Ave maris stella

Anonymus

Lateinisch:

Ave, maris stella,
Dei mater alma
Atque semper virgo
Felix cæli porta.

Sumens illud Ave
Gabrielis ore,
Funda nos in pace
Mutans nomen Evæ.

Solve vincla reis,
Profer lumen cæcis,
Mala nostra pelle,
Bona cuncta posce.

Monstra te esse matrem
Sumat per te precem,
Qui pro nobis natus
Tulit esse tuus.

Virgo singularis,
Inter omnes mitis,
Nos culpis solutos
Mites fac et castos.

Vitam præsta puram,
Iter para tutum,
Ut videntes Iesum
Semper collætemur.

Sit laus Deo Patri,
Summo Christo decus,
Spiritui sancto
Tribus honor unus.

 

Deutsch:

Meerstern, ich dich grüße,
Gottes Mutter süße,
Allzeit Jungfrau reine,
Himmelspfort’ alleine.

Ave, Mutter, wende
Evas Namen, sende
Gnade für die Sünde,
Uns in Frieden gründe!

Von der Schuld befreie,
Blinden Licht verleihe,
Alles Bös’ abkehre,
Alles Gut’ begehre.

Dich als Mutter zeige,
Mache, daß sich neige
Unserm Flehn auf Erden,
Der dein Sohn wollt’ werden!

Jungfrau auserkoren,
Mild und rein geboren:
Zahle, was wir schuldig,
Mach uns keusch, geduldig!

Woll’ ein reines Leben,
Sichern Weg uns geben,
Daß wir Jesum sehen,
Fröhlich vor ihm stehen!

Lob sei Gott, dem Vater,
Ruhm dem höchsten Christus,
Dem Heiligen Geist
Sei Ehre, allen drei zugleich.

Deutsch von Heinrich Bone (1813 – 1893), bearbeitet

fontes

Brevarium Romanum

O. Hellinghaus, Die kirchlichen Hymnen in den Nachdichtungen deutscher Dichter, S. 298ff.

scholia / marginalia

Ad Vesperas in festis Beatae Maria Virginis.
Zu den Vespern an Festtagen der Jungfrau Maria.

Handschriftliche Quellen reichen bis ins 9. Jahrhundert zurück; der Hymnus dürfte demnach etwas früher entstanden sein.

Im Brevier ist der Hymnus um eine formelhafte Schlussstrophe (Doxologie) erweitert (Sit laus Deo patri...). Von dieser ist auch eine Variante überliefert.

Sit laus Deo patri,
Summum Christo decus,
Spiritui sancto
Honor, tribus unus.

Der Hymnus ist weit verbreitet und hochgeschätzt, wovon "die Gepflogenheit Kunde gibt, der zufolge dieser Hymnus im Chore stets knieend gesungen wird, während sich sonst der Chor zum Gesange des Hymnus zu erheben pflegt" (Dreves - Blume, II, S. 239).

Entgegen der Wortreihenfolge des Breviers (mutans Hevae nomen) des vierten Verses der zweiten Strophe ist der Wortreihenfolge anderer Quellen (mutans nomen Hevae) der Vorzug gegeben worden, weil dann die beiden Wörter, die das Wosrtspiel (Ave, (H)Eva) ausmachen, am Ende des ersten und vierten Verses an hervorgehobener Stelle stehen.

Vom Namen Eva lässt sich das Anagramm Vae (Wehe!, Unglück) ableiten, ein Verweis darauf, dass Eva die Sünde in die Welt brachte. Ferner ergibt der Name Eva umgedreht beziehungsweise von hinten nach vorn gelesen den Gruss Ave, das erste Wort des englischen Grußes, der die Rettung der Menschen ankündigt: "Ave supprimant vae a mis fin à la damnation apportée par Eva" (Henri Spitzmuller, S. 1722).

metrum

Versmaß: vierzeilige Strophen in trochäischen sechssilbigen Trimetern, betont auf der ersten, dritten und fünften Silbe