A solis ortus cardine

Caelius Sedulius (Mitte 5. Jh.)

Lateinisch:

A solis ortus cardine
Ad usque terræ limitem,
Christum canamus principem,
Natum Maria Virgine.

Beatus auctor sæculi
Servile corpus induit,
Ut carne carnem liberans
Ne perderet, quos condidit.

Castæ parentis viscera
Cælestis intrat gratia,
Venter puellæ baiulat
Secreta, quæ non noverat.

Domus pudici pectoris
Templum repente fit Dei,
Intacta nesciens virum,
Concepit alvo filium.

Enititur puerpera,
Quem Gabriel prædixerat,
Quem ventre Matris gestiens
Baptista clausum senserat.

Fæno iacere pertulit,
Præsepe non abhorruit
Et lacte modico pastus est,
Per quem nec ales esurit.

Gaudet chorus cælestium,
Et Angeli canunt Deum,
Palamque fit pastoribus
Pastor, Creator omnium.

Iesu, tibi sit gloria,
Qui natus es de Virgine,
Cum Patre et almo Spiritu,
In sempiterna sæcula. Amen.

Deutsch:

Vom Morgentor des Sonnenwegs
Bis zu der Erde letztem Raum
Schall unser Sang dem Fürsten Christ,
Marien Sohn, der reinen Frau.

Der hohe Bildner alles Seins
Ummantelt sich mit Sklavenkleid,
Um, Fleisch durch Fleisch entschimpflichend,
Nicht preiszugeben, die er schuf.

In keuscher Mutter Werdestatt
Schmiegt Gnade sich des Himmels ein;
Geheimstes trägt der Jungfrau Schoß,
Was keine Jungfrau noch erfuhr.

Die Halle dieser keuschen Brust
Wird Gottes Tempel über Nacht;
Die, unberührt, vom Mann nicht weiß,
Empfing den Sohn im Engelwort.

So schenkt den die Gebärende,
Den Gabriel vorausgenannt,
Den, noch versperrt im Mutterschoß,
Johannes selig vorgefühlt.

Er litt es wohl, auf Heu zu ruhn,
Die Krippenstatt verdroß ihn nicht;
Ein bißlein Milch ersättigt den,
Der keinen Vogel darben läßt.

Aufbricht der Himmel Freudenchor.
Und Engel singen Gotte Lob:
Da ward den Hirten kundgetan
Der Hirt, der alle Dinge schuf.

O Herr, dir sei Verherrlichung,
Geborener aus der Jungrau Schoß,
Mitsamt dem Vater und dem Geist
Durch endlose Jahrhunderte. Amen.

Deutsch von Hans Rosenberg

Anmerkungen

fontes

Brevarium Romanum

Hans Rosenberg, Die Hymnen des Breviers I, S. 107ff.

scholia / marginalia

Ad Laudes Nativitate Domini.
An Weihnachten zu den Laudes.

Jede Strophe des „Hymnus de vita Christi“ beginnt mit einem Buchstaben des Alphabets (Abcdarium, abcdarisch), und zwar in der Reihenfolge desselben (ABCD ..., ohne W).
In der Fassung des Breviers werden die Strophen A – G übernommen, an die zu liturgischen Gebrauch eine formelhafte Schlussstrophe angefügt wurde. Der Text des Breviers weicht im Wortlaut gelegentlich vom ursprünglichen Text ab.

Aus andern Strophen des „Hymnus de vita Christi“ wurde für das Brevier ein weiterer Hymnus gebildet (In Epiphania Domini, ad I Vesperas – Fest der Erscheinung des Herrn), und zwar aus der achten (H), neunten (I), elften (L) und dreizehnten (N), an die wiederum eine formelhafte Schlussstrophe angefügt wurde.

Der Anfang der neuen ersten Strophe

Hostis Herodes impie,
Christum venire quid times?

wurde zu

Crudelis Herodes, Deum
Regem venire quid times?

verändert; auch in den andern Strophen finden sich Abweichungen gegenüber dem Original.

Aus dem Carmen paschale des Coelius Sedulius wurde zu liturgischem Gebrauch ferner eine Anrufung oder ein Lobpreis Marias in den Introitus zum Fest der Geburt Mariens aufgenommen.

Salve, sancta parens, enixa puerpera Regem,
Qui caelum terramque regit in saecula saeculorum.
Coelius Sedulius

- In festo nativitatis B.M.V. et alibi Introitus -

Heil Dir, Gebärerin, hehre, die, Mutter, den König geboren,
Ihn, der Himmel und Erde regiert durch Zeiten der Zeiten.
Coelius Sedulius
(Deutsch von Hans Rosenberg)

- Introitus am Fest Mariä Geburt und an anderen Muttergottesfesten -

Der übernommene Teil des zweiten Verses lautete ursprünglich:

Qui caelum terramque tenet per saecula ...

(vgl. Guido Maria Dreves, Clemens Blume, I, S. 29ff. und Henry Spitzmuller, S. 220, Anm. 87 und S. 1699f.)

metrum

Versmaß: ambrosianisch (metrum ambrosianum), akatalektischer iambischer Dimeter, anstelle der Iamben können an erster und dritter Stelle auch Spondäen und Anapäste stehen (vgl. Aldalbert Schulte, Die Hymnen des Breviers, S. 9f.).