Tristes nunc Populi

Anonymus

Lateinisch:

Tristes nunc populi, Christe redemptor,
Pacem suppliciter cerne rogantes,
Threnos et gemitus, cerne dolorem,
Mæstis auxilium desuper affer.

Dire namque fremens, en, furor atrox
Gentis finitimæ arva minatur
Sæve barbarico murmure nostra
Vastari, perminens ut lupus agnum.

Defensor quis erit, ni prius ipse
Succurras miserans, auctor Olympi?
Humano generi crimina parcas,
Affectos venia dones amare.

Abram præsidio perculit olim
Reges quinque tuo, conditor ævi,
Haud multis pueris nempe parentem
Prostratis reducens hostibus atris.

Moyses gelidi æquora ponti
Confidens populum torrida carpens
Deduxit refluens undaque hostem
Extemplo rapiens occulit omnem.

Trecentisque viris Amalecitas
Deiecit Gedeon iussus adire,
Oppressum populum vindice ferro
Liberavit ope fretus opima.

Hoc tu, cunctipotens, omnia solus,
In cuius manibus sunt universa,
In te nostra salus, gloria in te,
Occidis iterum vivifiasque.

Maior quippe tua gratia, Iesu,
Quam sit flagitii copia nostri,
Contritos nec enim mæstaque corda,
Clemens, vel humiles spernere nosti.

Salva ergo tua morte redemptos,
Salva suppliciter pacta petentes,
Disrumpe frameas, spicula frange,
Confringe clipeos bella volentum.

Iam cælum gemitus scandat amarus,
Iam nubes penetret vox lacrimarum,
Votum, contritio plebis anhela;
Salvator placidus, iam miserere.

Deutsch:

Voller Inbrunst, o sieh, Christus Erlöser,
Fleht um Frieden dich an gläubiges Volk hier.
Sieh die Tränen, den Schmerz, höre das Seufzen,
Send der trauernden Schar Hilfe von oben.

Denn es drohet die Wut heidnischer Völker
Aus der Nähe, o sieh, unserem Lande,
Droht mit wildem Geheul, Wölfen vergleichbar,
Die schon Lämmer gewürgt, alles zu morden.

Wer wird Schutz uns verleihn, wenn nicht du selber
Mitleidsvoll dich erbarmst, Schöpfer des Himmels,
Was verschuldet auch vom Menschengeschlechte,
Wend' die Strafe von uns herbe Geprüften.

Schlug doch Abraham auch, weil du sein Schutz warst,
Einst der Könige fünf, Schöpfer des Weltalls,
Als die Feinde er mit wenigen Knechten
Übermannte und den Neffen befreite.

Hat doch Moses durchs Meer, dir nur vertrauend,
Trockenen Fußes geführt seine Getreuen,
Den nachstürmenden Feind haben die Wogen,
Die rückkehrenden, bald gänzlich begraben.

Als einst Gedeon mit dreihundert Männern
Sich geworfen auf die Amalekiter,
Deiner Hilfe allein gläubig vertrauend,
Hat vom Joch er befreit Israels Völker.

Alles dieses getan hast du, Allmächt'ger,
Dessen kräftige Hand wäget das Weltall,
Unser Heil ist in dir wie unser Rühmen,
Der du tötest, doch auch wiederbelebest.

Dein Erbarmen ist groß, größer, o Jesu,
Als die Menge der Schuld, die uns belastet,
Nie hast, Mildester du, reuevolle Herzen
Nie Zerknirschte verschmäht wie die Gebeugten.

Die dein Tod hat erlöst, rette sie, Heiland,
Die um Frieden bei dir flehentlich bitten,
Brich die Lanzen, zerbrich die Geschosse,
Seinen Schild brich entzwei jedem, der Krieg will.

Steiget himmelan nun, bittende Seufzer,
Tränenreicher Gesang, dring' durch die Wolken,
Des bekümmerten Volks Stämme, o Heiland,
Hör sie, Gütiger du, schenk ihm Erbarmen.

