In Memoriam beati Iacobi Hamel

Ioannes Georgius Bertram

Lateinisch:

Ecclesiae primedita filia
quid gloriaris gutture garrulo
blasphemiam non puniendam
ordo recens ubi nationes

Obscuritatis pondere vindicet,
mensura homo sit regula et omnium,
indigna fama facta proles
liberiore animo subacta!

Sed corrigit te lex Mahometica,
Scidas probrosas ultus acinaces
convicium factum prophetae,
pacificae legionis oestro.

Grates habeto, dux agilissime,
dux Galliae fumantibus aedibus
Nostraeque templo principali
heu! Dominae titubante flammis!

Qui parvipendis salvificam fidem
totus profanis spiritibus datus,
quid provocas iram exterorum,
qui prohibent sua sacra ludi?

Dum Christianus zelus inaruit,
cognosce poenam caelitus obviam.
An ambigis sic devocari
innumeras variasque strages?

Normanniae rus Rothomagensium
electum ad horrorem atque homicidium:
Sacrum salutis, sacrum amoris,
ut fieri solet, offerendum est.

Senex sacerdos nomine Iacobus
mysteria alma dum celebrat pie,
manu scelesta stratus Agni
sanguinibus geminat cruorem,

Qui vulnerato ex corpore profluens
in aede sacra rite precantium
fidelium terret coronam
sacrilegum facinus tuentem.

Terrore atroci num quid atrocius?
Est unus inter milia casuum:
Fanaticorum Christiani
quot iugulantur ubique cultris!

Sicariorum victima nobilis
nequaquam hoc unum flebile scandalum!
O quantum abest a pace vera
relligio titulata pacis!

Iam te beatum martyra martyres
caeleste ad arvum ducere gaudeant
convivio in sacro ligati
sanguine testificante CHRISTUM

Deutsch:

Der Kirche erstgeborne Tochter du,
was rühmst du dich geschwätzigen Mundes so,
die Lästrung Gottes sei nicht strafbar,
seit sich die Völker der neuen Ordnung

ergaben, die das Dunkeltum von sich warf,
und seit der Mensch das Maß aller Dinge sei.
Bist nicht des guten Rufs mehr würdig,
morsch und morbid durch der Freiheit Unmaß.

Dich weist zurecht nun Mohammeds Grundgesetz,
die blutge Rache für jenen Zeichnungsschmäh,
wo du verhöhntest den Propheten,
ihn, seines Friedensheers scharfen Stachel.

Hab Dank, du flotter, wendiger Landesfürst,
dass Frankreich nun von brennenden Kirchen raucht,
der Prachtdom Unserer Lieben Frau – ach!
Weh über Weh! nun in Flammen zittert!

Der du den wahren Glauben gering nur schätzt,
den Weltbaugeistern völlig verfallen bist,
was reizt du da den Zorn der Fremden,
die nicht dem Spott weihn, was ihnen heilig!

Derweil der Christeneifer so ganz erkühlt,
erkenn die Strafe, welche vom Himmel kommt.
Hast du noch Zweifel, dass man so das
Unheil in Fülle und Farb’ herabruft?

So bei Rouen geschehn in der Normandie.
Hier schlug’s mit Mord und blankem Entsetzen zu.
Des Heiles Opfer und der Liebe
sollte wie immer zum Himmel steigen.

Ein alter Priester war es mit Namen Jacques,
fromm feiert er die heiligen Geheimnisse.
Von Mörderhand getroffen, fällt er,
mischend sein Blut mit dem Blut des Lammes.

Und wie es aus den Wunden des Körpers strömt,
packt das Entsetzen alle die Gläubigen,
die in der Kirche betend weilen
und diese schändliche Tat erleben.

Verruchte Untat! Gibt’s noch Verruchteres?
Und doch ist’s eine nur unter Tausenden.
Wieviele Christen fallen täglich
weltweit Fanatikern so zum Opfer!

Sühnopfer, hingeschlachtet, so edler Art,
und doch nicht einz’ges schmerzliches Ärgernis!
Wie weit entfernt vom wahren Frieden
jene so friedliche Religion ist.

Dich, Märtyrer, selig, führe mit Freudenschall
der Märtyrer Chor in die Gefilde der Seligen,
vereint mit dir im heiligen Gastmahl,
eins durch das Blut aller Zeugen CHRISTI!

Deutsch von Hansjürgen Bertram

fontes

Erstveröffentlichung. Der Originaltitel des Autors, der hier aus technischen Gründen gekürzt werden mußte, ist:

Piae Memoriae animae beatae
Iacobi Hamel
Sacerdotis et Martyris

scholia / marginalia

Père Jacques Hamel (1930 – 2016)

Père Jacques Hamel wurde am 30. November 1930 in Darnétal (Seine-Maritime) geboren, am 30. Juni 1958 in Rouen zum Priester geweiht und am 26. Juli 2016 in der Kirche Saint-Etienne de Saint-Etienne-du-Rouvray ermordet.

Am Morgen des 26. Juli 2016 drangen Krieger Mohameds und Anhänger der Religion des Friedens in die Kirche ein, in der Père Hamel die heilige Messe zelebrierte, und haben ihn mit achtzehn Messerstichen ermordet und enthauptet. Einen alten anwesenden Gläubigen zwangen die Dschihadisten, die Ermordung zu filmen.

