De Sancto Nicolao

Henricus de Gundelfingen (* 1440/1445 - † 1490)

Lateinisch:

Nicolai pro meritis, eiusque gestis inclitis.
Clarisque quoque virtutibus: Exultet celum laudibus.

Natusque in Unterwalde, verbo firmus et opere,
Festinavit ad eremum: Deus tuorum militum.

Tempus etatis solide, non deducebat temere.
Te diligendo intime: Lucis Creator optime.

Hic mundanas blanditias, contempsit et insidias,
Tuo fretus solatio: Iesu, nostra redemptio.

Longo abstinet tempore, penas ferens in corpore,
Memor tuorum operum; Conditor alme siderum.

Noctes orationibus deduxit et laboribus.
Nec cessavit ab opere: Iam lucis orto sidere.

Ieiuniis se macerans abstinendo se affligens,
Desideravit ingredi: Ad cenam agni providi.

Virtutum tandem titulis, imbutus et miraculis
Migravit ad te, Dominum: Iesu, corona Virginum.

Sit laus Patri cum Filio semper in celi solio,
Nosque replendi celitus: Veni, Creator Spiritus

Amen.

Deutsch:

Ob des Niklaus Verdiensten,
ob seiner Taten und Tugenden
erschallt der Himmel
von Lobgesang.

Geboren in Unterwalden,
stark in Wort und Tat,
eilte er in die Einsamkeit:
Gott, zu deinen Soldaten

Die Zeit seiner Reife verbrachte
er nicht in Leichtsinn,
da er dich innig liebte,
gütigster Schöpfer des Lichts.

Von Weltlust und Versuchung
wandte er sich ab mit
Verachtung, hin zu deinem Trost:
Jesus, unsere Erlösung.

Lange fastete er und schonte
nicht seinen Leib,
eingedenk deiner Werke,
erhabener Schöpfer der Sterne.

Die Nacht verbrachte er
in frommem Gebet und Mühsal,
ließ davon auch nicht ab,
wenn der neue Tag begann.

Mit Fasten sich schwächend,
sich hungernd plagend,
hoffte er einzugehen
zum Mahl des weisen Lammes.

Geschmückt mit einem Kranz
von Tugend und Wundern,
ging er ein zu dir, Herr,
Jesus der Jungfraun Krone.

Lob sei im Himmel auf ewig
dem Vater und dem Sohn;
erfülle uns mit deinem Glanz:
komm, Heiliger Geist.

Amen.

Deutsch von Robert Durrer (1867 - 1934)

fontes

Jean-Marie Curti, L'office Chanté de Nicolas de Flue 1488 - 1650 - 1950. Offizium von Gundelfingen, 1488. Édition critique de Jean-Marie Curti. Opéra-Studio de Genève o.J. https://doc.rero.ch/record/23178/files/L_office.pdf

scholia zum Text

Gedenktag des Heiligen ist der 25. September.

Der Hymnus wird hier im 600. Geburtsjahr, im 530. Todesjahr und im 70. Jahr der Heiligsprechung veröffentlicht. Er entstammt dem Officium auf den Heiligen von Heinrich von Gundelfingen Der zweite Halbvers der zweiten Zeile jeder Strophe zitiert den Anfang eines bekannten Hymnus aus der Liturgia Horarum (Officium Divinum).

Exultet celum laudibus
Hymnus
Breviarium Monasticum. Pars aestivalis. Mecheln 1882
Commune Apostolorum. Zu den Laudes.
Breviarium Romanum. 30. Nov. Apostel Andreas (zu den Laudes) und Commune Sanctorum (zur Vesper).
Im Römischen Brevier lautet der Eingangsvers abweichend: Exsultet orbis gaudiis

Deus tuorum militum
Hymnus von Gregor dem Grossen
Breviarium Romanum. 26. Dez. Heiliger Stephanus (zur Vesper) und Commune unius Martyris (zur Matutin)

Lucis Creator optime
Hymnus von Gregor dem Grossen
Breviarium Romanum. An Sonntagen (zur Vesper)

O Iesu, nostra redemptio
Hymnus
Brevarium Monasticum. Pars vernalis. Mecheln 1882
An Christi Himmelfahrt zur Vesper, zu den Laudes, am Sonntag der Oktav von Chritsi Himmelfahrt zu den Laudes und zur Vesper

Conditor alme siderum
Hymnus aus dem siebten Jahrhundert.
An Sonntagen im Advent zu den Vespern.
Auf die 1632 von Papst Urban VIII. verordnete Überarbeitung der Hymnen des Breviers wurde dieser Hymnus derart verändert, dass nur ein einziger Vers des ursprünglichen Hymnus erhalten blieb.

Iam lucis orto sidere
Dieser Hymnus wurde früher Ambrosius zugeschrieben.
Breviarium Romanum. An Sonntagen zur Prim.

