Dies adest revoluta

Sequenzen

Anonymus

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vom Ostfenster der Klosterkirche Königsfelden.

Lateinisch:

Dies adest revoluta,
Quæ præfulget instituta
Multiformi gratia.

Terge labem, plebs polluta,
Et resolvas ore muta
In Dei præconia;

Pænitentum choro iuncta
Trito corde sta compuncta
Deo psallens hodie,

Pietatis voto functa
Laudans ora, nam sic uncta
Fis unguento veniæ.

Ecce, gaudes,
Gaudens plaudes
Tanti re sollemnii;

Pelle fraudes
Pange laudes
Bini voto studii.

Regi regum vota dato
Cordis atque decantato
Vocis sono musico;

Deum solum adorato
Cuius facta prædicato
Sermone rhetorico.

Hæc est dies insignata,
Quam Verena beat ita
Ut aperto aditu

Cæli perpes detur vita
His, quis corda sunt munita
Pietatis habitu.

Virgo hæc de Thebis vecta,
In Italiam profecta
Cum duce Mauritio,

Ibi prece iugi lecta
Et vigiliis affecta
Vacabat ieiunio.

Hinc Solodurum transcendit,
Quæque sursum sunt, intendit,
Quæsivit et sapuit

Et lucernam, quam accendit,
In candelabro suspendit,
Exemplo quod docuit.

Sacros quidem gessit mores
Fidem plantans et errores
Exstirpans gentilium.

Sic virtutum sparsit flores
Morbos curans et languores
Infirmorum omnium.

Dum pro Christo carceratur,
Hanc Mauritius solatur
Missus cæli culmine.

Mox tyrannus conquassatur
Febre, de qua liberatur
Ipsius iuvamine.

Morte tandem imminente
Mater Dei cum candente
Choro venit virginum,

Qua cum hymnis adplaudente
Visitata sic repente
Migravit ad Dominum.

O Verena,
De catena
Nos obscena,
Culpæ plena,
Fac, Deus eripiat,

Ne nos pœna,
Sed amœna
Agni cena,
Ubi vena
Pacis est, suscipiat.

deutsch:

Wieder ist der Tag erschienen,
der sich auszeichnet durch die
vielfältige gewährte Gnade.

Reinige die Lippen, beflecktes Volk,
du magst sie mit stummem Mund
zu Gottes Lob lösen.

Mit dem vereinigten Chor der Sünder,
reuevoll und mit zerknirschtem Herzen
singe Gott heute Psalmen,

ihn durch das verrichtete Gelöbnis
der Ehrfurcht mit dem Munde lobend,
denn so wirst du mit dem Öl der Gnade gesalbt.

Siehe, du freust dich,
in der Freude spendest du Beifall
mit so großer Festlichkeit.

Vertreibe die Irrtümer,
lass Lobgesänge erschallen
mit dem Verlangen doppelten Eifers.

Mit den dem König der Könige gegebenen
Geschenken des Herzens und
denen mit dem Klang der Stimme

sollst du Gott allein loben,
seine Werke sollst du rühmen
mit beredtem Wort.

Dies ist der ausgezeichnete Tag,
wie glücklich ist Verena,
dass durch den offenen Zugang

zum Himmel jenen das ewige Leben
gegeben wird, deren Herzen gefestigt sind
durch eine fromme Lebensweise.

Diese Jungfrau kam aus der Thebaïs,
mit dem Feldherrn Mauritius
zog sie nach Italien.

Da pflegte sie ständiges Gebet,
hielt Nachtwachen
und widmete sich dem Fasten.

Von hier kam sie nach Solothurn,
was höher ist, erstrebte sie,
sie suchte und erwarb Weisheit

Und das Licht, das sie entfachte,
steht auf dem Leuchter,
durch das Beispiel hat sie gelehrt.

Sie befolgte die heiligen Bräuche,
verbreitete den Glauben und
rottete die Irrtümer der Heiden aus.

So säte sie die Blumen der Tugenden,
sie heilte Krankheit und Kraftlosigkeit
aller Verzagten.

Um Christi willen eingekerkert,
tröstet sie Mautritius, als höchste
Auszeichnung vom Himmels gesandt.

Darauf wird der Tyrann vom
Fieber befallen, von dem er durch
ihre Hilfe befreit wird.

Als ihr der Tod nahte,
kam die Mutter Gottes mit dem vom Himmel
herniedersteigenden Chor der Jungfrauen,

und spendeten ihr mit Hymnen Beifall,
und die so Heimgesuchte
ging alsbald ein zum Herrn.

