Summi regis cor

Arnulph von Löwen (* ? – † 1150)

Lateinisch:

Summi regis cor, aveto,
te saluto corde laeto,
te complecti me delectat,
et hoc meum cor affectat,
ut ad te loquar, animes.
quo amore vincebaris,
quo dolore torquebaris,
cum te totum exhaurires,
ut te nobis impartires,
et nos a morte tolleres?

O mors illa quam amara,
quam immitis, quam avara;
quae per cellam introivit,
in qua mundi vita vivit,
te mordens, cor dulcissimum!
propter mortem quam tulisti
quando pro me defecisti,
cordis mei cor dilectum,
in te meum fer affectum,
hoc est quod opto plurimum.

O cor dulce praedilectum,
munda cor meum illectum,
et in vanis induratum;
pium fac et timoratum,
repulso tetro frigore.
per medullam cordis mei,
peccatoris atque rei,
tuus amor transferatur,
quo cor totum rapiatur
languens amoris vulnere.

Dilatare, aperire,
tanquam rosa fragrans mire,
cordi meo te conjunge,
unge illud et compunge;
qui amat te, quid patitur?
quidnam agat nescit vere,
nec se valet cohibere,
nullum modum dat amori,
multa morte vellet mori,
amore quisquis vincitur.

Viva cordis voce clamo,
dulce cor; te namque amo:
ad cor meum inclinare,
ut se possit applicare,
devoto tibi pectore.
tuo vivat in amore
ne dormitet in torpore,
ad te oret, ad te ploret
te adoret, te honoret,
te fruens omni tempore.

Rosa cordis, aperire,
cujus odor fragrat mire,
te dignare dilatare,
fac cor meum anhelare
flamma desiderii.
da cor cordi sociari,
tecum, Jesu, vulnerari.
nam cor cordi similatur,
si cor meum perforatur
sagittis improperii.

Infer tuum intra sinum
cor ut tibi sit vicinum,
in dolore gaudioso
cum deformi specioso,
quod vix se ipsum capiat.
hic repauset, hic moretur,
ecce jam post te movetur,
te ardenter vult sitire.
Jesu, noli contraire,
ut bene de te sentiat.

Deutsch:

Herz des höchsten Königs, sei gegrüßt,
ich grüße Dich mit freudigem Herzen,
Dich zu umarmen erfreut mich,
und danach strebt mein Herz,
daß du mich ermutigst, Dich anzusprechen.
Von welcher Liebe wurdest Du besiegt,
von welchem Schmerz wurdest du verkrümmt
als Du Dich ganz erschöpftest
damit Du Dich uns ganz hingäbest
und uns vom Tode erlöstest.

O wie bitter ist dieser Tod,
wie grausam und wie gierig,
der in diese Kammer eintrat,
in der das Leben der Welt lebt
der Dich angriff, liebstes Herz.
Wegen des Todes, den Du auf Dich genommen hast,
als du für mich gestorben bist,
meines Herzens geliebtes Herz,
wende zu Dir meine Liebeskraft -
das ist es, was ich am meisten ersehne.

O liebstes hoch geschätztes Herz,
reinige mein verführbares Herz,
das in Sünden verhärtet ist,
mach es fromm und gottesfürchtig,
indem die schändliche Kälte vertreibst
In das Innere meines Herzens,
eines Sünders und Schuldigen,
möge Deine Liebe übertragen werden,
damit dadurch das Herz ganz ergriffen werde
überwunden durch die Wunde der Liebe.

Weite und öffne Dich
wunderbar duftend wie eine Rose,
verbinde Dich mit meinem Herzen
salbe es oder steche es
wer Dich liebt – was wird er leiden?
Es weiß wirklich nicht, was er tun soll
und kann sich nicht zurückhalten;
es gibt der Liebe kein Maß
und ist bereit, vielfachen Tod zu sterben,
ein jeder, der durch solche Liebe besiegt ist.

Mit lebendiger Herzensstimme rufe ich,
Dich liebstes Herz, denn Dich liebe ich,
zu meinem Herzen sich zu neigen,
damit es sich anlehnen kann,
ehrfürchtig an Deine Brust.
Es möge Dir in Liebe leben,
und nicht in Trägheit schlafen,
es soll zu Dir beten und Dich anflehen,
Dich anbeten und Dich ehren
und sich Deiner allzeit erfreuen.

Rose des Herzens, Du stehst offen,
dessen Duft wunderbar verströmt
sei so gnädig, Dich auszuweiten
mach, daß mein Herz anfache
die Flamme des Verlangens.
Gib, daß Herz sich mit Herz verbindet,
und mit Dir, Jesus verwundet werden,
wenn so  Herz sich Herz angleicht,
und mein Herz durchbohrt wird
von den Pfeilen der Anklagen.

Bringe mein Herz in Deinen Busen,
damit es dem Deinen nahe sei
und in freudenreichem Schmerz
und in entstellter Schönheit
- was es kaum selber zu fassen vermag -
dort ausruhen und sich erholen möge.
Siehe, schon bewegt es sich zu Dir hin,
nach Dir will es glühend verlangen -
Jesus, du wollest es nicht abweisen,
damit es sich bei Dir geborgen fühle.

Deutsch von Michael Charlier

fontes

Oratio Rhytmica, pars V: Ad pectus
Zu den Details s. die Miszelle zur Oratio Rhythmica.

