Caelestis Urbs Ierusalem

Anonymus

Lateinisch:

Cælestis urbs Ierusalem,
Beata pacis visio,
quæ celsa de viventibus
saxis ad alta tolleris
sponsæque ritu cingeris
mille Angelorum millibus.

O sorte nupta prospera,
dotata Patris gloria,
respersa sponsi gratia,
regina formosissima,
Christo iugata principi,
cæli corusca civitas.

Hic margaritis emicant,
patentque cunctis ostia:
virtute namque prævia
mortalis illuc ducitus,
amore Christi percitus
tormenta quisquis sustinet.

Scalpari salubris ictibus,
et tunsione plurima,
fabri polita malleo
hanc saxa molem construunt,
aptisque iuncta nexibus
locantur in fastigio.

Alto ex Olympi vertice
summi Parentis Filius,
ceu monte desectus lapis
terras in imas decidens,
domus supernæ et infimæ
utrumque iuncis angulum.

Sed illa sedes Cælitum
semper resultat laudibus,
Deumque trinum et unicum
iugi canorse prædicat:
illi canentes iungimur
almæ Sionis æmuli.

Hæc Templa, Rex cælestium,
imple benigno lumine:
huc, o rogatus, adveni
plebisque vota suscipe
et nostra corda iugiter
perfunde cæli gratia.

Hic impetrent fidelium
voces precesque supplicum
domus beatæ munera,
partisque donis gaudeant
donec, soluti corpore,
sedes beatas impleant.

Decus Parenti debitum
sit usquequaque Altissimo,
Natoque Patris unico,
et inclyto Paraclito,
cui laus, potestas, gloria
æterna sit per sæcula. Amen

Deutsch:

Himmlische Stadt Jerusalem, glückseliges
Schauen des Friedens, die du aus lebenden
Steinen hochgetürmt bis zu den Sternen
dich erhebst und nach Art einer Verlobten
von tausend mal tausene Engeln
umgeben wirst.

O zu glücklichem Lose Vermählte,
ausgestattet mit der Herrlichkeit des
Vaters, überhäuft mit der Gnade des
Verlobten, allerschönste Königin,
verbunden mit Christus dem Fürsten,
glänzende Himmelsstadt.

Die Thore erglänzen hier von Edelsteinen
und stehen offen für alle, denn auf
dem Wege der Tugend wird hier der
Sterbliche hineingeführt: ein jeder, der
von der Liebe zu Christus durchdrungen,
die Leiden übersteht.

Durch die Hiebe des kräftigen Meißels
und durch die zahlreichen Schläge vom
Hammer des Meisters geglättet,
bilden die Steinen diesen Bau
und in passender Fügung verbunden
werden sie zum Prachtwerk aufgestellt.

Von dem hohen Himmelssitze kam
der Sohn des höchsten Vaters, wie
der vom Berge abgetrennte Stein auf
die Erde herabstürzte, und er stellte
die Verbindung her zwischen der
himmlischen und irdischen Wohnung.

Doch jener Sitz der Himmlischen erschallt
fortwährend wieder von Lobgesängen
und preiset in stetem Gesange den einen
und dreipersönlichen Gott; ihm schließen
wir uns singend an, hinstrebend
nach dem heiligen Sion.

Diese Gotteshäuser, o König der
Himmelsbewohner, erfülle mit deinem
gütigen Lichte; o komme hierher auf
unsere Bitten und nimm an die Gebete
des Volkes und laß unsere Herzen
durchströmen von der Gnade des Himmels.

Hier mögen die Worte der Gläubigen
und die Bitten der Flehenden die Gaben
des glückseligen Hauses erlangen und
mögen sich freuen über die erhaltenen
Gaben, bis sie, vom Körper erlöst, die
glückseligen Wohnsitze einnehmen.

Geziemende Ehre sei dem Vater,
dem Allerhöchsten, zu jeder Zeit,
dem einzigen Sohne des Vaters,
und dem erhabenen Tröster,
ihm sei Lob, Macht und Ehre
in alle Ewigkeit. Amen.

Deutsch von Adalbert Schulte

fontes

Breviarium Romanum

Adalbert Schulte, Die Hymnen des Breviers, S. 109 - 116

Brevarium Monasticum. Commune Dedicationis ecclesiae. Pars aestivalis. Mecheln 1882, S. [160] [176]

scholia / marginalia

Breviarium Romanum. Commune Dedicationis ecclesiae, ad I Vesperas et ad Laudes (et per Horas)
Brevarium Monasticum. In dedicatione Ecclesiae, ad Vesperas et ad Laudes

Dieser achtstrophige Hymnus ist im Brevier in zwei Hymnen zu je vier Strophen aufgeteilt. Die Fassung des Breviers weicht von einer ursprünglicheren stark ab. In Gegensatz zu manch anderen Fällen wird aber der neueren Fassung der Vorzug gegeben.