O Verena,
mach, dass Gott uns,
die wir voller Schulden,
von den unheilvollen Ketten
befreit,

dass er uns nicht Strafe,
sondern das liebliche
Mahl des Lammes
gewährt, wo das Herz
des Friedens ist.

Deutsch von René Strasser

fontes

J. Werner, Hymnologische Beiträge. - In: Romanische Forschungen 4 (1891), 3. Heft, S. 517f.
Analecta hymnica medii aevi. LV. Herausgegeben von Clemens Blume. Leipzig 1922, S. 372f.

Die Sequenz ist in Codices und Gradualien aus Engelberg (1372), Zürich, St. Gallen und Muri (1532) überliefert. Ferner ist sie in einem gedruckten Missale aus Konstanz aus dem Jahre 1504 enthalten.

scholia / marginalia

De sancte Verena Zurciacensi

Von der heiligen Verena von Zurzach

Die Sequenz aus dem 14. Jahrhundert folgt inhaltlich der legendarischen Überlieferung. Die heilige Verena lebte um 260 bis um 320. Der Leichnam wurde in der Krypta des Verenamünsters in Zurzach beige¬setzt. Ihr Gedenktag wird am 1. September begangen.

Legende

Die heilige Verena entstammt einem thebäischen Geschlecht. Von ihren angesehenen Eltern wird sie dem Bischof Chaeremon zur Taufe und zur Unterweisung im Glauben über¬geben. Die Jungfrau gelangt zusammen mit anderen Christen nach Unterägypten, wo die thebä¬ische Legion mit dem Feldherrn Mauritius stationiert ist und von dort weiter nach Italien und Mailand. Sie besucht eifrig die Märtyrergedenkstätten und die Kerker der Heiligen. Als sie hört, Legionäre des Mauritius seien enthauptet worden, überquert sie die Alpen und kommt nach Agaunum (Saint-Maurice, Wallis). Von da reist sie weiter, und sie lässt sich - jenseits der Aare - unweit des Castrums Solodurum (Solothurn) nieder. Fast Tag und Nacht verbrintgt sie mit Fasten, Gebet und Gesang von Psalmen und zieht sich in eine Höhle zurück (Klause in der Verenaschlucht bei Solothurn.) Wegen der vielen Wunder, die Verena wirkt, bekehren sich viele Heiden zum Christentum. Ein ruchloser römischer Tyrann Hirtakus tut ihr viel Unrecht und lässt sie in den Kerker werfen. Dort empfiehlt sie sich dem Schutz Gottes. In der Nacht wird sie von einem strahlenden Jüng¬ling, dem Märtyrer Mauritius, besucht, der sie tröstet und stärkt. In eben dieser Nacht wird der Tyrann von heftigem Fieber befallen, und er ruft, in Todesgefahr, nach der Dienerin Gottes. Sie heilt ihn und wird darauf freigelassen. Nach vielen Zeichen und Wundern, die der Herr durch sie in ihrer Zelle wirkt, zieht sie weiter der Aare nach bis zu einer Insel, wo Aare und Rhein zusammenfliessen. Von da gelangt Verena rheinaufwärts nach Zurzach (Tenedo, römischer Stützpunkt an der Rheingren¬ze), wirkt auch hier viele Wunder und führt ein heiligmässiges Leben. Als ihr Tod naht, tritt die Gottesmutter mit heiligen Jungfrauen in die Zelle, die sich mit Wohlgeruch erfüllt, um sie in den Himmel zu geleiten. Von heiligen Jungfrauen und gottesfürchtigen Menschen wird sie in Zurzach (heute Bad Zurzach) beigesetzt.

Quellen

Es sind vor allem zwei Quellen, die den legendarischen Lebenslauf der heiligen Verena überliefern, die Vita Prior von Hatto III. (um 850 - 913), Abt auf der Insel Reichenau (als Hatto I. Erzkanzler des Ostfränkischen Reiches) und die sogenannte Vita Posterior, vermutlich von einem Zurzacher Mönch im 11. Jahrhundert verfasst, welche ebenfalls die Geschehnisse der Vita Prior enthält, aber um etliche Kapitel erweitert ist; sie ist ausführli¬cher und komplizierter. Adolf Reinle hat die beiden Viten ins Deutsche übertragen (Adolf Reinle, Die heilige Verena von Zurzach. Legende. Kult. Denkmäler. Basel 1948, S. 26 - 31 und S. 38 - 43).

