Ave, verbi Dei parens

Johannes a Jenstein (1350 – 1400)

Lateinisch:

Ave, verbi Dei parens,
Virginum humilitas,
Ave, omni nævo carens
Humilis virginitas.

Gaude, quæ sic gravidaris
Nec gravaris filio,
Gaude, quæ sic oneraris
Onere gratissimo.

Salve, Iesse stirpe orta
Virgula fructifera,
Salve, clausa templi porta,
Soli Deo pervia.

Plaude, vellus Gedeonis,
Rore madens pneumatis,
Plaude, pellis Salomonis,
Pulchrior præ ceteris.

Vale, Iacob micans stella
Et illustrans maria,
Vale, consignata cella,
Rubus in vi flammea.

Euge, sole quod amicta
Solem gignis, stellula,
Euge, quod sis præelecta
Scala cæli fulgida.

Pange, aurora consurgens
Luce novi sideris,
Pange, arcæ trina ferens
Charismata miseris.

Eia, magnificat tua
Iesum Christum anima,
Eia, tecum ut laudemus,
Ora, dulcis Maria.

deutsch:

Gruß dir, die du Gott gebarest,
Jungfräuliche Niedrigkeit,
Die du ohne Makel warest
Niedrige Jungfräulichkeit.

Die belastet mit dem Sohne,
Nicht belästiget du bist,
Freue dich, weil dir die Krone
Aller Lasten worden ist.

Du aus Jesses Stamm entsprossen,
Gruß dir, Zweiglein fruchtbeschwert,
Tempelpforte, die verschlossen
Eingang nur dem Herrn gewährt.

Du benetzt vom heil’gen Taue
Juble, Fell des Gedeon,
Die du bist die schönste Fraue,
Jauchze, Zelt des Salomon!

Heil dir, Jakobsstern, der helle
Überstrahlt die Meeresnacht,
Heil dir, wohlverwahrte Zelle,
Heil dir, Busch in Flammenpracht!

Sieh, bestrahlt vom Schein der Sonne,
Zeugst die Sonne du, o Stern,
Bist, erwählt zur höchsten Wonne,
Leiter uns zur Himmelsfern’.

Jauchze, Morgenrotserwachen,
Das den neuen Tag verheißt,
Jauchze, Lade, die den Schwachen
Du dreifaches Heil verleihst!

Eja, Christi Preis zu mehren
Jubelt froh die Seele dein,
Daß auch wir ihn würdig ehren,
Leg Fürbitte für uns ein.

Deutsch von Lebrecht Dreves (1816 – 1870)

fontes

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 450
Guido Maria Dreves, Die Kirche der Lateiner in ihren Liedern. Kempten, München 1908, S. 186f. und S. 121

scholia / marginalia

In Visitatione Beatae Mariae Sequentia
Sequenz am Fest Mariä Heimsuchung

"Die Vatikanische Handschrift enthält 28 Lieder, von denen indes eines (No. XXVII. dieser Ausgabe) nicht Jenstein, sondern den Großvater zum Verfasser hat. (...) Die Lieder der Vatikana teilt Jenstein selbst in drei Gruppen: oder Sequenzen, d.h. Lieder, die beim feierlichen Hochamte nach dem Graduale verwandt oder doch vom Verfasser als solche Graduallieder gedacht und gedichtet wurden; Hymnen, d.h. Lieder zu den kirchlichen Tagzeiten, und die Cantilenen. (...) Was Gehalt und Wert der Jensteinschen Hymnen betrifft, so dürfen wird, um eine gerechtes Urteil zu fällen, vor allem nicht vergessen, daß der Dichter keineswegs einer Blüteperiode der lateinischen Hymnendichtung angehört; daß seit Adam von St. Viktor bis auf Jenstein zwei Jahrhunderte verflossen und daß seit dem Tode des größten poetischen Genies, das je in lateinischer Sprache geschrieben, die heilige Dichtung trotz des mancherlei Herlichen im einzelnen sich langsam aber stetig bergab bewegt bis zu jenem völligen Erliegen des Gedankens unter der Form, wie es uns, einen Ausdruck Notkers von St. Gallen zu gebrauchen, bei den sophistae spermologi der Renaissance entgegentritt.

Diesen Umstand in Rechnung gezogen, wird man nicht umhin können, Jenstein, namentlich was seine liturgischen Poesien angeht, einen ehrenvollen Platz unter den besseren seiner dichtenden Zeitgenossen zuzuerkennen. Seine Lieder sind, ein Vorzug den gerade die Rhythmendichtung des 14. und 15. Jahrhunderts so vielfach vermissen läßt, meist von wohltuender Kürze, was bei lyrischen Erzeugnissen durchschnittlich ein Zeichen von Wahrheit und gesunder Empfindung ist: sie sind nicht ohne Auffassung, nicht ohne Leben, selbst an die Vorliebe des 12. und 13. Jahrhunderts für allegorisierende Symbolik erinnern manche glückliche Züge: ein Lob, das ich unbedenklich den sämtlichen Prosen, einem Teile der Hymnen und einzelnen Liedern spenden möchte. Als das beste aus allen Gedichten dürfte die Sequenz Ave verbi Dei parens (No. III.) zu bezeichnen sein, die nach Inhalt und Form ein anmutiges und tadelloses Gebilde ist, und von der Félix Clément mit Recht bemerkt, sie enthalte des expressions gracieuses et un tour ingénieux que les poètes du moyen-âge savaient concilier avec l'exactitude de la pensée.

Weit interessanter sind übrigens Jensteins Lieder von der formellen Seite; denn sie stellen in unübertroffener Anschaulichkeit das Schwanken zwischen zwei grundverschiedenen Principen des Versbaues, dem accentuierenden und dem syllabierenden vor Augen. Ich bin überzeugt, wüßten wir nicht, daß diese sämtlichen Gedichte aus der Feder des einen Jenstein geflossen, und wir legten uns die Frage vor: Können beispielsweise die beiden Sequenzen auf die Heimsuchung sowie der Tropus de pestilentia (NNo. II., III. u. VI) und die Hymnen auf den heil. Wenzel (XIV. - XVIII) von ein und demselben Verfasser herrühren, wir würden es aufs bestimmteste in Abrede stellen. Ein Beweis, wie mißtrauisch die hymnologische Forschung auf s.g. innere Gründe der Kritik zu sein hat, besonders wenn es sich um eine Übergangsepoche handelt, wie die Zeit Jensteins, wie aber auch, um nur eines zu berühren, die Zeit des heiligen Ambrosius, ja die ganze Zeit der ältesten lateinischen Hymnendichtung war."

Guido Maria Drewes, Die Hymnen Johanns von Jenstein, Erzbischofs von Prag, zum erstenmal herausgegeben. Prag 1886, S. 39, 40 und 41f.

metrum

Vierzeilige Strophen, akzentuierte, gereimte Verse, öfter nur assonierend. Reimschema: abab