Ad S. Rochum confessorem tempore pestilentiae et confusionis

Ioannes Georgius Bertram

Lateinisch:

Qui Christianum populum
contage liberas mala,
o Sancte Roche, protege
a pestibus nos omnibus,

ut tecta nostra transeat
Agni respersa sanguine
Exterminator Angelus
ultor ferox irae Dei.

Exstingue voces daemonum,
per ora qui satellitum
vique apparatus technici
turbare mentes gestiunt.

Nos rete captatos malo
minante territos lue
suffragiis fisos tuis
cito, Patrone, subleva.

Tibi, beata Trinitas,
Patri, Nato, Spiritui,
tuis quae semper prospicis,
sit laus per omne saeculum! Amen

Deutsch:

Der du das Volk der Christenheit
von böser Ansteckung befreist,
schütz uns, Sankt Rochus, jederzeit
vor jeder Art von Seuchenpest.

Vorübergeh an unserm Haus,
das mit des Lammes Blut besprengt,
des Zornes Gottes Rächer wild,
der Engel, der da Würger heißt!

Mach der Dämonen Stimmen stumm,
die durch der Helfershelfer Mund
kraft technischer Errungenschaft
die Menschen zu verwirrn sich freun!

Gefangen zappeln wir im NETZ,
entsetzt, dass uns die Seuche droht.
Lass deiner Fürbitt’ uns vertraun,
hilf, großer Schutzpatron, uns schnell!

Dir, heiligste Dreifaltigkeit,
Dir, Vater, Sohn und Heilger Geist,
der Du die Deinen stets umsorgst,
sei Lob in alle Ewigkeit. Amen

Deutsch von Hansjürgen Bertram

fontes

Dieser Hymnus wurde in der Zeit der Epidemie unserer Zeit (2020) und speziell für das Hymnarium verfaßt. Der Text wird hier zum ersten Mal veröffentlicht.

scholia / marginalia

Gedenktag des Heiligen ist der 16. August.

Erste Strophe „vor jeder Art von Seuchenpest“: gemeint ist die Pest, die Körper und Geist befällt.

Zweite Strophe „Vorübergeh an unserm Haus, das mit des Lammes Blut besprengt, ... der Engel“: Anspielung auf das Buch Exodus des Alten Testamentes. Das Volk Israels befindet sich in ägyptischer Gefangenschaft, und der Herr beauftragt Moses, sein Volk in die Heimat zurückzuführen.

Jedes Mal, wenn der Pharao sich weigert, dem Verlangen des Moses stattzugeben, sendet der Herr den Ägyptern eine Plage (die zehn Plagen). Nach der neunten Weigerung des Pharaos sendet Gott die zehnte Plage, der Tod aller Erstgeburten von Mensch und Tier. Moses erhält Anweisung, wie sich die Hebräer zu verhalten haben, wie sie das Lamm zu schlachten und zu verzehren haben.

„Und sie sollen etwas von seinem Blute nehmen und an die beiden Türpfosten und an die Oberschwelle der Häuser streichen, in denen sie es verzehren werden.“ (Exodus 12, 7)

"Das Blut aber wird zum Zeichen für euch an den Häusern sein, in denen ihr seid; wenn ich das Blut sehe, werde ich vor euch vorübergehen, und die verderbenbringende Plage soll nicht über Euch kommen, wenn ich das Land Ägypten schlage.“ (Exodus 12, 13)

Dies war das Zeichen für den von Gott gesandten Todesengel, die Menschen in den so gekennzeichneten Häusern zu verschonen.

Der heilige Rochus

Rochus stammt aus Montpellier und lebte der Überlieferung nach zwischen 1295 und 1379. Als Rompilger half er im Jahr 1317 bei der Pflege von Pestkranken. Auf der Rückreise erkrankte er selbst an der Pest und zog sich in eine Hütte im Wald zurück. Ein Hund des Edelmannes Gothard Pallastrelli versorgte ihn mit Brot, bis er geheilt war.

Seine Reliquien befinden sich in der Kirche San Rocco in Venedig.

Seine Lebensgeschichte verfasste der Venezianer Francesco Diedo (1435 – 1484), die „Vita Sancti Rochi“ (1478).