Ad cenam agni providi
Hymnus
Brevarium Monasticum. Pars vernalis. Mecheln 1882
Am Weissen Sonntag und am zweiten Sonntag nach Ostern zu den Vespern.

Iesu, corona Virginum
Dieser Hymnus wurde früher Ambrosius zugeschrieben.
Breviarium Romanum. 22. Nov. Heilige Cäcilia und 13. Dez. Heilige Lucia.

Veni, creator spiritus
Hymnus von Rhabanus Maurus.
Breviarium Romanum. Am Pfingstsonntag zur Vesper und zur Terz.

Heinrich von Gundelfingen (* 1440/1445 - † 1490) wurde in Konstanz geboren und verstarb im Kollegiatsstift Waldkirch (Baden). Er studierte in Heidelberg und Freiburg i.Br. und unterrichtete später Poetik und Rhetorik in Freiburg; er gilt als Frühhumanist.

Mit Erlass der Stadt Luzern war er 1480 Chorherr von Beromünster geworden, er hat möglicherweise dort aber nie residiert. Nach ungesicherten Quellen besuchte er 1480/81 Niklaus von Flüe in seiner Einsiedelei im Ranft (Kanton Obwalden). Er hat ein Offizium und eine Historia Nicolai über den Heiligen verfasst. Das Original des Offiziums und der Historia wurde erst 1932 durch Pater Thomas Käppeli OP in der Bibliotheca Communale del Archiginnasio in Bologna wieder entdeckt.

Auf welchen Wegen das Manuskript nach Italien (Rom?) und schließlich nach Bologna kam, ist nicht bekannt. Ebensowenig die Gründe, weshalb das Offizium nie anerkannt und verwendet wurde.

Das ganze Officium ist unter Ludwig Wicki und Robert Wenger im Mai und Juni 2017 im Rahmen feierlicher Vespern in Sachseln, Chur, Luzern, Locarno und Freiburg i.Üe. mit der Schola der Hofkirche Luzern und weiteren regionalen Chorsängern aufgeführt worden.

scholia zum Heiligen

Niklaus von Flüe (Niklaus von der Flüe, Bruder Klaus, 1417 - 1487)

Niklaus von Flüe hatte zusammen mit seiner Gattin Dorothea Wyss zehn Kinder; er war ein wohlhabender Bauer, Ratsherr und Richter. Kurz nach der Geburt des letzten Kindes verließ er mit dem Einverständnis seiner Frau die Familie, um fortan als Einsiedler zu leben. Nachdem er die Einsamkeit zuerst in der Ferne suchte, kehrte er nach einer Vision in die Heimat zurück und zog sich unweit seines Hauses in die Ranftschlucht bei Flüeli-Ranft als Eremit zurück.

Dort führte Niklaus von Flüe ein heiligmäßiges Leben und war als geistlicher und politischer Ratgeber weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und geschätzt. Schon Jahre vor seinem Tod war durch den Generalvikar des Bistums Konstanz verfügt worden, dass Bruder Klaus nach seinem Ableben in der alten Pfarrkirche von Sachseln beigesetezt werde, was eine außerordentliche Anordnung und große Auszeichnung war. Der Sarg mit den Gebeinen des Heiligen wurde 1679 in die neue Pfarr- und Wallfahrtskirche überführt.

Schon früh wurde durch die Päpste Innozenz X. (1649) und Clemens IX. (1669) die Erlaubnis zur liturgischen Verehrung des Heiligen erteilt, was einer Seligsprechung gleichkam (beatificatio aequipollens).

Nachdem Papst Pius XI. im Oktober 1935 das Grab des Heiligen in der Pfarrkirche Sachseln besucht hatte, wurde Niklaus von Flüe am 15. Mai 1947 durch Papst Pius XII. heiliggesprochen; der Heilige ist der Patron der Schweiz (pater patriae) und der päpstlichen Schweizergarde.

Der Basler Historiker Benedict Pfister erinnert am 27. Mai 2017 im Beitrag "Als die Basler Katholiken in Rom weinten" in der "bz Basel" an den Tag der Heiligsprechung in Rom:

"Rund 5000 Schweizer Katholiken wohnten der Feier im Vatikan bei und hinterliessen bei der einheimischen Bevölkerung tiefen Eindruck. Selten sei eine Heiligsprechung so ruhig verlaufen, schrieb der Korrespondent des katholischen Basler Volksblatts am Tag danach. Der Papst würdigte in seiner Predigt die Vermittlungskünste von Bruder Klaus. Dieser christliche Geist könne auch die aktuellen internationalen Probleme lösen und den Frieden zwischen den Völkern herbeiführen. (...)

Für Irritation bei den Schweizer Katholiken sorgte das Verhalten der eigenen Regierung. Aus Rücksicht auf den konfessionellen Frieden schickte die Schweiz keinen offiziellen Regierungsvertreter in den Vatikan. CVP-Bundesrat Enrico Celio nahm zwar an der Feier teil, war aber als Privatmann nach Rom gefahren, wie überall betont wurde. Der Basler Pfarrer von St. Clara, Franz Blum, konnte seinen Ärger und seine Enttäuschung nicht verbergen.