"Vergleicht man beide Textesrecensionen unbefangen, so muß man zweifelsohne der heutigen vor der ehemaligen die Palme zuerkennen, und zwar in Ansehung der Gedankenpräcision wie der dichterischen Grazie; es ist eine völlige Um- und Neugestaltung des ursprünglichen Orginals."
Hugo Lämmer, Coelestis Urbs Ierusalem. Freiburg i. Br. 1866, S. 14

Hier die ältere Fassung, wie sie das Breviarium monasticum überliefert:

Urbs Ierusalem beata,
Dicta pacis visio,
Quæ construitur in cœlis
Vivis ex lapidibus
Et angelis coronata
ut sponsata comite.

Nova veniens e cœlo
Nuptiali thalamo
Præparata, ut sponsata
Copuletur Domino:
Plateæ et muri ejus
Ex auro purissimo.

Portæ nitent margaritis
Adytis patentibus:
Et virtute meritorum
Illuc introducitur
Omnis, qui ob Christi nomen
Hic in mundo premitur.

Tunsionibus, pressuris
Expoliti lapides,
Suis coaptuntur locis
Per manus artificis,
Disponuntur permansuri
Sacris ædificiis.

Angularis fundamentum,
Lapis Christus missus est,
Qui parietum compage
In utroque nectitur,
Quem Sion sancta suscepit,
In quo credens permanet.

Omnis illa Deo sacra,
Et dilecta civitas,
Plena modulis in laude,
Et canore jubilo,
Trinum Deum unicumque
Cum fervore prædicat.

Hoc in templo, summe Deus,
Exoratus adveni;
Et clementi bonitate
Precum vota suscipe;
Largam benedictionem
Hic infunde jugiter.

Hic promereantur omnes
Petita acquirere
Ed adepta possidere
Cum Sanctis perenniter
Paradisum introire,
Translati in requiem.

Gloria et honor Deo
Usquequaque Altissimo,
Una Patre Filioque,
Inclyto Paraclito,
Cui laus est et potestas,
Per æterna sæcula. Amen

Schulte fügt seinem Kommentar zur Hymne (S. 116) "die herrliche Übersetzung des ursprünglichen Textes" bei (F. H. Schlosser, Die Kirche in ihren Liedern. Freiburg 1863).

Stadt Jerusalem, beglückte,
Die Gesicht des Friedens heißt,
Die gebaut ist in den Himmeln
Aus lebendigem Gestein,
Und umwoben von den Engeln
Wie vom Bräutigam die Braut.

Nun herab vom Himmel steigt sie,
Aus dem bräutlichen Gemach,
Auserwählet, daß vermählet
Sie dem Herrn sei immerdar:
Ihre Gassen, ihre Mauern
Aus des Goldes reinstem Strahl.

Ihre Pforten, lichte Perlen,
Öffnen stets das Heiligtum,
Und durch Tugend der Verdienste
Wird in sie hineingeführt
Jeder, der um Christi Namen
Hier bedrängt wird in der Welt.

Wohl durch Qualen, durch Bedrängnis
Ist geglättet jeder Stein:
Eingepaßt an ihre Stätte
Durch des weisen Meisters Hand,
Fügen sie in ew'gem Einklang
Sich zum heiligen Gebäu.

Zur Grundfeste ward als Eckstein
Christus selber eingesenkt,
Drauf nach oben und nach unten
Das Gefüg' der Wände ruht,
Den die heil'ge Sion aufnahm,
Drauf der Glaube fest verharrt.

Diese hehre, Gott geweihte
Und vom Herrn geliebte Stadt
Hallt von Jubelmelodien
Wieder und von Lobgesang,
Preisend ewiglich des einen
und dreiein'gen Gottes Ruhm.

Komm, o Herr, in diesen Tempel,
Komm herab auf unser Flehn:
Neig in ihm vor Huld und Güte
Dich der Gläubigen Gebet:
Geuß herab auf ihn die Ströme
Reichen Segens immerdar.

Schenke deiner Knechte Flehen
Hier Erhörung gnädiglich:
Laß sie deiner Gaben immer:
Mit den Heil'gen sich erfreun:
Laß sie, wann ihr Lauf vollendet,
Eingehn in die Gottesstadt.

Glorie sei dem Herrn und Ehre,
Gott dem Höchsten immerdar:
Preis dem Vater, Preis dem Sohne,
Und dem hehren Tröster Preis:
Welchem Ruhm gebührt und Allmacht
Durch der Zeiten ew'gen Lauf. Amen

metrum

Versmaß: ambrosianisch (metrum ambrosianum), aktalektische iambische Dimeter, anstelle der Iamben können an erster und dritter Stelle auch Spondäen und Anapäste stehen (vgl. Aldalbert Schulte, Die Hymnen des Breviers, S. 9f.).

Die ambrosianische Strophe, die meist aus vier Zeilen oder Versen besteht, ist hier in allen Strophen um zwei Verse erweitert.