Der Heilige wird häufig dargestellt mit Muschelhut und Pilgerstab, wie er an seinem entblößten Oberschenkel auf eine Pestbeule hinweist; bei ihm ist meistens ein Hund mit Brot. Er ist der Patron der Kranken, Gefangenen, Ärzte, Chirurgen, Totengräber ... und wird angerufen gegen Seuchen, Pest, Cholera, Tollwut. Ihm sollen in Italien 3000 Kirchen geweiht sein.

An vielen Orten, im süddeutschen Raum etwa in Wallerstein, und dann vor allem im Raum der ehemaligen Donaumonarchie sind zur Erinnerung und als Dank für das Ende der Heimsuchungen sogenannte Pestsäulen errichtet worden; die schönsten und imposantesten befinden sich in Wien am Graben, in Mödling am Freiheitsplatz, in Korneuburg und Olmütz.

In Pestzeiten entstanden Rochusbruderschaften, etwa di „Scuola Grande di San Rocco“ in Venedig (1478) oder die Rochusbruderschaft in Bingen (1754), wo es seit dem Pestjahr 1666 eine Wallfahrt auf den Rochus-Berg gibt.

In seiner Reiseerzählung „Sankt-Rochus-Fest zu Bingen“ beschreibt Johann Wolfgang von Goethe in beschwingter Sprache von leuchtender Bildkraft die rheinische Landschaft mit ihren Rebbergen und Burgen, das Fest, das sinnenfrohe Leben, die frommen und weinfreudigen Menschen und die Rochuswallfahrt vom 16. August 1814. In seine Erzählung fügt der Dichter die Legende von Sankt Rochus, „wie sie gewöhnlich überliefert wird“, ein. In einem Brief an Boisserée vom 27. September 1816 bezeichnet Goethe seine Erzählung als „eine heitere im Innern fromme Darstellung“.

Goethe hat nach eigenem Entwurf bei Heinrich Meyer und Luise Seidler ein Gemälde in Auftrag gegeben, das er von Freunden 1816 für die Rochuskapelle hat stiften lassen.

Dass die Frage die Menschen umtreibt, warum die Menschheit immer wieder unter Seuchen und Epidemien zu leiden hat, ist natürlich und verständlich. Kaum aber spricht ein Theologe von Vergeltung, Strafe und Gericht oder erinnert an die Vertreibung aus dem Paradies, die Sintflut oder die Zerstörung von Gomorrha, geht ein Aufschrei der Aufklärer durch die Medien. Aber der immer wieder erneute Versuch, diese Begebnisse als „alttestamentarisch“ abzutun, greift zu kurz.

Vielleicht darf hier daran erinnert werden, dass Kirchenvater Lactantius, der Cicero christianus, einen Traktatus „De ira Dei“ (Vom Zorn Gottes) verfasst hat, und das in neutestamentlicher Zeit.

Gläubige, die an der überlieferten Lehre und Liturgie der Kirche festhalten, werden sich vor kurzschlüssigen Rückführungen der Seuche auf ein göttliches Strafgericht hüten, gleichzeitig aber werden sie sich der zahlreichen Hinweise im Evangelium erinnern und diese nicht vergessen oder verleugnen.

„Starke Erdbeben wird es allenthalben geben, Hungersnot und Pest.” (Lukas, 21,11 und ferner etwa Lukas 10, 13 uns 13, 4f.)

Liturgie in tempore pestilentiae

Für schwierige Zeiten kennt die alte Liturgie zahlreicht Votivmessen, etwa für Pilger, Reisende und Flüchtlinge, gegen Dürre, Überschwemmungen, Unwetter, Krieg und eben auch eine in Zeiten der Sterblichkeit, die „Missa in tempore mortalitatis“.

Die Postcommunio dieser Messe lautet:

Exaudi nos, Deus, salutaris noster: et populum tuum ab iracundiae tuae terroribus liberum, et misericordiae tuae fac largitate securum.

Erhöre uns, Gott, unser Heil, befreie dein Volk von den Schrecken deines Zornes und lass es sicher sein durch deine freigebige Barmherzigkeit.