In einem Artikel im Pfarrblat schrieb er noch rund drei Wochen nach der Heiligsprechung über den «tiefen Schmerz über unser Vaterland», den er und alle Katholiken im Herzen trügen. Das Verhalten der offiziellen Schweiz stiess bei den Katholiken auf wenig Verständnis. Die Regierungen von Ob- und Nidwalden hingegen wohnten der Heiligsprechung vollzählig bei.

Sie dürften das Ende der Zeremonie ähnlich erlebt haben wie Franz Blum, der im Basler Volkskalender 1948 in emotionalen Worten schilderte: «Zuletzt erteilte der Heilige Vater der Stadt Rom und dem ganzen Erdkreis den Segen und dann fing es plötzlich irgendwo an: ‹Trittst im Morgenrot daher›, und wie Sturm klang es durch den Petersdorm. ‹Betet, freie Schweizer, betet ... ›. Da sind viele Augen nass geworden.»"

Das sogenannte Reimgebet des Bruder Klaus ist in einer Handschrift vom Ende des 15. Jahrhunderts überliefert (Berlin-Dahlem, Stiftung Preussischer Kulturbesitz, Ms. germ. 4o 636, fol. 12v.).

Bruder clausen gewohliches gebeth

O myn got unde myn herre nym mich mir
und gyb mich ganz zcu eygen dyr

O myn got und myn herre nym von myr
alles das mich hyndert gegen dyr

O myn gott unde myn herre gyb myr
alles das mich furdert zcu dyr. Amen

Das Gebet ist in verschiedenen neuhochdeutschen Redaktionen verbreitet.

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir,
was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott, gib alles mir,
was mich führet zu dir.

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir.

Arthur Honegger (1892 - 1955) hat die Legende von Niklaus von Flüe 1940 im szenischen Oratorium "Nicolas de Flue" gestaltet.

Als äußerst populärer Heiliger hat Bruder Klaus zu diesem Jubiläumsjahr auch Einzug in die Welt des Comics gehalten.

 


"Daß die Wahrheit auf seinem Antlitz stand; daß der Schrecken vor der Wahrheit sein Tun und Lassen beherrschte; das war seine Macht. Wir verfehlen ihn - wie die Heiligen alle - wenn wir die Umwelt in eine Idylle verwandeln. Niklaus von Flüe, der prophetische Bauer, ward wohl seiner Heimat zum Segen aus ihrem eigensten Geist; für die Christenheit ist er ein Sprecher des Zornes. Da die Menschen die Wahrheit nicht ertragen konnten, so mußte er sie allein ertragen, mußte als ihr Zeuge zugleich zerbrechen und standhalten. Der Heilige ist der Überforderte, von dem die Gnade nicht läßt. Er war das Bild dieses Gestorbenseins, rätselhaft - zukünftig, verkörperte Mahnung, kein Prediger der Sühne, vielmehr die Sühne selbst."
Reinhold Schneider, Herrscher und Heilige. Köln: Jakob Hegner, 1953, S. 232f.

"Das tiefste Wesen des Bruder Klaus wird vielmehr am besten mit dem Begriff Staretz angedeutet. Das scheint eine weithergeholte Erklärung zu sein. Aber was sich hinter diesem fremdartigen Wort verbirgt, ist mit dem Einsiedler vom Ranft viel näher verwandt, als die räumliche Entfernung vermuten läßt. Der Name Staretz heißt in der Ostkirche so wiel wie Altvater oder Greis. (...) Die Ernennung zum Staretz geschah stets in spontaner Weise aus der Mitte des Volkes, oft im Gegensatz zum Bischof. (...) Worin bestand das eigentümliche Wesen dieses Heiligen, das heute noch Gültigkeit besitzt? Das ist so leicht nicht zu sagen, und darüber wurde auch verhältnismäßig wenig nachgedacht. Die Antwort auf die Frage findet man am ehesten durch die Wahrnehmung, daß dieser christliche Heilige allezeit mit einem der schönsten Worte der menschlichen Sprache benannt wurde: Bruder Klaus. Sein Ziel war, ein Gottesfreund zu werden, und durch diese Bestrebung wurde er zum Bruder der Eidgenossen, der ihre Not und ihre Freude mittragend empfand und sie durch dunkle und heitere Tage getreulich begleitete."
Walter Nigg, Grosse Heilige. Zürich: Artemis, 1955, S. 185, 200

 

metrum

Das Beachten eines klassischen Versmaßes scheint dem Verfasser kein Anliegen gewesen zu sein. Ausgehend von der zweitletzten Strophe (virtutem tandem titulis) des Hymnus lässt sich vermuten, dass er für seine Verse iambische Senare im Blick hatte.