Ferner erzählt eine lateinische Hexameterdichtung das Leben der Heiligen (herausgege¬ben von Karl Strecker unter Mitarbeit von Norbert Fickermann. Leipzig 1937, S. 95 - 100 (Monumenta Germaniae Historica), die in einer Handschrift in Tegernsee aus dem 11. Jahrhundert überliefert ist.

Die Verehrung der heiligen Verena lässt sich bis ins fünfte Jahrhundert zurückverfolgen. In der Schweiz beziehungsweise im ganzen ehemaligen Bistum Konstanz ist sie eine der am häufigsten verehrten Heiligen.

Patrozinien und Belege für die Verehrung der Heiligen finden sich auch in den Bistümern Chur, Regensburg, Bamberg (Klosterkirche Michelfeld), in St. Ulrichen, Andermatt, Ems, Müstair, in Lothringen (Enchenberg), im Südtirol (St. Verena am Ritten) und in Wien.

2003 ist die heilige Verena im Sinne der Gleichstellung von Mann und Frau und im Bestreben, Frauen als Führungskräfte in den oberen Etagen von Unternehmen zu plazieren, von Kardinal Kurt Koch, damals Bischof des Bistums Basel, neben den beiden bisherigen Patronen Urs und Viktor zur Patronin des Bistums ernannt worden:

"Im Sinne einer 'Wahrnehmung der gleichen Würde von Mann und Frau' ernennt Bischof Kurt Koch die Heilige Verena offiziell zur Patronin des Bistums Basel." (www.bistum-basel.ch)

Auf die allgemeine Beliebtheit des Namens mag der kuriose Umstand hindeuten, dass die schweizerischen Goldmünzen, die auf einer Seite den Kopf der Helvetia zeigen, als "Gold¬vreneli" (Vreneli: Verkleinerungs- und Koseform zu Verena) bezeichnet werden.

Die heilige Verena in der bildenden Kunst

Dargestellt wird die heilige Verena meistens mit Läusekamm und Krug, beides Zeichen ihrer karitativen Tätigkeit; zudem verweist der Krug auf das Wein- oder Verwandlungs¬wunder, das die Vita Prior erwähnt. Eine Bildtafel aus dem 16. Jahrhundert zeigt, wie die Heilige die Haare eines Bedürftigen wäscht.

Glasmalerei mit der heiligen Verena im Ostfenster der Klosterkirche Heiligkreuztal (um 1312)

Im Glasfenster mit dem Leben der heiligen Anna im Medaillon mit der Geburt Mariens im Kloster Königsfelden steht die heilige Verena, auch als Geburtshelferin verehrt, rechts am Fußende des Bettes, der Wöchnerin bei (um 1325).

Altarbild des Meisters vom Bodensee, "Christus am Kreuz zwischen Maria und Johannes mit den Heiligen Dorothea und Verena", um 1440 (Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle)

Die Tafel "Barmherzigkeit der heiligen Verena von Zurzach", 1524 (Württembergisches Landesmuseum Stuttgart), zeigt, wie die Heilige die Haare eines Bedürftigen wäscht.

Weitere Hinweise zur Ikonographie: Adolf Reinle, Die heilige Verena von Zurzach. Legende. Kult. Denkmäler. Basel 1948
Adolf Reinle, Formen und Ausstrahlungen des Verenakultes im Mittelalter. - In: Geschichte des Fleckens Zurzach. Herausgegeben von Albert und Hans Rudolf Sennhauser und Alfred Hidber. Zurzach 2004
Emil Maurer, Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau. Band III, Das Kloster Königsfelden. Basel 1954

metrum

Sechszeilige Doppelstrophen, bestehend aus je zwei dreizeiligen Halbstrophen, die durch den Reim zur sechszeiligen Strophe zusammengebunden werden.
Reimschema: aab ccb. Den Schluss der Sequenz bildet eine zehnzeilige Doppelstrophe, bestehend aus zwei fünfzeiligen Halbstrophen mit dem Reimschema aaaab aaaab.

Dies ist die graphische Darstellung, wie sie sich in den Analecta hymnica (a.a.O.) findet.

Die zehnzeilige Doppelstrophe lässt sich jedoch auch als sechszeilige Doppelstrophe mit Binnenreimen auffassen, wie dies J. Werner (siehe Fontes) tut:

O Verena,     de catena
Nos obscena,     culpae plena,
Fac, Deus eripiat,

Ne nos poena,    sed amoena
Agni cena,     ubi vena
Pacis est, suscipiat.