Alleluia, dulce carmen

Anonymus

Lateinisch:

Alleluia dulce carmen,
Vox perennis gaudii,
Alleluia laus suavis
Est choris coelestibus,
Quam canunt Dei manentes
In domo per saecula.

Alleluia laeta mater
Concivis Jerusalem:
Alleluia vox tuorum
Civium gaudentium:
Exsules nos flere cogunt
Babylonis flumina.

Alleluia non meremur
In perenne psallere;
Alleluia vo reatus
Cogit intermittere;
Tempus instat quo peracta
Lugeamus crimina.

Unde laudando precamur
Te beata Trinitas,
Ut tuum nobis videre
Pascha des in aethere,
Quo tibi laeti canamus
Alleluia perpetim

Deutsch:

Alleluja, süßes Lied,
du Ausdruck ewiger Wonne;
Alleluja, lieblicher Lobgesang
für die himmlischen Chöre;
Alleluja singen die Bewohner
des Hauses Gottes in Ewigkeit.

Alleluja, frohe Mutter,
Stadt der Heimat, Jerusalem,
Alleluja ist der Ruf
deiner freudenvollen Bewohner;
wir aber, die wir an den Flüssen Babylons
verbannt sind, vergießen Thränen.

Alleluja, allzeit zu singen,
sind wir nicht würdig;
der Vorwurf der Sünde gebietet uns,
das Alleluja zu unterlassen,
und die Zeit ist da, da wir die
begangenen Missetaten betrauern müssen.

Und nun preisen und bitten wir
Dich, o heilige Dreifaltigkeit ,
lass uns Dein Osterfest im Himmel sehen,
damit wir freudig
Dir ein ewiges
Alleluja singen.

Deutsch von J. B. Heinrich

fontes

Dom Prosper Guéranger, Das Kirchenjahr, Bd 4: Die Vorfastenzeit, Mainz 1876

scholia / marginalia

Hymnus zur ersten Sonntagsvesper am Samstag vor Septuagesima

Wir übernehmen Text und Übersetzung des Hymnus unverändert Guérangers „Kirchenjahr“, 4. Band. Dort  (S. 114 ff.) fanden wir auch die im Folgenden gestrafft wiedergegebene Erläuterung.

Der Lauf des Kirchenjahres führt uns nun allmählich dem schmerzhaften Leiden Jesu Christi und seine.r glorreichen Auferstehung näher. ... Die heilige Kirche fühlt daher wohl das Bedürfnis, unsere Herzen jener Schläfrigkeit zu entreißen, die nur zu leicht sich ihrer bemächtigt. Sie muß ihnen einen kräftigen Anstoß geben, daß sie sich wieder überirdischen Dingen zuwenden, und dies thut sie heute, indem sie von jetzt an das Alleluja uns entzieht, jenen Jubellaut des Himmels, mit welchem wir in die Lobgesänge der Engel einstimmen.

Wir sind nur gebrechliche Menschen, Sünder, deren Nacken nach der Erde gekrümmt ist; wie kam nun dieser Ruf einer besseren Heimath aus unserem Munde? Unzweifelhaft hat ihn uns der Emmanuel, der göttliche Mittler zwischen Gott und den Menschen mitten unter den FReuden seiner Geburt vom Himmel gebracht, und da haben wir gewagt, ihn zu wiederholen; wir werden ihn in den Freuden der Auferstehung mit Begeisteruzng anstimmen. Aber um würdig das Alleluja zu singen, müssen wir uns auch nach dem Orte sehnen, woher es kam; denn das ist kein leeres Wort, kein bedeutungsloser Laut, aus ihm klingt die Erinnerung an die Heimath, aus welcher wir eben verbannt, und das Sehnen nach der Rückkehr.

Das Wort "Alleluja" bedeutet "Lobet Gott! Aber es hat einen ganz eigenthümlichen Klang. Selkbstverständlich entbindet sich die Kirche, indem sie das Alleluja wegläßt, nicht auf neun Wochen der Pflicht Gott zu loben.Aber sie versagt sich dieses Wort himmlischen Klangs.An seine Stelle treten die Worte "Laus tibi domini, rex aeternae gloriae, Lob sei Dir, o Herr, König der ewigen Herrlichkeit." Auch damit verkündet sie Gottes Lob, aber das sind irdische Worte, während das Alleluja aus dem Himmel kam. (...)

In diesen Tagen nun müssen wir die Härte unserer Verbannung ganz besonders fühlen, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, daß wir im Schoße des treulosen Babylon haften bleiben. Es ist wichtig, daß wir uns gegen die Reize und Verlockungen des gefährlichen Aufenthalts, an welchem wir während unserer Verbannung weilen, vorsehe. nDeshalb gibt uns die Kirche in Würdigung der Täöschungen, die uns umgaukeln, der Gefahren, die uns bedrohen, einen feierlichen Wink. Indem sie uns jenen Freudenruf nicht ferner gestattet, sagt sie uns, daß unsere Lippen erst gereinigt werden müssen, bevor wir wiederum das Wort der Engel und Heiligen aussprechen dürfen. (...)

Leider bekümmert man sich wenig mehr um die liturgieschen Formen, und es ist dieser Umstand ein trauriges Zeichen des Verfalls des Glaubens, der rings um uns in so bedenklicher WEise um sich greift. Dieser Gleichgiltigkeit ist es denn auch zuzuschreiben, wenn viele Christen, selbst unter denen, welche noch zur Kirche und den heiligen Sakramenten gehen, jedes Jahr den Wegfall des Allelujah sehen, ohne sich dabei etwas weiteres zu denken, als daß es eben wegfällt. Kaum finden sich noch etliche, welche der Bedeutung dieses Wegfalls eine oberflächliche Überlegung widmen; so sind die meisten mit ihrer privaten, außerhalb des Gedankenganges der Kirche sich bewegenden Andacht beschäftigt.

Hören wir einen Augenblick die Wahrhaft rührenden Gesänge, welche diese gezwungene Unterbrechung in jenem Himmelsrufe der Frömmigkeit unserer Väter entlockt haben. Freilich geschah dieses zu einer Zeit, in welcher noch der christliche Glaube für den Einzelnen, wie für die Gesamtheit, die oberste Richtschnur bildete.

Die heiligen Gesänge, mit welchen die verschiedenen Kirchen im Mittelalter von dem Alleluja Abschied nahmen, waren, nach der Verschiedenheit der Orte, von mannigfachen Gefühlen durchwebt. Hier brach sich jubeldn nochmals die Begeisterung Bahn, womit dies Wort aus Engelsmund die Gläubigen erfüllte, dort wieder athmet das Lierd die Trauer darum, daß es uns fürder fehlen soll.

Soweit also Dom Guéranger, der übrigens in dieser Passage ganz nebenbei einen Begriff von „participatio actuosa“ anwendet, der unmittelbar einleuchtend und weit entfernt von dem auf äußerliche Geschäftigkeit hinzielenden Verständnis moderner Liturgiereformer ist. Zu Datierung des Hymnus, für den er keinen Autor nennt, verweist Gueranger auf das 13. Jahrhundert. Andere Autoren des 19. Jahrhunderts verweisen für „Vorformen“ auf angelsächsische Manuskripte aus dem 11. Jahrhundert.

 

metrum