Salve, Iesu reverende

Arnulphus de Lovanio(? – 1250)

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aus dem Graduale von Katharinental.

Lateinisch:

Salve, Iesu reverende,
Mihi semper inquirende,
Me astantem hic attende,
Accedentem me accende
Præcordiali gratia.

Salve, cuius dulcis vultus,
Immutatus et incultus
Immutavit suum florem,
Totus versus in pallorem
Quem cæli tremit curia.

Omnis vigor atque viror
Hinc recessit, non admiror,
Mors apparet in aspectu,
Totus pendens in defectu,
Attritus ægra macie.

Sic affectus, si despectus,
Propter me sich interfectus
Peccatore tam indigno
Cum amoris intersigno
Appare carus hodie.

In hac tua passione
Me agnosce, pastor bone,
Cuius sumpsi mel ex ore,
Haustum lactis ex dulcore
Præ omnibus deliciis.

Non me reum asperneris,
Nec indignum dedigneris;
Morte tibi iam vicina
Tuum caput hic inclina,
In meis pausa brachiis.

Tuæ sanctæ passioni
Me gauderem interponi,
In hac cruce tecum mori
Præsta crucis amatori,
Sub tua cruce moriar.

Morti tuæ iam amaræ
Grates ago, Iesu care,
Qui es præsens, pie Deus,
Fac quod petit tuus reus,
Ut absque te non finiar.

Dum me mori est necesse,
Noli mihi tunc deesse;
In tremenda hortis mora,
Veni, Iesu, absque mora,
Tuere me et libera.

Cum me iubes emigrare,
Iesu care, tunc appare;
O amator amplectende,
Temet ipsum tunc ostende
In cruce salutifera.

Maria, Mater gratiæ,
Dulcis parens clementiæ,
Tu nos ab hoste protege
Et mortis hora suscipe.

Iesu, tibi sit gloria,
Qui natus es de Virgine,
Cum Patre et almo Spiritu
In sempiterna sæcula. Amen.

Deutsch:

Sei gegrüsst, den ich verehre,
Den ich suche und begehre:
Dem gewillten dich verbünde
Und den sehnenden entzünde,
Bis mich dein herz mit huld erquickt.

Sei gegrüsst, des süsse wangen
Furchen qual und todesbangen,
Dessen blume ganz verblichen,
Ganz dem bleichen schmerz gewichen,
Jesus, vor dem der himmel schrickt.

Alle kraft und alles blühen
Schwand vor diesen grausen mühen:
In dein antlitz steigt der schatten,
Hängst in gänzlichem ermatten,
Von bittrer magerkeit gezehrt.

So erschöpft und so verachtet,
So für mich dahingeschlachtet,
Halte mich unwürdigen sünder
Du, der liebe hoher künder,
Nur heute deines kommens wert.

Wolle in der qualen brennen,
Guter hirt, mich noch erkennen,
Dem nur honig sich ergossen,
Dem nur süsse milch geflossen,
Von deinem mund vor aller lust.

Rechne nicht mit der verschuldung,
Gönne dem unwürdigen duldung,
Drückt der tod schon deine lider,
Neig dein haupt zu mir hernieder
Und ruhe aus an meiner brust.

Lass mich deine heiligen plagen
In beglückter freude tragen,
Lass mit dir am kreuz mich hängen,
Den zum kreuz die gluten drängen:
O stürb ich unterm kreuze hier!

Deines todes ungeheurer
Duldung sag ich dank, o teurer,
Der du weilst in unsrer mitte,
Gib, worum ich sünder bitte:
Dass ich nicht sterbe fern von dir.

Wenn ich mich zum tod bereite,
Weiche nicht von meiner seite.
In der todesstunde schauern
Komm, o Jesus, lass nicht dauern
Des erdenlebens bittern teil.

Wenn du mir zu gehen befohlen,
Komm, du teurer, mich zu holen:
Liebender, dich zu umfangen,
Zeig dich liebendem verlangen
Am kreuze dann, dem hort und heil.

O Maria, Mutter der Gnade,
süße Mutter der Erbarmung,
beschütze uns vor dem Feinde,
und hilf uns in der Stunde des Todes.

O Jesus, der du geboren wurdest von der
Jungfrau, dir sei Ruhm
mit dem Vater und dem heiligen Geiste
in alle Ewigkeit. Amen

Deutsch von Friedrich Wolters (1876 – 1930)

fontes

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 327
Friedrich Wolters, Hymnen und Sequenzen, S. 131ff.

scholia / marginalia

Ad Singula Membra Christi Patientis Rhythmus
Auf die einzelnen Glieder des leidenden Christus

Die ersten fünf Verse des Gedichts sind später folgendermaßen umgeformt worden:

Salve caput cruentatum,
Totum spinis coronatum,
Conquassatum, vulneratum,
Arundine sic verberatum
Facie sputis illita.

Der Text stammt aus einer siebenteiligen Dichtung, welche sich an jeden der misshandelten Körperteile des leidenden Christus wendet, an die Füße, die Knie, die Hände, die Seite, die Brust, ans Herz und ans Antlitz; hier ist der Teil „AdFaciem“ wiedergegeben.

Einen ähnlichen Hymnus auf die misshandelten Glieder Christi hat der Prior Konrad von Gaming (Conradus Gemnicensis) verfasst, der in verschiedenen Handschriften überliefert ist. P. Gall Morel (Lateinische Hymnen des Mittelalters, grösstentheils aus Handschriften ..., S. 26ff.) druckt den Hymnus „De passione Domini“ (Omnibus consideratis paradisus voluptatis) nach einer Einsiedler Handschrift des 15. Jahrhunderts, F.J. Mone (Lateinische Hymnen des Mittelalters, aus Handschriften ..., 1. Band, S. 159ff.) gibt ihn nach einer Münchner Handschrift wieder, „Oratio de passione Christi“ (Salve mea o patroana, crux beata), mit zusätzlichen Strophen und in anderer, aber weniger überzeugenden Anordnung wieder.

Der Hymnus „Salve Caput cruentatum“ des Zisterzienserabtes Arnulf von Löwen bildet die Grundlage für das wohl bekannteste deutschsprachige Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt.

Vertonung: Dieterich Buxtehude, Membra Jesu nostri patientis sanctissima

Dieser Hymnus ist aus andern Hymentexten zusammengestellt; die erste Strophe stammt aus dem Hymnus „Iesu redemptor omnium, quem lucis“, die Schlussstrophe ist identisch mit den Schlussstrophen der Hymnen „Quem terra, pontus, sidera“ und „O gloriosa virginum“(Fortunatus).

metrum

Guido Maria Dreves gibt den „Rhythmus“ in der Gestalt von fünf Doppelstrophen wieder. Die Teilstrophen bestehen aus je vier trochäischen und einem jambischen Dimeter. Reimschema aabbc ddeec