Deutsch von Lebrecht Dreves (1816 – 1870)

fontes

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Zweiter Teil, S. 134f. Guido Maria Dreves, Die Kirche der Lateiner in ihren Liedern. Kempten, München 1908, S. 149f. und S. 44f.

Die lateinischen Fassungen des Hymnus, die Guido Maria Dreves in seinen beiden Textausgaben gibt, weichen geringfügig voneinander ab.

scholia / marginalia

Tempore Belli Hymnus
Hymnus zur Kriegszeit

"Von dem Vorkommen dieses Hymnus und seiner Zugehörigkeit zur mozarabischen Liturgie gilt genau dasselbe, was zu dem Hymnus Saeva bella serit bemerkt wurde. Es scheint, daß er von demselben Verfasser herrührt wie die drei vorhergehenden Hymnen (Obduxere polum / Squalent arva / Saevus bella serit), doch läßt es sich nicht mit derselben Sicherheit behaupten wie für jene. Der Hiatus in der ersten Zeile der vorletzten Strophe spricht nicht unbedingt gegen eine solche Annahme, um so mehr, als er vielleicht auf Rechnung der Überlieferung gesetzt und Salva, Christe, tua emendiert werden darf."
Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Zweiter Teil, S. 135f.

Mozarabische Hymnodie

"Weit bedeutender als die altirische Lateinpoesie ist die mozarabische Hymnendichtung, d.h. die in der mozarabischen Liturgie vorfindlichen Hymnen. Diese Liturgie, die sich von der römischen kaum weniger weit entfernt als die ambrosianische, wird bald die alt-spanische, bald infolge der Gotenherrschaft die gotische, endlich nach der Eroberung Spaniens durch die Araber (711) die mozrarabische genannt, d.h. die Liturgie der unter den Arabern wohnenden Christen. Isidor von Sevilla steht zu derselben in einem ähnlichen Verhältnisse wie Gregor der Große zur römischen Liturgie; beide haben aller Überlieferung zufolge auf die Umgestaltung derselben entscheidenden Einfluß geübt, ohne daß wir uns Rechenschaft darüber zu geben vermöchten, welches im einzelnen und besondern ihr Anteil an dem vor ihnen, durch sie und nach ihnen Gewordenen sein mag. Die beiläufig 200 Hymnen, die wir aus alten mozarabischen Brevieren noch zu sammeln in der Lage sind, sind keineswegs das Produkt einer Zeit; es finden sich vielmehr unter ihnen solche, die sich durch ihre klassische Metrik als Kinder der altchristlichen Muse ausweisen, wieder andere, in denen die allmähliche Überleitung von der metrischen zur rhythmischen Dichtung in die Erscheinung tritt, wieder andere endlich, in denen sich die ganze sprachliche Barbarei des zehnten Jahrhunderts offenbart. Bei einzelnen Liedern nennt das Akrostichon uns den Verfasser und weist so die Dichtung einer bestimmten Zeit zu; die übrigen könnte nur, mangels aller andern Nachrichten und Anhaltspunkte, ein eingehendes Studium der sprachlichen Eigentümlichkeiten in die vorerwähnten drei Gattungen aufteilen. Im Verhältnis zur römischen Liturgie muß die mozarabische als überaus reich an Hymnen gelten. Eigentümlich sind ihr eine ganze Reihe von Hymnen für besondere Ereignisse freudiger und unliebsamer Art, wie Hymnen zur Bischofsweihe, für den Geburtstag des Bischofes, für die Krönung des Königs, für seinen Geburtstag, für Hochzeiter, für den Ausmarsch des Heeres, für das Erntefest, für Trockenheit, für Wassersnot, für Kriegsläufte usw."
Guido Maria Dreves, Die Kirche der Lateiner in ihren Liedern. Kempten, München 1908, S. 43f.

Weitere mozarabische Hymnen:

metrum

Versmaß: Der Vers besteht aus der ersten Hälfte des Asclepiadeus minor und einem Adonius. Vier so gebaute Verse bilden die Strophe.

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