Dormit hoc triduo

Petrus Abaelardus (1079 - 1142)

Lateinisch:

Sabato Sancto
Ad Laudes

Dormit hoc triduo leonis catulus,
Sicut prædixerat sermo propheticus,
Donec hunc suscitet rugitus patrius,
Cum dies venerit, quo fit hoc, tertius.

Avis mirabilis phoenix et unica,
Quam et lux reparat, ut ferunt, tertia,
Non minus peragit Christi mysteria
Vel resurgentium promittit gaudia.

Hæc cum in funere formam resumpserit,
Alasque pristinas rursum induerit,
Volatu solito se sursum erigit,
Cum cælos etiam Christus ascenderit.

Sexus est comparis hæc avis nescia,
Sicut est unica sic semper integra,
Similtudine Christi plenissima
Trascendit bestias et volatilia.

Tu tibi compati sic fac nos, Domine,
Tuæ participes ut simus gloriæ,
Sic præsens triduum in luctu ducere,
Ut risum tribuas paschalis gratiæ.

Deutsch:

Am Karsamstag
Zu den Laudes

Bis in den dritten Tag schlummert das Löwenkind,
wie es vorhergesagt, die da Propheten sind,
bis es des Vaters Brüll aufweckt im Morgenwind,
sobald der dritte Tag, wo dies geschieht, beginnt.

Phoenix, den Vogel gibt's, einzig und wunderbar,
den auch des dritten Tags Licht, sagt man, neu gebar.
Christi Mysterien durchlebt auch er sogar,
der Auferstehenden Wonnen verspricht er klar.

Da er aus Aschenglut neu seine Form gewann,
mit des Gefieders Pracht wieder sich kleidet an,
hebt er zum Flug sich hoch, wie er es stets getan,
so wie es Christus tat, aufsteigend himmelan.

Nichts weiß der Vogel von Paarung und Werbetanz,
so wie er einzig ist, ist er auch rein und ganz.
Herrlich und hell ist er, strahlend in Christi Glanz.
Er übertrifft der Luft und das Getier des Lands.

Lass uns, o Herr, mit dir mitleiden im Verein,
dass wir teilhaben einst an deinem Glorienschein,
lass die drei Tage uns trauern in deiner Pein
und in der Ostergnad' würdig des Lachens sein.

Deutsch von Hansjürgen Bertram

fontes

Petri Abaelardi peripatetici palatini Hymnarius Paraclitensis sive Hymnorum libelli tres. Ad fidem Bruxellensis et Calmontani. Edidit Guido Maria Dreves, S.J. Parisiis 1891 (Reprint BiblioLife), S. 118
Peter Abelard's Hymnarius Paraclitensis. An annotated edition with introduction by Joseph Szövérffy. I. Introduction to Peter Abelard's Hymns. Albany, N.Y. and Brookline, Mass. 1975
Peter Abelard's Hymnarius Paraclitensis. An annotated edition with introduction by Joseph Szövérffy. II. The Hymnarius Paraclitensis. Text an Notes. Albany, N.Y. and Brookline, Mass. 1975, S. 120ff.

 

scholia / marginalia

Sabato Sancto. Ad Laudes
Am Karsamstag. Zu den Laudes

Phönix: Mythischer Vogel der Antike, bei den alten Ägyptern Verkörperung des Sonnengottes und Symbol wiederkehrender Erneuerung. Der Phönix stürzt sich in gewissen Zeitabständen ins Feuer und aufersteht neu aus der Asche.
Schliesslich seit den Kirchenvätern Symbol für Christi Tod und Auferstehung und Bild für die Unsterblichkeit der Seele.

 

Petrus Abaelardus ist neben Anselm von Canterbury der bedeutendste, wenn auch ein umstrittener, Philosoph und Theologe des 12. Jahrhunderts.

Petrus Abaelardus war ein Aufklärer und vertrat Jahrhunderte vor René Decartes und den Aufklärern den Vorrang der Vernunft in der Diskussion philosophischer und theologischer Fragen. Dubitando enim ad inquisitionem venimus; inquirendo veritatem percipimus. (Sic et Non, 1122/23) (Durch Zweifeln gelangen wir zum Fragen; fragend erkennen wir die Wahrheit.)

Petrus Abaelardus aber war nicht nur Philosoph und Theologe, er war auch ein Dichter von Rang. Für das Kloster Paraklet, dem Heloisa vorstand, verfasste er nicht nur eine Ordensregel und Predigten, sondern auch Hymnen. Es ist das einzige Hymnar aus der Hand eines einzigen Dichters, das aus dem Mittelalter überliefert ist.