Diese Messe findet sich noch im Missale der Tradition (ordo antiquior). Aus den neuen Messbüchern ist sie nach der Reform von 1969 verschwunden; sie wurde dem Zeitgeist geopfert, der wohl glaubte, Seuchen und Epidemien für immer überwunden zu haben, eine Maßnahme, die man nur als dumm, traditionsvergessen, vorschnell und kurzsichtig bezeichnen kann.

Dagegen haben sich im liturgischen Alltag keine Messformulare zum Gedenktag des heiligen Rochus erhalten. Selbst im Missale der Tradition hat sich nur eine Oration, dürftige liturgische Konfektion, erhalten (pro aliquibus locis), die in die Messe „Iustus“ (für einen Bekenner, der nicht Bischof war) eingefügt wird.

In einem alten in Siena gedruckten Missale aus dem Jahre 1580 ist noch ein altes Messformular für den Gedenktag des heiligen Rochus erhalten. Die Oration daraus lautet:

Deus qui beato Rocho per Angelum tabulam eidem afferentem promisisti, ut, qui ipsum invocaverit, a nullo pestis cruciatu laederetur, praesta quaesumus, ut qui eius festivitatem agimus, ipsius meritis et precibus a mortifera peste corporis et animae liberemur. Per Dominum nostrum … (MISSALE ROMANUM, SENIS MDLXXXo, EXCUDEBANT VINCENTIUS PAZZINI & FILII PRAESIDUM FACULTATE)

Gott, der du dem heiligen Rochus durch einen Engel, der ihm ein Schreibtäfelchen brachte, versprochen hast, dass, wer immer ihn anruft, von keiner Peinigung durch die Pest geschlagen werde, gewähre uns, wir bitten Dich, dass wir, die wir seinen Festtag begehen, auf seine Verdienste und Fürbitten hin von der todbringenden Pest des Leibes und der Seele verschont werden. Durch unsern Herrn Jesus Christus ...

Ferner findet sich noch heute im „Rituale Romanum“ der Text zu einer Bittprozession „De Processione tempore mortalitatis et pestis“. Dort werden die entsprechenden Fürbitten, um ihnen besonderen Nachdruck zu verleihen, als einzige wiederholt:

A peste, fame et bello, libera nos, Domine. (bis dicitur) Ut a pestilentiae flagello nos liberare digneris, te rogamus, audi nos.

Die Prozession endet mit der folgenden Bitte:

Da nobis, quaesumus, Domine, piae petitionis effectum: et pestilentiam mortalitatemque propitiatus averte; ut mortalium corda cognoscant, at te indignante talia flagella prodire, et miserante cessare.

O Herr, wir bitten, gib unserem frommen Gebet Gewährung und wende gnädig diese Seuche ab und das Sterben, damit die Herzen der Menschen erkennen, dass solche Heimsuchungen kommen, wenn du zürnst, und vergehen, wenn du dich erbarmst.

In der Allerheiligenlitanei (Litaniae Sanctorum), auf der der Prozessionstext „tempore mortalitatis et pestis“ weitgehend beruht, sind einige der die Anrufungen abschließenden Verse von höchster Aktualität und wie für unsere Zeit gemacht.

Ut ecclesiam tuam sanctam regere et conservare digneris, Ut Domnum Apostolicum et omnes ecclesiasticos ordines in sancta religione conservare digneris, te rogamus

Dass du deine heilige Kirche leiten und erhalten wollest, Dass du den Heiligen Vater und alle Stände der Kirche in deiner heiligen Religion erhalten wollest.

*

Literatur - Johann Wolfgang von Goethe, Sankt-Rochus-Fest zu Bingen (1817)

Musik - Orazio Benevoli (1605 - 1672), Missa in Angustia Pestilentiae (1656)

metrum

Versmaß: ambrosianisch (metrum ambrosianum), akatalektische iambische Dimeter, anstelle der Iamben können an erster und dritter Stelle auch Spondäen und Anapäste stehen (vgl. Aldalbert Schulte, Die Hymnen des Breviers, S. 9f.).

Kontakt/ImpressumDatenschutz