Advenit veritas

Petrus Abaelardus (1079 – 1142)

Lateinisch:

Advenit veritas, umbra præteriit,
Post noctem claritas diei subiit,
Ad ortum rutilant superni luminis
Legis mysteria plena caliginis.

Nocturnum Moysi cedat præconium,
Diurnum congruit diei canticum,
Cum Christo prodeunt cuncta de latebris,
Nec locum deserit lux tanta tenebris.

Velamen exuunt figuræ mysticæ,
Est in re veritas, iam non in schemate,
Promissa liquido complens porphetica
Iota vel apicem non sinit irrita.

Transacto flebili de morte vespere
Cum vita redditur mane lætitiæ,
Resurgit Dominus, apparent angeli,
Custodes fugiunt splendore territi.

Sanctorum plurimi qui iam dormierant,
Surgentis gloriam surgendo prædicant;
In testimonium surgentis Domini,
Conscendunt mortui descendunt angeli.

Perenni Domino perpes sit gloria,
Ex quo sunt, per quem sunt, in quo sunt omnia:
Ex quo sunt, pater est, per quem sunt, filius,
In quo sunt, patris et fili spiritus.

Deutsch:

Es kommt die wahrheit nun,
Der schatten niederflieht,
Auf nacht die klarheit nun
Des Tages aufwärts zieht.
Gen morgen glühen auf
Der höchsten herrlichkeit
Alte geheimnisse
Voll tiefer dunkelheit.

Das nächtige ruferamt
Des Moses schweiget schon,
Des lichtes lobgesang
Stimmt in des tages ton,
Vor Christus weicht zurück
Versteck und hindernis,
Vor solchem lichte bleibt
Kein ort in finsternis.

Von mystischer gestalt
Fällt der umhüllung tuch:
Wahrheit ist wirklichkeit,
Nicht mehr im rätselspruch.
Was der prophet versprach,
Ward klarheit ohne hehl,
Um jota nicht noch punkt
Ging die erfüllung fehl.

Wich erst die todesnacht
Mit ihrer traurigkeit,
Und bringst das leben du
Morgen voll fröhlichkeit,
Ersteht der herr uns auf,
Von engeln sanft geweckt,
die wächter fliehen fort,
Vom hellen glanz geschreckt.

Der heiligen jubelschar,
Die schon im schlafe lag,
Preisen im auferstehn
Des auferstandnen tag:
Zum zeichen, dass der herr
Vom grabe auferstand,
Hebt sich der toten chor,
Senkt sich der engel band.

Des ewigen Gottes lob
Nur ewiger schall ermisst,
Aus dem und durch den nur
Und in dem alles ist:
Der ausgang Vater ist,
Der durchgang Sohn uns heisst,
Das insein Vaters und
Des Sohnes Heiliger Geist.

Deutsch von Friedrich Wolters (1667 - 1930)

fontes

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Erster Teil, S. 225
Friedrich Wolters, Hymnen und Sequenzen, S. 103ff.

scholia / marginalia

Hymnus Diei Dominicae ad Laudes
Hymnus am Tag des Herrn zur Laudes

metrum

Versmaß: akzentuierende akatalektische daktylische Tetrameter (an sich bilden je zwei Zeilen einen Vers, was hier aus dem Druckbild des deutschen Textes nicht ohne Weiteres ersichtlich ist.
Bei Henry Spitzmuller (S. 532ff.) ist das Druckbild metrisch unmissverständlich, die Verse in vierzeiligen Strophen angeordnet:

Advenit veritas,     umbra præteriit,
Post noctem claritas     diei subiit,
Ad ortum rutilant     superni luminis
Legis mysteria     plena caliginis.