Hier die weiteren Teile:

Pars I: ad pedes: Salve, mundi salutare

Pars II: ad genua: Salve Jesu, rex santorum

Pars III: ad manus: Salve Jesu, pastor bone

Pars IV: ad latus: Salve Jesu, summe bonus

Pars V: ad pectus: Salve, salus mea Deus

Pars VI: ad cor: Summi regis cor, aveto

Pars VII: ad faciem: Salve, Caput cruentatum

scholia / marginalia

Zur Autorschaft

Die Autorschaft des sechsten Abschnitts der traditonellen Oratio Rhythmica muß als ungewiss gelten. Als einziger Abschnitt der Oratio beginnt er nicht mit einem „Salve“, sondern mit der Grußformel „aveto“. Außerdem hat dieser Abschnitt als einziger nicht fünf, sondern sieben Dopelstrophen. Auch einige vom heutigen Leser möglicherweise als ungeschickt empfundene stilistische Eigenheiten (z.B. die Doppelung von „cor cordi“  in der 6. Strophe) scheinen so in anderen Abschnitten nicht auf. Bei Mone, Dreves und Spitzmüller wird sie in keiner Form erwähnt. Sehr wahrscheinlich wurde er irgendwann einmal eingefügt, um die Zahl "7" zu erreichen. Der einzige Grund, diesen Abschnitt hier dennoch aufzunehmen, besteht darin, daß er bereits in der von Migne gebotenen und dem hl. Bernhard zugeschriebenen Fassung enthalten ist und daher auch von Paul Gerhard nachgedichtet wurde.

Weitere Informationen s. Miszelle zur Oratio Rhythmica.

Die Nachdichtung von Paul Gerhardt:

An das Herz des Herrn Jesus
(Melodie: O Mensch, bewein, dein Sünde groß)

O Herz des Königs aller Welt,
des Herrschers in dem Himmelszelt,
dich grüßt mein Herz mit Freuden.
Mein Herze, wie dir wohl bewußt,
hat seine größt‛ und höchste Lust
an dir und deinem Leiden.
Ach wie bezwang und drang dich doch
dein edle Lieb ins bittre Joch
der Schmerzen dich zu geben,
da du dich neigtest in den Tod,
zu retten aus der Todesnoth,
mich und mein armes Leben.

O Tod, du fremder Erdengast,
wie warst du so ein‛ herbe Last
dem allersüßten Herzen!
Dich hat ein Weib der Welt gebracht,
und machst dem der die Welt gemacht
so unerhörte Schmerzen!
Du meines Herzens Herz und Sinn,
du brichst und fällst und stirbst dahin!
Wollst mir ein Wort gewähren:
Ergreif mein Herz und schleuß es ein
in dir und deiner Liebe Schrein!
Mehr will ich nicht begehren.

Mein Herz ist kalt, hart und bethört
von allem was zur Welt gehört,
fragt nur nach eitlen Sachen:
Drum herzes Herze, bitt ich dich,
du wollest dies mein Herz und mich
warm, weich und sauber machen.
Laß deine Flamm und starke Glut
durch all mein Herze, Geist und Muth,
mit allen Kräften dringen,
laß deine Lieb und Freundlichkeit
zur Gegenlieb, Herr, jeder Zeit
mich armen Sünder bringen.

Erweitre dich, mach alles voll,
sei meine Ros‛ und riech mir wohl,
bring Herz und Herz zusammen!
Entzünde mich durch dich, und laß
Mein Herz ohn End und alle Maß
in deiner Liebe flammen.
Wer dieses hat, wie wohl ist dem!
In dir beruhn ist angenehm;
ach! Niemand kanns gnug sagen.
Wer dich recht liebt, ergibt sich frei
in deiner Lieb und süßen Treu
auch wohl den Tod zu tragen.

Ich ruf aus aller Herzensmacht
dich, Herz, in dem mein Herze wacht,
ach! Laß dich doch errufen!
Komm, beug und neige dich zu mir
an meines Herzens arme Thür,
und zeuch mich auf die Stufen
der Andacht und der Freudigkeit,
gib daß mein Herz in Lieb und Leid
dein eigen sei und bleibe,
daß dir es dien an allem Ort
und die zu Ehren immerfort
all seine Zeit vertreibe.

O Herzensros‛, o schönste Blum,
ach wie so köstlich ist dein Ruhm,
du bist nicht auszupreisen.
Eröffne dich, laß deinen Saft
und des Geruchs erhöhte Kraft
mein Herz und Seele speisen.
Dein Herz, Herr Jesu, ist verwundt,
ach! Tritt zu mir in meinen Bund
und gib mir deinen Orden:
verwund auch mich, o süßes Heil,
und triff mein Herz mit deinem Pfeil,
wie du verwundet worden.

Nimm mein Herz, o mein höchstes Gut,
und leg es hin, wo dein Herz ruht
da ists wohl aufgehoben;
da geht’s mit dir gleich als zum Tanz,
da lobt es deines Hauses Glanz,
und kanns doch nicht gnug loben.
Hier setzt sichs, hier gefällts ihm wohl;
hier freut sichs, daß es bleiben soll.
Erfüll, Herr, meinen Willen,
und weil mein Herz dein Herze liebt,
so laß auch, wie dein Recht es gibt,
dein Herz mein Herze stillen.

metrum

Migne gibt den „Rhythmus“ in der Gestalt von fünf Doppelstrophen wieder. Die Teilstrophen bestehen aus je vier trochäischen und einem jambischen Dimeter. Das Reimschema ist bei den Trochäen variabel und schwankt zwischen aaaac - bbbbc und aabbc - ddeec