Im "Hymnarium" sollen künftig weitere Hymnen von Petrus Abaelardus vorgestellt werden.

"Abälard, der Peripatetiker von Palais, der Abt von St. Gildas, der Widersacher des hl. Bernhard und der Schutzbefohlene Peters des Ehrwürdigen, ist von jeher eine der merkwürdigsten Gestalten in der Geschichte der theologisch-philosophischen Kämpfe des Mittelalters gewesen. Sein ganzes Leben ist ein ununterbrochener Roman, wie man ihn sich abwechslungs- und wirkungsreicher kaum denken kann. Was Wunder, wenn dies abenteuernde Leben wieder und wieder beschrieben wurde. (...)

Wir wollen uns vielmehr auf eine einzige literarische That Abälards, auf das von ihm verfaßte Hymnar der Abtei Paraklet beschränken. Ist doch über dem Philosophen der Dichter Abälard so gut wie vergessen worden, obgleich zu den Lebzeiten des genialen Mannes der Ruf des letzteren dem des ersteren kaum nachstand. Aber es sind die weltlichen Lieder Abälards im Strome der Zeiten verrauscht und verklungen, und seine geistlichen Lieder theilten das Schicksal der Hymnenliteratur überhaupt: es war dafür wenig Verständniß, wenig Interesse vorhanden.

 

Abälard war kühn und bahnbrechend in der heiligen Poesie: kühn, weil er der erste und einzige Autor ist (es könnte neben ihm nur noch der späte Santeul in Betracht kommen), der ein gesammtes liturgisches Hymnar verfaßte; bahnbrechend, weil er sich dabei eines neuen, zum Theil sehr künstlichen Versbaues befliß, vermöge dessen er als einer jener Autoren angesehen werden muß, auf deren Schultern die ganze wundervolle Blütezeit lateinischer Rhythmendichtung steht, welche mit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts begann, das ganze 13. hindurch anhielt und nur langsam im 14. von ihrer Höhe herabsank. (...)

Daß Abälard überhaupt dichterisch thätig war und, wie das ja im frühen Mittelalter noch vielfach zu geschehen pflegte, seine Gedichte auch selbst mit Melodien versah, dafür haben wir sowohl sein eigenes als Heloise's Zeugniß. Von der Existenz eines durch Abälard verfaßten Hymnars aber gab jederzeit der kurze Widmungsbrief Nachricht, welcher sich vor dem Buche der Predigten befindet und in welchem der Verfasser Heloise mittheilt, er sende ihr, nachdem er erst unlängst auf ihre Bitten hin ein Buch Hymnen oder Sequenzen verfaßt, nunmehr eine Sammlung geistlicher Vorträge und Unterweisungen für ihr Kloster Paraklet."

Guido Maria Dreves, Der Philosoph von Palais als Hymnopoet. In: Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Einundvierzigster Band. Freiburg i.Br. 1891, S. 426f.

Literatur

Petri Abaelardi peripatetici palatini Hymnarius Paraclitensis sive Hymnorum libelli tres. Ad fidem Bruxellensis et Calmontani. Edidit Guido Maria Dreves, S.J. Parisiis 1891 (Reprint BiblioLife)
Peter Abelard's Hymnarius Paraclitensis. An annotated edition with introduction by Joseph Szövérffy. I. Introduction to Peter Abelard's Hymns. Albany, N.Y. and Brookline, Mass. 1975
Peter Abelard's Hymnarius Paraclitensis. An annotated edition with introduction by Joseph Szövérffy. II. The Hymnarius Paraclitensis. Text an Notes. Albany, N.Y. and Brookline, Mass. 1975
Guido Maria Dreves, Der Philosoph von Palais als Hymnopoet. In: Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Einundvierzigster Band. Freiburg i.Br. 1891, S. 426 - 448
Chrysogonus Waddell, Peter Abaelard as creator of liturgical texts. - In: Rudolf Thomas (Hg.), Peter Abaelard, Person, Werk, Wirkung (Trierer Theologische Studien 38), Trier 1980

metrum

Aus dem Asklepiadeus weiterentwickelter spätantiker Vers, der nicht mehr quantitierend, sondern akzentuierend ist.
Jede Strophe hat einen durchgehenden Reim.

Die graphische Anordnung der Verszeilen ist in den verschiedenen Textausgaben unterschiedlich.