh-rung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 52 - 57
Adam von St. Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch und Deutsch, eingeführt und übertragen von Franz Wellner, 2. Aufl. München 1955

scholia / marginalia

Sequentia de s. Stephano protomartyre
Sequenz auf den hl. Erstmärtyrer Stephanus

Festtag des Heiligen ist der 26. Dezember.

"Der erste Tag nach dem Weihnachtsfest gehört Stephanus, dem ersten Blutzeugen Christi, der bald nach der Gründung der Kirche den Martertod erlitt; der Name stammt aus dem Griechischen (Stephanos = Kranz). Stephanus war einer von den sieben Diakonen, welche die Apostel erwählten und zunächst der Armenpflege bestimmten; da er aber allem Volke das Wort Christi predigte und viele Wunder tat, erbosten sich die Juden und verklagten ihn vor dem Hohen Rat (Ap. Gesch. 6,1-14). Stephanus widerlegte in einer großen Rede die Anschuldigungen der falschen Zeugen (Ap. Gesch. 7,2-53), reizte dadurch aber um so mehr den Zorn der 'Natternbrut' (Matth. 3, 7; Luk. 3,7) und 'Synagoge des Satans' (Offenb. 2,9), so daß sie ihn zur Stadt hinausstießen und steinigten. Saulus, der spätere Paulus, hatte der Tötung zugestimmt; zu seinen Füßen legten die Steinigenden ihre Kleider nieder. Stephanus aber ward des heiligen Geistes erfüllt, sah den Himmel offen und Jesus zur Rechten Gottes stehen; knieend betete er noch für seine Peiniger, dann entschlief er im Herrn (Ap. Gesch. 7,55-60; 22,20).

Im Jahre 417 wurde der Leichnam des Heiligen zu Jerusalem gefunden, und sein süßer Duft heilte viele Kranke. Als der Leichnam später zu Schiff nach Konstantinopel überführt wurde, erregten die bösen Geister einen Sturm und versuchten, das Schiff in Brand zu setzen; der hl. Stephanus aber beruhigte die Wogen, und der Engel Gottes versenkte die Teufel in die Tiefe des Meeres (Fest der 'Findung des hl. Stephanus', 3. August).

Adam von Sankt Viktor, Sämtliche Sequenzen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Einfüh-rung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner, Wien 1937, S. 52f.

metrum

Die Verse der Strophe dieser Sequenz entstehen aus dem trochäischen Septenarius; der Septenarius wird nach der Cäsur aufgeteilt, und zudem wird der erste Halbvers wiederholt. So entsteht eine dreizeilige (Teil)Strophe, der drei gleich gebaute Verse als Gegenstrophe beigefügt werden; damit ist die Strophe nun sechszeilig. - Reimschema: aabccb (Strophen 1 - 8). Wird die erste Hälfte des Septenarius vervielfacht, ergeben sich achtzeilige oder zehnzeilige Strophen, und das Reimschema ist dann entsprechend aaabcccb (zweitletzte Strophe) beziehungsweise davon abweichend letzte Strophe: dededede.

Franz Wellner, der Übersetzer und Herausgeber der Sequenzen von Adam von Sankt-Viktor, behandelt in seiner Ausgabe Versbau, Versformen, Reim, Strophenbau, Strophenformen und Sequenzenaufbau des Dichters eingehend; hier sind zahlreiche weiterführende und aufschlussreiche Hinweise zu finden.