Diese Tat war nicht nur ein Mord, sondern ein Sakrileg, wie die Kirchengeschichte nur wenige kennt.

Père Hamel wurde auf dem Friedhof von Bonsecours (Seine-Maritime) beigesetzt. Noch 2016 und im Folgejahr wurden Promenaden (Béziers), Plätze (Ermont, Val-d’Oise; La Londe-les-Maures, Var) und Straßen (Saint-Pierre-lès-Elbeuf) nach ihm benannt. Der Seligsprechungsprozess wurde am 13. April 2017 eröffnet.

Besteht heute die Gefahr, in einer Kirche abgeschlachtet zu werden, in einem Staat, der Sakrileg und Gotteslästerung (Blasphemie) leugnet? Dafür scheint Frankreich einen Preis zahlen zu müssen und weiß nicht einmal weshalb.

In Frankreich spricht man von den Werten der Republik, kaum aber von den Werten des Christentums. „Attaquer une église, tuer un prêtre, c’est profaner la République qui garantit la liberté de conscience.” (Le président de la République François Hollande).

„Profaner la République“ nennt das der Präsident der Republik, von der Profanierung der Religion spricht niemand. Da werden die Grenzen zwischen Profan und Sakral zynisch vermischt.

Père Hamel hat in seinem Leben und Verhalten – im Gegensatz etwa zu Charlie Hébdo oder Samuel Paty – nie etwas getan, was als Provokation hätte aufgefasst werden können. Nein, der Priester sollte sterben, weil er für das verhasste Christentum steht – und weil dieses offensichtlich immer noch als ein Symbol für ein Europa wahrgenommen wird, das doch in seiner programmatischen Irreligiosität vom Christentum je länger je mehr vielfach noch weiter entfernt ist als der Islam.

Wenige Tage vor der Ermordung von Samuel Paty (16. Okt. 2020) schrieb der französische Philosoph Pascal Bruckner in der Neuen Zürcher Zeitung (online vom 13. Okt. 2020):

„Es ist eine hervorragende Sache, dass wir uns heute in Frankreich über Jesus, den Papst und die Evangelien lustig machen können, ohne uns der geringsten Gefahr auszusetzen.“

Wie vornehm muten da dagegen die Worte von Moses Mendelssohn (1729 - 1786), des deutschen Aufklärers, an.

„... wenn man gewisse nützliche und den Menschen zierende Wahrheit nicht verbreiten darf, ohne die ihm nun einmal beiwohnenden Grundsätze der Religion und Sittlichkeit niederzureißen, so wird der tugendliebende Aufklärer mit Vorsicht und Behutsamkeit verfahren und lieber das Vorurteil dulden, als die mit ihm so fest verschlungene Wahrheit zugleich mit zu vertreiben.“

Eine solche Haltung scheint dem französischen Philosophen völlig fremd zu sein.

Und nach dem islamistischen Terroranschlag in Nizza (29. Okt. 2020), bei dem durch einen Angriff in der Kirche Notre-Dame-de-l’Assomption drei Menschen ermordet wurden, und nach dem Angriff in Lyon (31. Okt. 2020) auf einen griechisch-orthodoxen Priester doppelt der Philosoph Pascal Bruckner in der Neuen Zürcher Zeitung (oneline vom 3. November 2020) nach und lobt das „laizistische Modell“ Frankreichs.

Da stellt sich die Frage, ob eine Gesellschaft für diese vermeintlich „hervorragende Sache“ und das morbide „laizistische Modell“, das weder den Tatbestand des Sakrilegs noch der Gotteslästerung (Blasphemie) kennen will und anscheinend auch kein Kriterium für guten Geschmack und Stil und Rücksichtnahme auf Andersdenkende, dafür nicht einen hohen Preis entrichten muss. Nicht nur in Form sich ständig wiederholender Anfeindungen und Attentate, sondern auch in Form zunehmender Vergiftung und Polarisierung ebenso wie durch die Entwicklung und Zementierung von Vorurteilen und Feindbildern, wobei dann auch zwangsläufig die gerühmte fraternité und égalité auf der Strecke bleiben.

Man erntet, was man sät. Galater (6, 7-8) – Wer Wind sät, wird Sturm ernten. (Hosea, 8,7)

Nach der Ermordung von Père Hamel und angesichts dieser neusten Ereignisse in Frankreich muss man zwingend den Eindruck gewinnen, dass das sogenannte französische „laizistische Modell“ gründlich gescheitert ist.

Das hat Moses Medelssohn, der vom Scheitern und vom „Missbrauch der Aufklärung“ warnt und den Pascal Bruckner nicht zu kennen scheint, geradezu prophetisch vorausgesehen:

„Je edler ein Ding in seiner Vollkommenheit, sagt ein hebräischer Schriftsteller, desto grässlicher in seiner Verwesung. Ein verfaultes Holz ist so scheußlich nicht als eine verweste Blume; diese nicht so ekelhaft als ein verfaultes Tier; und dieses so grässlich nicht als der Mensch in seiner Verwesung. So auch mit Kultur und Aufklärung. Je edler in ihrer Blüte: desto abscheulicher in ihrer Verwesung und Verderbtheit.“

metrum

Versmaß: alkäische Odenstrophe (metrum alcaicum)

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