Audi, benigne Conditor

Gregorius Magnus (540 - 604)

Lateinisch:

Audi, benigne Conditor,
Nostras preces cum fletibus
In hoc sacro ieiunio
Fusas quadragenario.

Scrutator alme cordium,
Infirma tu scis virium:
Ad te reversis exhibe
Remissionis gratiam.

Multum quidem peccavimus,
Sed parce confidentibus
Ad nominis laudem tui
Confer medelam languidis.

Concede nostrum conteri
Corpus per abstinentiam,
Culpæ ut relinquant pabulum
Ieiunia corda criminum.

Præsta beata Trinitas
Concede simplex Unitas,
Ut fructuosa sint tuis
Ieiuniorum munera.

Deutsch:

O gnädiger Schöpfer, höre
auf unsere Bitten, die wir unter Tränen
in dieser heiligen vierzigtägigen
Fastenzeit ausstoßen.

O gütigster Durchforscher der Herzen,
du kennst das Schwache unserer Kräfte;
verleihe uns, die zu dir sich wenden,
die Gnade der Sündenvergebung.

Zwar haben wir vielfach gesündigt,
doch schone uns, da wir es bekennen;
Zur Verherrlichung deines Namens
laß Heilung angedeihen den Schwachen.

Mache, daß unser Körper durch die
Enthaltsamkeit in Schranken gehalten werde,
damit die Herzen, von Sünden frei,
verlassen die Weide der Sündenschuld.

Gib, o hochselige Dreieinigkeit,
verleihe, o einfache Einheit,
daß die Gaben der Fasten
den Deinigen fruchtbringend seien.

Deutsch von Adalbert Schulte

 

fontes

Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Zweiter Teil, S. 55f.

Breviarium Romanum

Adalbert Schulte, Die Hymnen des Breviers, S. 148ff.

scholia / marginalia

Dominica prima in Quadragesima ad Vesperas
Am ersten Fastensonntag zur Vesper

Die Fastenzeit will auch die Beter des Offiziums auf Magerkost setzen: Die Hymne zur Vesper des ersten Fastensonntags wird an allen Ferialtagen der Fastenzeit wiederholt – und zumindest der Theorie nach hätte es in der Fastenzeit kaum Festtage geben sollen. Tatsächlich haben sich aber auch hier die Heiligengedenken mächtig nach vorne gedrängt, so daß die ursprünglich gewollte Monotonie des eindringlichen Aufrufes  zu Fasten und Buße sich praktisch so nicht einstellte.

Eine gekürzte deutsche Nachdichtung von Joseph Solzbacher aus dem Jahr 1949 unter dem Titel „Hör Schöpfer mild den Bittgesang“ ist unter Nr. 848 ins „Gotteslob“ aufgenommen worden.

Die traditionell Gregor d. Großen zugeschriebene Urheberschaft des Hymnus ist nicht unwidersprochen geblieben.

Guido Maria Dreves, der Herausgeber der Analecta hymnica, weist den Hymnus einem anonymen Verfasser zu. Zudem bezweifelt er die Autorschaft Gregors des Grossen auch im Falle anderer diesem Papst zugeschriebener Hymnen.

Dieser Anssicht widerspricht Clemens Blume, der Mitherausgeber der Analecta hymnica; er bezieht sich in seinen Ausführungen allerdings vorerst vorwiegend auf die sogenannten "Ferialhymnen zur Vesper".

"Die eingehende Untersuchung, welche Dr. G.M. Dreves in der 'Theologischen Quartalsschrift' (Jahrgang 1907, 3. Heft, S. 548ff.) der Frage 'Haben wir Gregor d.Gr. als Hymnendichter anzusehen?' angedeihen ließ, schloß mit der Antwort als Resultat: 'wir haben absolut keinen Grund und keinen Anhaltspunkt, ihn dafür zu erklären; er ist es nicht - donec probetur.' (...)

Diese Skizze möge vorläufig genügen. Sie dürfte wohl zeigen, daß die interessante Frage, welche Dreves aufwarf und mit reicher Litreraturkenntnis unter Vorbringung vieler interesssanter Details erörterte, noch nicht endgültig beantwortet war. In weiser Vorsicht machte er selbst am Schlusse seiner Studie einen Vorbehalt, indem er durch das donec probatur zur Beweisführung aufforderte. Der Aufforderung leistete ich mit den vorliegenden Ergänzungen gern Folge, ohne zu beanspruchen, daß die probatio wirklich schon als sicher erbracht angesehen werde. Hoffentlich aber ist ein guter Schritt in dieser Richtung gemacht worden, um der Hymnodie entprechend der Jahrhunderte hindurch bestehenden und sich wahrlich nicht als ganz haltlos erweisenen Tradition der einen ihrer größten, markantesten Vertreter zu sichern."

Clemens Blume, Gregor der Grosse als Hymnendichter. - In: Stimmen aus Maria-Laach, 74. Band, Freiburg i.Br. 1908, S. 269 und 278

metrum

Versmaß: ambrosianisch (metrum ambrosianum), aktalektische iambische Dimeter, anstelle der Iamben können an erster und dritter Stelle auch Spondäen und Anapäste stehen (vgl. Aldalbert Schulte, Die Hymnen des Breviers, S. 9f.).

Dreves merkt dazu noch an:
"Jedenfalls ein altchristlicher Hymnus, wenn auch die Quellen nicht über das zehnte Jahrhundert hinaufreichen. Das Metrum ist ersichtlich gewahrt, daher 3,3 die gewöhnliche Lesart Ad laudem tui nominis (in Korrektur Urbans VIII: Ad nominis laudem tui) wohl nicht die ursprüngliche; der Reim verschiedentlich angestrebt, nur in einer Strophe durchgeführt."

(Guido Maria Dreves, Clemens Blume, Ein Jahrtausend Lateinischer Hymnendichtung. Zweiter Teil, S. 56)